Diagnose erhalten, aber wie geht es weiter?

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Vor ein paar Tagen habe ich einen fachärztlichen Bericht erhalten, in dem das Asperger-Syndrom bei mir diagnostiziert wird. Für alle, die damit noch nichts anfangen können: Es handelt sich dabei um eine Form des Autismus, die sich vor allem durch „merkwürdiges“ Verhalten gegenüber anderen Menschen bemerkbar macht. Dadurch werden zwischenmenschliche Beziehungen und Freundschaften sehr erschwert. Asperger-Autismus ist angeboren und nicht heilbar oder „wegtherapierbar“.

Auch wenn der Verdacht, dass ich von dieser Entwicklungsstörung betroffen bin, schon seit einigen Jahren bestand und immer wieder im Familien- und Bekanntenkreis geäußert wurde, bedeutet die offizielle Diagnose nun zweifellos einen wichtigen Schritt in meinem Leben. Welche Auswirkungen sie haben wird und wie sehr sie mein weiteres Leben verändern oder verbessern kann, ist für mich im Moment noch nicht einschätzbar.

Hier ein Auszug aus dem Arztbericht:

Er hat Schwierigkeiten, nonverbale Signale zur Kommunikation zu verwerten, hat große Schwierigkeiten, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzunehmen mit gemeinsamen Interessen, Aktivitäten und Gefühlen, hat einen deutlichen Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit, kann sein Verhalten nicht spontan modulieren entsprechend dem sozialen Kontext, hat einen deutlichen Mangel, spontan Freude an der Interaktion mit anderen zu teilen. […] Er ist kaum in der Lage, die Intention seines Gegenübers zu verstehen. […] Er ist sehr angewiesen auf gleiche Abläufe, hat ansonsten Probleme, sich erneut zu orientieren. […]

Die Störung bedeutet eine deutliche Einschränkung im sozialen und beruflichen Leben. Er ist auf eine reizarme Umgebung mit möglichst klar strukturierten Abläufen und eine eindeutige verbale Kommunikation angewiesen.

Was mir mit dieser Diagnose nun definitiv zusteht, ist ein Schwerbehindertenausweis – laut Aussage des Arztes sogar mit einem Grad der Behinderung von 50 Prozent. Darum werde ich mich in den nächsten Tagen kümmern. Außerdem gibt es Angebote von auf Autismus spezialisierten Beratungs- und Therapiezentren, die ich nun grundsätzlich nutzen darf. Auch ambulant betreutes Wohnen (sprich Alltags-Unterstützung im eigenen Wohnumfeld) und Hilfe bei der beruflichen Eingliederung dürfte ich in Anspruch nehmen.

Zu sehen, was nach der Diagnose plötzlich theoretisch alles möglich ist, hat mich positiv beeindruckt. Was davon sich tatsächlich in die Tat umsetzen lässt, wird sich noch zeigen. Für mich ist nun auf jeden Fall klar, dass ich in Bezug auf meine berufliche Planung ziemlich umdenken möchte. Natürlich würde ich mich nach wie vor gerne im Freiwilligendienst engagieren, sehe es aber als dringlicher an, mir zunächst einmal konstruktiven Rat zu holen und dadurch einen Überblick zu verschaffen, welche beruflichen Chancen ich als Aspie längerfristig überhaupt habe und welche Förderungsmöglichkeiten es gibt.

Allerdings sehe ich mich nun auch mit einem Dilemma konfrontiert. Zum einen befinden sich – so weit ich es ersehen kann – die Therapiezentren und Beratungsstellen, die mir nun theoretisch zur Verfügung stehen, in Städten. Mein Wunsch war und ist es aber weiterhin, mich beruflich und privat weitestgehend aus den Städten zurückzuziehen. Zum anderen stellt sich mir die Frage, an welchem Ort ich die entsprechenden Angebote künftig überhaupt nutzen soll. Diese sind – wie so vieles – an den Wohnort gebunden. Soll heißen: Sie richten sich logischerweise an Einwohner eines bestimmten Ortes und ggf. der direkten Umgebung und sind nur von ihnen nutzbar. Das Ziel der Beratung und Therapie soll schließlich die bessere Eingliederung an eben diesem Ort sein – auf beruflicher und sozialer Ebene und unter Einbeziehung der Mitmenschen, auf die es im Alltag ankommt.

Doch wo soll ich mich eingliedern? Wo will ich meinen Lebensunterhalt bestreiten und soziale Kontakte pflegen? Ein konkreter Ausgangspunkt würde mir bei dieser Entscheidung massiv helfen. An meinem derzeitigen Wohnort Essen sehe ich diesen Ausgangspunkt nicht. Ich hatte ihn vor ein paar Jahren als meine Wahlheimat auserkoren, weil ich das Ruhrgebiet und seine Menschen sympathisch fand. Aber er bietet mir leider keinen Familien- oder Freundeskreis in der unmittelbaren Umgebung, der mich auffangen kann. Er bietet mir zwar derzeit einen Job, in dem ich mich sicher und als der, der ich bin, akzeptiert fühle – aber nicht die Art von Job, die ich mir für mein weiteres Leben wünsche. Und zudem reicht mein momentan erzieltes Einkommen nur mit Ach und Krach für den Lebensunterhalt.

Eine berufliche und räumliche Veränderung erscheint mir weiterhin mittelfristig angemessen. Genau genommen bis Oktober, denn dann wird der Campingplatz schließen, auf dem mein Wohnwagen-Domizil momentan steht. Ich hoffe, dass sich bis dahin ein Ausgangspunkt in Form eines sicheren und für mich geeigneten Wohnorts gefunden hat, an dem ich mich eingliedern und die Weichen für mein weiteres Leben als Aspie stellen kann.

Wer braucht Brauchtum?

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In meiner Wahlheimat im Westen Deutschlands ist momentan wieder die Saison der Schützenfeste. Sie wechselt sich ja beinahe unmittelbar mit der alljährlichen Karnevalssession ab. In meiner ursprünglichen Heimat – dem Westerwald – findet in den Sommermonaten praktisch ständig irgendwo eine Kirmes statt. An Karfreitag und -samstag waren in den Dörfern statt Kirchenglocken klappernde Kinder zu hören, um die Tageszeit zu verkünden. In jeder ländlichen Gegend Deutschlands findet sich regionales Brauchtum in vielfältigen Ausprägungen. In den Städten ist davon kaum noch etwas erhalten geblieben – mit Ausnahme des Karnevals. Warum?

Im Grunde liegt es auf der Hand. Städte haben sich im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung während der vergangenen Jahrhunderte als kommerzielle Zentren gebildet. Große Teile der Bevölkerung fanden in ihnen Arbeit und damit sinnvolle Aufgaben. In Städten ist aufgrund der dort vorhandenen individuellen Beschäftigungsangebote (beruflicher wie kultureller Art) der Bedarf nach Anschluss an Kollektive nicht so groß. Brauchtum funktioniert indes nur in Kollektiven.

Die soziale Evolution der Menschheit führt wie eben beschrieben zu einer Konzentration der Bevölkerung in Ballungsräumen. So lange diese Tendenz nicht wieder abflaut, ist sie als Fortschritt zu sehen. Es lässt sich parallel dazu in entwickelten Ländern bereits seit Längerem ein Trend unter Städtern ausmachen, einen „ruhigen und idyllischen“ Wohnort auf dem Land zu wählen, während sich der Arbeitsplatz weiterhin in einer nahe gelegenen Stadt befindet. Ich spreche hierbei von „unechter Landbevölkerung“. Bei solchen Lebensentwürfen ist – bedingt durch das Pendeln – das persönliche Zeitbudget jedoch in der Regel nicht ausreichend für die Ausübung von Brauchtum. Oder es werden in der Freizeit wie gewohnt die Angebote der Städte genutzt, in denen man ohnehin noch den größten Teil des Alltags verbringt. Erst als Rentenbezieher könnte man sich dann ohne Verzicht auf Lebensunterhalt ausgiebig dem Erhalt regionaler Traditionen widmen. Doch ich unterstelle, dass die meisten ehemaligen Stadtbewohner hieran kein großes Interesse haben.

Nicht zu leugnen bleibt das im Vergleich zu Ballungsräumen viel größere zeitliche Kontingent der „echten Landbevölkerung“. Und die daraus resultierende Folgerung, dass Brauchtum von dieser noch ausgeübt wird. Warum es getan wird, lässt sich also mit dem Zeitfaktor erklären. Aber was wird getan und für wen wird es getan? Natürlich gibt es unzählige Bräuche, die sich von Region zu Region unterscheiden. Jedoch scheinen sie alle etwas gemeinsam zu haben: die Förmlichkeit. Egal ob es sich um die Zubereitung spezieller Speisen handelt oder um öffentliche Veranstaltungen – wer die Ausübung von Brauchtum als Außenstehender verfolgt, wird stets die Einhaltung rigider Abläufe oder eines optischen Erscheinungsbilds beobachten. Trachten, Uniformen, rituelle Handlungen und symbolträchtige Objekte spielen eine prägende Rolle. Spontanität, Variation oder gar Improvisation sind in aller Regel nicht erwünscht. Ohne auf einzelne Bräuche eingehen zu wollen, halte ich fest, dass die strikte Einhaltung von Form und Regeln sie alle verbindet.

Bleibt noch die Frage nach dem Nutzen des Brauchtums bzw. an wen es sich richtet. Hier kann ich als Außenstehender allerdings nur Hypothesen aufstellen. Ich beobachte, dass es viele öffentliche Veranstaltungen sowie Medienberichte gibt, in denen versucht wird, der Gesamtbevölkerung regionale Bräuche zu präsentieren – zum Beispiel im Rahmen von Märkten, Volksfesten oder „Heimatfernsehen“. Diese Angebote werden durch Konsumenten angenommen und vermutlich als „nette Abwechslung“ bewertet. Ich glaube, dass aber gerade Städter die ländlichen Bräuche eher belächeln als sie ernst zu nehmen, sie als amüsant aber altbacken betrachten und sich selbst davon eher distanzieren, so wie sie es auch mit der echten Landbevölkerung tun, weil sie sich fortschrittlicher als diese fühlen. Auch wenn ich die Perspektive eines Verfechters von Brauchtum nicht einnehmen kann, glaube ich dass ein Großteil der Bräuche sich gar nicht an Außenstehende richtet sondern im Rahmen regional begrenzter Kollektive stattfindet und nur ausnahmsweise an die Öffentlichkeit tritt. Dies ist vermutlich auch so gewollt.

Abschließend noch eine persönliche Bewertung: Brauchtum ist ein Indiz für ein gesättigtes Volk. In Notlagen, in denen man sich auf wesentliche Dinge konzentrieren muss, hätte es keinen Platz. Wer die Muße hat, in Trachten gekleidet Rituale zu vollziehen, der hat banal gesagt nichts Besseres zu tun. Ich empfehle an dieser Stelle eine Rückbesinnung auf die Nächstenliebe. Denn es gäbe durchaus Besseres zu tun. Statt sich dem Brauchtum hinzugeben und damit das eigene Wohl zu zelebrieren, könnte in der gleichen Zeit die Not anderer Menschen gelindert werden.

Meine Identität in der schwulen Welt

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Ja ja ja, ich bin ein Mann, der auf Männer steht, nicht auf Frauen – aber ich bin nicht schwul. Klingt komisch, is aber so. Und warum es so ist, will ich euch jetzt erklären.

Eine erste wichtige Feststellung: Entgegen der allgemeinen Meinung bedeutet schwul zu sein weitaus mehr als ein Mann zu sein, der sich zu anderen Männern hingezogen fühlt. Dieses eine Kriterium erfülle ich zwar ganz eindeutig und würde es nie verleugnen. Doch seit mir dies in der frühen Jugend klar geworden war, fiel mir immer wieder auf, dass ich mich nicht mit all dem identifizieren konnte, was Schwule in unserer Welt verkörpern. Damit sind bei weitem nicht nur die bekannten Klischees gemeint, sondern viel mehr die Verhaltensmuster, mit denen man praktisch immer konfrontiert wird, wenn man mit schwulen Männern interagiert. Später mehr dazu.

Ich erlebte ein ziemlich typisches Coming Out bei meiner Familie, als ich Anfang zwanzig war. Vereinzelt outete ich mich in den Jahren danach auch bei Kollegen und Kommilitonen, machte aber nie den kompletten „Rundumschlag“ und falle auch heute noch nicht mit der Tür ins Haus, wenn ich neue Menschen kennenlerne. Mir war bislang nie so richtig klar gewesen, wo der Grund für diese Hemmungen lag.  Ich fragte mich oft, warum ich nicht zum Schwulsein stehen wollte, und hasste mich zeitweise selbst ein bisschen für meine Zurückhaltung. Gerade weil ich mich sonst für einen sehr offenen Menschen halte, der kein Blatt vor den Mund nimmt und keine Tabus kennt. Irgendwie passte das so gar nicht zu einander. Wenn ich mich zurück erinnere, fällt mir überraschend auf, dass ich mich nie mit den klassischen drei Worten „ich bin schwul“ geoutet habe. Es waren stets Sätze wie „ich stehe nicht auf Mädels“ oder „ich bin mit einem Mann zusammen“. Die Worte „ich bin schwul“ würden mir niemals über die Lippen gehen, weil sie für mich schlicht falsch klingen.

Tatsächlich wollte ich nie (und will auch heute nicht) mit all den schwulen Männern da draußen in einen Topf geworfen werden. Zwar habe ich mich mit Hilfe diverser Online-Communities gewissermaßen zu einem Teil dieses Kollektivs gemacht, stelle aber beim Kontakt mit anderen Mitgliedern immer wieder fest, dass ich in zahlreichen Punkten ganz anders denke und agiere als sie. Was allzu häufig dazu führt, dass aufgrund des An-einander-vorbei-redens und nachfolgender Frustration gar kein regelmäßiger Kontakt zustande kommt. Ein ausschlaggebender Faktor ist die hochgradig indirekte Übermittlung von Informationen, wie sie unter Schwulen typischerweise praktiziert wird. Für einen Menschen wie mich, der nur sehr schwer zwischen den Zeilen lesen kann, ist es hierbei nahezu unmöglich zu erkennen, welche Informationen der Wahrheit entsprechen und welche nicht. Ebenso schwierig stellt es sich für mich dar, zu entschlüsseln was jemand von mir möchte, wenn er es nicht in völlig eindeutigen Worten formuliert. Mir scheint, dass den allermeisten Schwulen dieses ständige Codieren und Decodieren von Informationen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Das mag historisch bedingt sein und noch aus Zeiten her rühren, als gleichgeschlechtliche sexuelle Interaktion und Beziehungen verboten waren und deshalb vorwiegend im Geheimen betrieben wurden. Heute sind in „aufgeklärten Gesellschaften“ Geheimhaltung – und damit Codes – für Homosexuelle nicht mehr vonnöten. Dennoch scheint sich diese Praxis hartnäckig zu halten. Und ich komme mit ihr überhaupt nicht klar!

Aber auch äußerlich und durch mein sichtbares Verhalten passe ich nicht in das Bild, welches Schwule im Allgemeinen vermitteln. Ich betreibe keine intensive Körperpflege, verfolge keinen „Dresscode“ oder passe meine Outfits den Anlässen an, trinke viel lieber Bier als Wein oder Sekt, habe keine stylishe Wohnung oder „Accessoires“, habe kein Problem mit körperlicher Arbeit und schmutzigen Händen, bin gerne in der Natur, höre gerne Indie-Musik und hasse alles was mit Helene Fischer zu tun hat. Die Liste ließe sich noch sehr viel weiter fortsetzen. Bei mir eine „typisch schwule“ Eigenschaft zu finden, dürfte echt schwierig sein. Ich schwöre, dass ich seit eh und je so bin wie gerade beschrieben und mir diese Eigenschaften nicht bewusst zugelegt habe, nur um mich von Klischees abzugrenzen. Wobei ich ganz klar sagen muss, dass ich letzteres mittlerweile tue. Viele der erwähnten Verhaltensweisen schwuler Mitmenschen gehen mir zuweilen tierisch auf die Nerven – was mich dann sogar zu Aussagen treibt, die man als homophob einstufen könnte. Mag paradox erscheinen, wenn ein Homosexueller das tut, aber in meinem Fall ist es tatsächlich so.

Ich hoffe, dass nun klarer geworden ist, warum meine Identität sich in der schwulen Welt nicht wiederfindet, und warum ich mich selbst – trotz meiner sexuellen Orientierung – nicht als schwul bezeichne.

Warum ich nicht einfach von der Stadt aufs Land ziehen kann

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Vor ein paar Monaten hatte ich die Entscheidung getroffen, den urbanen Räumen ein für alle mal den Rücken zu kehren und nach etwa zwanzig Jahren des Stadtlebens zurück aufs Land zu ziehen. Sozusagen als „Vorbereitung“ hierauf habe ich seitdem viel Zeit im Münsterland verbracht und die Umgebung wie auch die Menschen auf mich wirken lassen. Daraus habe ich eine Erkenntnis gewonnen, die mich überrascht hat und mich dazu zwingt, meine Entscheidung zu revidieren. Nein, einfach in der Stadt bleiben und alles so belassen wie es zurzeit ist möchte ich auch weiterhin nicht. Aber alles der Reihe nach…

In den ersten Tagen, die ich auf dem Land verbrachte, fühlte ich mich dort pudelwohl und hatte gar keine Lust, zurück in die Stadt zu fahren. Das viele Grün, die Weite, die Gelassenheit und die Menschen, die mir dort begegneten (und bei denen ich aufgenommen wurde) übten einen starken Reiz auf mich aus. Die Anziehungskraft wurde nach kurzer Zeit so stark, dass ich mir vorstellen konnte in diese Gegend zu ziehen – und mich gedanklich schon darauf vorbereitete. Ich wurde Zeuge einiger ländlicher Bräuche, die mir nur zum Teil bekannt waren (wie das Osterfeuer) und fand diese eher charmant als befremdlich. Es machte mir Freude, sie zu beobachten oder daran teilzunehmen.

Ich habe außerdem einige neue Einblicke in den Alltag der „Landeier“ bekommen können und kann diese nun mit den schon vorhandenen Erfahrungen aus meiner Kindheit und aus einer vergangenen Beziehung vor ein paar Jahren vergleichen. Bislang war ich davon ausgegangen, dass ein dauerhafter Ortswechsel in eine ländliche Gegend und die damit einher gehende Integration in die dortigen sozialen Strukturen für mich kein Problem darstellen dürfte. Mittlerweile dämmert mir allerdings, dass es das sehr wohl tun würde! Der Grund dafür liegt in meiner persönlichen Lebensgeschichte.

Wie schon zuvor in diesem Blog beschrieben, habe ich die ersten 14 Jahre meines Lebens in einem kleinen Dorf in einer sehr ländlichen Gegend verbracht und bin daraufhin mit meiner Familie in eine Kleinstadt gezogen, was für mich zu einer Abwendung vom „ländlichen Lebensstil“ führte. Ich sehe im Grunde bei allen Menschen aus meinem Bekanntenkreis, die den kompletten Zeitraum von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter auf dem Land verbracht haben, eine Gemeinsamkeit: Und zwar, dass die Phase des Übergangs von der Kindheit und Jugend zum Erwachsensein für sie alle eine prägende Rolle bei ihrer heutigen persönlichen Bindung an den ländlichen Raum spielt. Viele andere haben sich – ähnlich wie ich – noch während dieser Phase dem „urbanen Lebensstil“ zugewandt und sind bis heute in diesem verblieben.

Ich stelle auf der Grundlage meiner eigenen Erfahrungen die These auf, dass sich für jeden Menschen, der die Übergangsphase ins Erwachsensein nicht auf dem Land erlebt hat, im Rest seines Lebens eine (Re-)Integration in die dort vorhandenen sozialen Strukturen sehr schwierig gestalten wird. Die Gründe hierfür liegen in dem besonders im ländlichen Raum sehr hohen Stellenwert kollektiver Einheiten – in Form von Vereinen und Clubs, Interessensvereinigungen oder Cliquen. Im Gegensatz zu Städten, in denen ein Individuum durchaus auch ohne das Eintreten in solche Kollektive in die örtlichen sozialen Strukturen integriert sein kann, ist dies auf dem Land äußerst unüblich, wenn nicht gar unmöglich. Und – so weit ich es aus Gesprächen mit „Landeiern“ beurteilen kann – findet der Prozess der Eingliederung in die Kollektive in der Zeit zwischen Kindheit und jungem Erwachsenenalter statt. Vor allem scheint es hierbei auch zu einer gewissen Festigung der gewählten Zugehörigkeiten zu kommen, zumal diese forthin lange bestehen bleiben und später meist keine neuen mehr hinzu kommen.

Wer die gerade beschriebene Phase nicht im ländlichen Raum durchläuft, verliert dort im wahrsten Sinne den Anschluss – und zwar nachhaltig. Denn es sind in erster Linie die gemeinsamen Erfahrungen in einer Gruppe, welche Menschen während des Erwachsenwerdens machen konnten, die ihnen auch später in den verschiedenen Kollektiven noch ein Gefühl des Zusammenhalts geben. Und es sind auch diese Erfahrungen, die Menschen dazu bewegen, ihrer ländlichen Heimat treu zu bleiben oder wieder in sie zurückzukehren, sollten sie sie doch einmal verlassen haben.

Mir fehlt in meiner Lebensgeschichte durch das Fortziehen aus meiner ursprünglichen Heimat im frühen Jugendalter diese signifikante Phase der Festigung und Eingliederung in die sozialen Strukturen des ländlichen Raums. Mit 14 Jahren war bei mir noch nicht der Punkt erreicht, an dem nachhaltige Erfahrungen im Kollektiv möglich gewesen wären. Und die nachfolgenden Jahre, bis ich Anfang 20 war, lebte ich ziemlich konsequent an diesen Kollektiven „vorbei“. Viele meiner Mitschüler wohnten in den umliegenden Dörfern der Kleinstadt, in die ich mit meiner Familie gezogen war. Ich hatte schon während dieser Zeit immer das diffuse Gefühl, irgend etwas zu verpassen. Ich lauschte vielen Gesprächen auf dem Schulhof, in denen von gemeinsamen Freizeit-Erlebnissen die Rede war. Mit den typischen Klischees à la Kegelverein bin ich dort nicht bewusst in Berührung gekommen, durchaus aber mit Cliquen, die sich offenbar regelmäßig für gemeinschaftliche Aktivitäten trafen. Aber weder mir selbst noch anderen gelang es, mich in irgend eine dieser Gruppen zu integrieren. Aus heutiger Sicht glaube ich, dass ich mich zu jener Zeit bereits stark mit dem urbanen „Lifestyle“ identifizierte, in dem Kollektive keine so große Rolle spielen, und mich von diesen deshalb bewusst oder unbewusst distanzierte. Zwar war ich des öfteren neugierig, was meine Mitschüler abends und an den Wochenenden so trieben, und bin mir sogar sicher, dass ich die eine oder andere Einladung zum „Schoppe beim Kuba“ [Insider] erhalten hatte, aber dennoch kam es nie dazu, dass ich mal an einem dieser „Events“ teilnahm. Einzig im Rahmen der Abitur-Feierlichkeiten, bei denen ich zumindest teilweise mitmischte, bekam ich einen vagen Eindruck davon, was ich in den Jahren zuvor verpasst hatte. Dieser Zeitpunkt markierte natürlich auch die Auflösung vieler Cliquen – und für viele ehemalige Mitschüler das Fortziehen in diverse Städte. Nur wenige von ihnen sind in ihren Heimatdörfern verblieben.

Zwei Konsequenzen, die wahrscheinlich maßgeblich mein Leben bestimmen, hatte der Umzug meiner Familie vom Land in die Kleinstadt im Jahr 1995:

  1. Ich habe den persönlichen Bezug zu der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, verloren. Zu einer „Festigung“ durch prägende Erlebnisse ist es bei mir nie gekommen. Eine Rückkehr in diese Gegend ist für mich undenkbar. Auch wenn die Orte mir noch irgendwie vertraut sind, sind mir die Menschen (mit Ausnahme meiner Verwandten, die dort noch wohnen) völlig fremd.
  2. Einen Bezug zum „Landleben“ als solches konnte ich nie wirklich gewinnen, weil ich die hierzu notwendige Phase in meinem Leben nie durchlaufen habe. Nachholen lässt sie sich nicht mehr, weil ich seit vielen Jahren erwachsen bin.

Diese Erkenntnisse sind mir in einem merkwürdigen Zusammenhang gekommen, nämlich als mir vor ein paar Tagen bewusst wurde, dass meine Lebensweise in vielen Aspekten eklatant von auf dem Land üblichen Gepflogenheiten abweicht. Das wahrscheinlich eingängigste Beispiel hierfür ist meine Art und Weise, von A nach B zu gelangen. Im konkreten Fall ging es darum, dass ich mit dem Auto vom Bahnhof abgeholt werden sollte, weil dieser etwa viereinhalb Kilometer von meinem Zielort entfernt liegt – was ja ein typischer Zustand in ländlichen Regionen ist. Nun hatte ich mich aber spontan entschieden, die Strecke zu Fuß zurückzulegen, was für mich einen dreiviertelstündigen Spaziergang bedeutete. Während ich an der Straße entlang marschierte, fühlte ich mich plötzlich als völliger Außenseiter. Denn praktisch niemand der dort wohnt, käme wohl auf die Idee, eine solche Distanz zu Fuß zu gehen, wenn er die Möglichkeit hat, mit dem Auto zu fahren oder gefahren zu werden. Das Klischee, dass man auf dem Dorf sogar den Weg zum Briefkasten oder Zigarettenautomat auf vier Rädern zurücklegt, entspricht weitestgehend der Realität, was viele meiner Beobachtungen bestätigen. Mir fällt aus meinem Bekanntenkreis auch auf Anhieb niemand ein, der auf dem Land lebt und kein Auto zur Verfügung hat! Wenn ich dort also ohne Auto aufkreuze und zudem noch auf die Idee komme, Besorgungen zu Fuß zu erledigen, werde ich erst einmal beäugt als wäre ich ein Alien. Und in etwa so fühle ich mich auch bei allen meinen Besuchen auf dem Land.

Städte haben in den vergangenen zwanzig Jahren unverkennbar meinen Lebensstil und meine persönlichen Prinzipien geprägt. Es gehören auch Prinzipien dazu, die ich vehement verteidige und schon als Teil meines Charakters definiere. Das Thema Mobilität ist hier das prominenteste Beispiel. Deshalb wehre ich mich dagegen, diese Prinzipien aufzugeben – aus Angst mich selbst damit aufzugeben. Das Dilemma, mit dem ich mich nun konfrontiert sehe, liegt somit auf der Hand:

  • Belasse ich meinen Lebensmittelpunkt in der Stadt, werde ich (wie zuvor hier im Blog dargestellt) ein Getriebener bleiben, der mit seiner Umgebung überlastet ist und nie zur Ruhe kommt.
  • Versuche ich meinen Lebensmittelpunkt aufs Land zu verlagern, sehe ich mich gezwungen, mich charakterlich stark zu verändern und womöglich einen Teil meiner selbst aufzugeben. Wohl wissend, dass mir eine komplette Integration in die sozialen Strukturen des ländlichen Raums in diesem Leben ohnehin nicht mehr möglich sein wird.

Zu einem Fazit oder einer Lösung für das Dilemma kann ich zum momentanen Zeitpunkt nicht kommen. Ich habe aber immerhin die Hoffnung, dass noch weitere Erkenntnisse und vielleicht Ideen bzw. Impulse von Mitmenschen kommen werden, die mir helfen mein Leben weiter zu organisieren und bestenfalls einen Ort zu finden, an dem ich mich heimisch fühlen und zur Ruhe kommen kann.

Auskommen ohne Einkommen – ein neuer Lebensentwurf

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Mein Prozess des Umdenkens ist ein bisschen ins Stocken geraten, weil mir zwecks Umsetzung ein Schritt bevorsteht, der mir nicht so leicht zu fallen scheint. Und dieser Umstand weist auf ein ziemlich grundsätzliches Problem hin. Aber eins nach dem anderen…

Der bereits formulierte Wunsch nach weitgehender Unabhängigkeit von Institutionen wirkt sich auf etliche Lebensbereiche aus und zieht Konsequenzen nach sich. Vieles hängt schließlich mit einander zusammen. Wer auf die Leistungen des Jobcenters in Deutschland verzichten möchte, müsste sich – naheliegenderweise – selbst ein Einkommen erwirtschaften, mit dem die eigene Lebenshaltung finanziert werden kann. Die Höhe richtet sich nach den regelmäßigen Ausgaben. Der mit Abstand größte Anteil entfällt hierbei auf die Kosten fürs Wohnen, gefolgt von Sozialversicherungen.

Ich bin zur Zeit alleiniger Mieter einer Einzimmerwohnung, für die monatlich 320 € Warmmiete anfallen (immerhin bis auf Weiteres um 15 % gemindert wegen eines nicht zur Verfügung stehenden Kellerraums). Den Anspruch, eine Wohnung nur für mich allein zur Verfügung zu haben, erhebe ich aber im Prinzip gar nicht! Jeden Monat verlässt ein hoher Geldbetrag mein Bankkonto, um ein Mietverhältnis aufrecht zu erhalten, das mich in meiner Freiheit und Flexibilität beschneidet. Aufgrund der gesetzlichen Kündigungsfrist muss immer dafür gesorgt sein, dass drei Monatsmieten auf dem Konto vorhanden sind oder es bald sein werden. Ich gehe also arbeiten, um nicht Gefahr zu laufen, womöglich die überübernächste Miete nicht mehr bezahlen zu können. Und das, obwohl ich die Wohnung vielleicht gar nicht benötige. Arbeiten möchte ich aber doch in erster Linie für mich selbst, nicht für andere! Also liegt es nahe, die Wohnung aufzugeben.

Es steht jedoch auch einiges an Hausrat in ihr herum. Beim letzten Umzug hatte ich zwar schon viel unnötigen Tinnef entsorgt, aber auch in 36 Quadratmeter Fläche passt noch mehr hinein, als so manch einer glauben mag. Von vielem werde ich mich wahrscheinlich trennen können, ohne mit der Wimper zu zucken. Doch es befinden sich auch Dinge in meinem Hausstand, die ich bisher zu meinem „Stolz“ gezählt habe – etwa mein großes Schlafsofa und meine Küche. Aber warum tue ich mich bei dem Gedanken, diese Dinge zu veräußern, so schwer?

Mir scheint, dass – wie bei so vielen Dingen – eine gesellschaftliche Prägung verantwortlich ist. Materieller Besitz genießt einen hohen Stellenwert in meinem Umfeld. Vielen Menschen scheint er ein Gefühl von Sicherheit zu suggerieren. Sie häufen Gegenstände um sich herum an und demonstrieren damit offenbar ihr „Revier“ für sich und für andere. Manche setzen dabei auf möglichst wertvolle Güter, manche auf schiere Masse, manche auf beides. Mir drängt sich dabei unweigerlich ein Bild vor meinem geistigen Auge auf, das einen fetten, unbeweglichen Pascha zeigt, der auf einem goldenen Haufen Krimskrams sitzt und sagt „Das hier ist mein Platz“. Anderen werden vielleicht eher die Worte „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ in den Sinn kommen. Es läuft aufs gleiche hinaus. Ein anderes (metaphorisches) Bild zeigt mir einen Bergsteiger, der direkt vor dem Gipfel ein (meinetwegen goldenes) Seil ergreift und feststellt, dass es oben nur mit einem dicken Streifen Klebeband befestigt ist. Was ich damit ausdrücken will: Materielles bietet eben letztlich keine Sicherheit! Oder nochmal platt ausgedrückt: Ein Sofa oder eine Einbauküche hat noch niemandem das Leben gerettet. Und ist damit nicht lebensnotwendig.

Im Grunde ist für mich damit das Sicherheits-Argument entkräftet. Denn es ist allenfalls in einer auf Geld aufbauenden Weltanschauung haltbar, in der alles monetär bewertet wird und materieller Besitz den Wert eines Menschen mitbestimmt. Eine solche Anschauung teile ich nicht. Also brauche ich mich nicht an Besitztümern festzuklammern. Leicht fällt es mir dennoch nicht, an dieser Stelle weiter zu denken, weil ein mögliches alternatives Szenario für mich ziemliches Neuland ist. Seit ich begonnen habe Geld zu verdienen, ist auch für mich das Anhäufen von Besitz ein selbstverständlicher Vorgang gewesen. Es geht mir aber nun um die Frage, ob ein Leben auch weitgehend ohne den materiellen Aspekt – und damit auch ohne eine feste Wohnunterkunft – möglich ist. Ich glaube nun einen Weg entdeckt zu haben, mit dem es mir zumindest vorübergehend realisierbar erscheint. Denn es werden rund um die Welt (seriöse) Chancen geboten, im Austausch für Arbeitsleistung eine Unterkunft und volle Verpflegung zu bekommen – ohne die Notwendigkeit irgend einer fachlichen Qualifikation und ohne zeitliche Verpflichtung… aber auch ohne monetäre Gegenleistung.

Mir kommt es wirklich gerade so vor, als ließe sich damit ein Großteil meiner derzeitigen Probleme auf einen Schlag lösen: Ich wäre vom Jobcenter unabhängig und müsste mich an kein Mietverhältnis binden, hätte aber dennoch einen Platz zum Wohnen und sinnvolle Aufgaben für den Alltag, die mir zudem meinen Lebensunterhalt (in Form von Verpflegung) sichern würden. Und so weit ich es mitbekommen habe, gibt es für Menschen, die „Freiwilligenarbeit“ machen, sehr günstige Versicherungen. Wenn das alles so stimmt und funktioniert, dann ist ein abgesichertes Leben – auch in „entwickelten“ Ländern – ohne monetäres Einkommen (und lediglich mit einer ausreichenden Geldrücklage für Reisekosten) möglich. Ich glaube zwar nicht, dass es vielen Menschen – mich selbst eingeschlossen – behagen würde, dauerhaft auf dieser Basis zu leben, aber für ein paar Jahre halte ich es für durchaus vorstellbar. Und es kann eine Basis für die weitere Lebensplanung sein.

Der Preis, den ich hierfür zahlen muss, ist der Verzicht auf die materiellen Besitztümer, die ich in den letzten Jahren angesammelt habe. Belohnt werde ich dann aber mit einer großen Unabhängigkeit. Wahrscheinlich werde ich mich nicht von allen Dingen trennen wollen. Aber zumindest müsste ich es schaffen, den Umfang meines Hausstands so weit zu minimieren, dass er sich irgendwo privat unterstellen lässt, ohne dass es jemanden stört. Mitnehmen an meine Einsatzorte werde ich nur Dinge, die für mich absolut essenzielle Bedeutung haben.

Meine Überlegungen werden Tag für Tag konkreter, und es wird immer wahrscheinlicher, dass sich meine Vorstellungen verwirklichen lassen!

Gedanken zu meinem Wohnort

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Mich hat in den letzten Tagen ein Umdenken befallen, das immer tiefer greifende Auswirkungen hat. Es betrifft auch grundsätzliche Aspekte meines Daseins. Einer davon ist das Paradigma des Wohnorts – und damit einher gehend das berüchtigte Spannungsfeld zwischen dem Stadtleben und dem Landleben. Beim genaueren Betrachten verschiedener persönlicher Bedürfnisse unter der Fragestellung, wie und wann sie entstanden sind, bin ich beim Thema Wohnen angelangt. Im Grunde hat es sich dank etlicher Umzüge in den letzten Jahren zu einem Reizthema für mich entwickelt. Ich verbinde es beim Gedanken daran sofort mit Stress und Ärger. Warum nur?

Die ersten 14 Jahre meines Lebens verbrachte ich in der sehr ländlichen Region des Unterwesterwalds, die aus vielen kleinen Dörfern und wenigen kleinen Städten besteht. Dazwischen gibt es Wälder, Felder, Hügel, Bäche, Teiche, Steinbrüche und Tongruben. Die Erinnerungen an meine Kindheit und frühe Jugend sind von solchen Bildern geprägt, und wenn ich heute für Besuche in diese Gegend zurückkehre, werde ich immer ein klein wenig wehmütig. Denn heute sieht es dort vielerorts anders aus als damals, und mir bleiben somit schließlich nur meine Erinnerungen.

Mitte der 90er zog ich mit meiner Familie in eine andere ländliche Region um – nach Rheinhessen, wo es ganz anders aussieht. Hügel gibt es dort zwar auch in großer Zahl, aber sie sind größtenteils nicht bewaldet, sondern nur mit Gras oder niedrigem Gebüsch bewachsen. Weinreben in Reih und Glied sowie Getreidefelder komplettieren das Bild, das meine Jugend prägte und sich ebenfalls stark in meine Erinnerung eingebrannt hat. Die ersten beiden Jahre nach dem Umzug wohnten wir auf einem Aussiedlerhof inmitten der Weinberge. Beim Gedanken an diese Zeit beschleicht mich auch wieder etwas Wehmut, weil ich sie mit viel Ruhe, jugendlicher Naivität und Schwärmerei, aber auch mit Abenteuerlust verbinde. Wir zogen dann ein paar Kilometer weiter in die Kreisstadt Alzey, und dort veränderte sich meine Sichtweise.

Die Annehmlichkeiten des Wohnens in der Stadt entfalteten schnell ihre Wirkung auf mich. Es war plötzlich möglich, ohne auf ein Auto angewiesen zu sein schnell zur Schule, zum Bahnhof oder zum Supermarkt zu gelangen. Ich machte nach wie vor meine teils sehr ausgedehnten Spaziergänge und Fahrradtouren durch die umliegende Landschaft, genoss aber zugleich die Vorzüge der zentralen Wohnlage. Niemand musste mich mehr zur Schule fahren oder dort abholen. Mit dem Zug konnte ich ohne allzu viel zeitlichen Aufwand die größeren Städte Mainz und Worms oder die Metropole Frankfurt am Main erreichen. Letztere beeindruckte mich seinerzeit ganz enorm – vor allem natürlich aufgrund der vielen Hochhäuser mit extravaganter Architektur – und hat als erste „echte“ Großstadt, die ich in meinem Leben wahrgenommen habe, für mich bis heute diesen Stellenwert behalten.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich war auf den Geschmack gekommen. Großstädte – und insbesondere solche ab einer halben Million Einwohner – übten seitdem einen großen Reiz auf mich aus. Und für mich war die Entscheidung klar: Wieder zurück aufs Land zu ziehen war bis auf Weiteres keine Option! Ich begann mein Studium in Karlsruhe, einem wie ich nach wie vor finde sehr charmanten und für seine Einwohnerzahl ziemlich ruhigen Ort, und pendelte an den meisten Wochenenden zurück nach Alzey. Den bewusst gewählten regelmäßigen Ortswechsel zwischen Groß- und Kleinstadt fand ich zu jener Zeit total angenehm. Auch die häufigen Bahnfahrten habe ich im Vergleich zu meinen aktuellen Erfahrungen als nicht allzu stressig in Erinnerung.

Es folgte eine durch die Fortsetzung meines internationalen Studiums bedingte Zeit des Städte-Hoppings: Vancouver, Köln, Aix-en-Provence, Warschau und Jacksonville (Florida) bildeten für jeweils ein paar Monate meine Lebensmittelpunkte. Aufgrund einer Beziehung hielt ich mich zu jener Zeit aber zwischendurch oft im (Ober)Westerwald auf und gewann dadurch einen gewissen Bezug zu meiner alten Heimat zurück. Nach einem fünfmonatigen Praktikum in Hamburg – das als bisher einzige Millionenstadt einmal mein offizieller Erstwohnsitz war – zog ich tatsächlich nochmal für ein halbes Jahr nach Montabaur, wo ich von der fünften bis zur achten Klasse zur Schule gegangen war. Doch vom Landleben bekam ich in dieser Zeit nicht so viel mit, weil ich an allen Arbeitstagen 130 Kilometer nach Düsseldorf und zurück pendelte und praktisch nur zum Schlafen nach Hause kam. Auch an den Wochenenden war ich oft in verschiedenen Städten unterwegs. Bis ich schließlich das sehr nervenaufreibende Pendeln aufgab und nach Düsseldorf zog.

Dort entdeckte ich, dass mir die Wohnlage am Stadtrand sehr gut gefiel. Die Kombination aus der Nähe zur Natur und guter Anbindung ans Stadtzentrum erschien mir ausgesprochen attraktiv. Ich konnte mit dem Fahrrad innerhalb einer Viertelstunde zur Arbeit gelangen, machte in meiner Freizeit viele Radtouren durch das angrenzende Bergische Land… und entdeckte das mir bis dahin völlig unbekannte nahe gelegene Ruhrgebiet.

Nicht nur die Zahl der mehr als 5 Millionen Einwohner des größten deutschen Ballungsgebiets übte eine Faszination auf mich aus, sondern auch die Diskrepanz zwischen dem noch vorhandenen Klischee des Kohlereviers und der tatsächlich vorhandenen grünen Landschaften in und um die vielen Städte. Hinzu kam die Art der Menschen, die man im „Pott“ antrifft und die mir von Beginn an sympathisch waren. Dank eines Jobwechsels siedelte ich zwei Jahre später in die „Metropole Ruhr“ über – zunächst an ihren nördlichen Rand nach Recklinghausen und 2012 dann (nach einer sechsmonatigen Verschnaufpause in Mainz) nach Essen, wo ich auch zur Zeit noch weile. Allerdings in der mittlerweile schon dritten Wohnung…

Wie geht es nun weiter? Zumindest innerhalb Deutschlands bin ich in der einwohnerstärksten Metropolregion angekommen. Und ich verspüre kein Verlangen, mich in dieser Hinsicht weiter zu steigern. Eher im Gegenteil – mir scheint, eine Rückbesinnung auf meine grundlegenden Bedürfnisse ist angebracht. Was mich bei allen Besuchen auf dem Land jedoch immer nach kurzer Zeit stört, ist die „tote Hose“, die dort herrscht. Aus dem anfänglichen Genuss der Ruhe wird sehr schnell Langeweile. Warum passiert das?

Ich bin überzeugt davon, dass mich das Leben in Großstädten stark beeinflusst hat. Ihre Annehmlichkeiten aber auch ihre Unruhe sind für mich zu Gewohnheiten geworden. Da ich wie schon erläutert in einer sehr ländlichen Region geboren und aufgewachsen bin, sind diese Gewohnheiten bei mir erst im Jugend- bzw. Erwachsenenalter entstanden. Und sie haben sich so stark manifestiert, dass aus ihnen Ansprüche erwachsen sind. In den letzten Jahren war mir offenbar noch nicht einmal mehr bewusst, dass ich nicht immer schon solche Ansprüche hatte. Genauso wenig, dass meine immer stärker gewordene innere Unruhe, Ungeduld, Unzufriedenheit womöglich auf der Nichterfüllung dieser Ansprüche gründet.

Großstädte bieten viele Möglichkeiten, und das jederzeit. Kultur, Konsum, Bildung, Sport, Vergnügen – für all das ist eine große Auswahl von Stätten in unmittelbarer Nähe vorhanden. Und es ist und bleibt offenbar das Standardproblem der „zugezogenen Landeier“, sich mit diesem Überangebot auseinandersetzen zu müssen. Einheimische, die hier aufgewachsen sind oder schon viele Jahre hier leben, haben in der Regel ihre Stammplätze gefunden, mit denen sie sich zufrieden geben. Den ganzen Rest des Angebots ignorieren sie die meiste Zeit. Ich sehe mich jedoch nach wie vor mit immer wieder neuen Möglichkeiten konfrontiert, die ich in der mir selbst zugestandenen Zeit gar nicht alle ausschöpfen kann. Mit der Zahl der Möglichkeiten steigen noch immer die Ansprüche, und mit jeder Nichterfüllung derselben steigt die Unzufriedenheit. Bäm – das ist doch mal eine Erkenntnis!

Aus diesem Teufelskreis will ich so bald wie möglich ausbrechen. Und zwar konsequent und radikal. Wenn ich ehrlich bin, nutze ich im normalen Alltag de facto nur einen verschwindend kleinen Teil der mir theoretisch zugänglichen „urbanen“ Angebote in meiner derzeitigen Wohnumgebung. Letztlich beschränkt sich die Nutzung meist auf die öffentliche Verkehrsinfrastruktur und Geschäfte für Güter des täglichen oder nicht täglichen Bedarfs. Eher selten ist mal etwas aus einem der anderen genannten Bereiche (Kultur usw.) betroffen. Ist es also für mich tatsächlich von Vorteil, all diese Möglichkeiten in meiner Umgebung zu haben? Oder würde eine Umgebung mit einem sehr überschaubaren Angebot für mich letztlich mehr Freiheit bedeuten, weil ich mir dann viel entschlossener meine Aktivitäten auswählen oder sogar selbst neue Möglichkeiten schaffen könnte?

Mir ist ja bereits bewusst, dass ein Großteil meiner Ungeduld und Unzufriedenheit aus nicht erfüllten Ansprüchen resultiert. Die Ansprüche wiederum gründen auf Gewohnheiten, welche aufgrund der Eigenschaften meiner Umgebung entstanden sind. Ich bin der Überzeugung, dass Gewohnheiten – auch wenn sie sich über lange Zeit manifestiert haben, grundsätzlich flexibel sind. Soll heißen: Ich bin stets in der Lage sie zu verändern, mir Dinge anzugewöhnen und abzugewöhnen. Hierzu sind vor allem Zeit und Willenskraft vonnöten. Eine bewusste Veränderung der äußeren Umstände wird den Prozess sicherlich erleichtern und vielleicht etwas beschleunigen. Gerade in der Anfangsphase des Abgewöhnens wird die Frustration ziemlich hoch sein, gerade wenn die Gewohnheiten zuvor sehr lange präsent waren und als selbstverständlich erschienen. Insbesondere wird immer wieder ein Drang aufkommen, die durch den Verzicht auf Gewohnheiten entstehenden Lücken zu füllen.

So viel zur Theorie. Jeder, der schon einmal eine Sucht überwunden hat, kennt diesen Entzugsprozess. Eine Sucht ist in meiner Vorstellung ohnehin nichts anderes als eine übersteigerte Gewohnheit. Konkret geht es für mich um Dinge wie „mal eben in die Bahn steigen und nach XYZ fahren“ oder „mal eben rüber zum SB-Markt gehen und ABC besorgen“. Oder auch „mal eben im Internet nachgucken“. Ihr wisst was ich meine – Annehmlichkeiten der Infrastruktur in zivilisierten Gegenden. Dinge, die für keinen Menschen überlebenswichtig sind. Von all dem möchte ich mich wieder distanzieren, mich nur noch auf wirklich Wesentliches beschränken, mir selbst Möglichkeiten schaffen… und dann vielleicht bewusst Schritt für Schritt wieder die eine oder andere Annehmlichkeit kontrolliert in mein Leben zurückkehren lassen.

Mein Weg dort hin? Raus aus der Stadt, fort vom Einfluss der urbanen Gesellschaft! Zurück aufs Land, wo nur wenige Menschen sind. Und mich dort dann ausgiebig umschauen, in mich hinein schauen, wissen wie es mir geht und was mir gut tut.

Gedanken zu meinem Leben, meinem Umfeld und meinem Horizont

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Dieses Jahr werde ich 34. Das ist nach den Maßstäben unserer Gesellschaft kein hohes Alter. Aber jung bin ich damit auch nicht mehr, sondern „irgendwo mittendrin“ halt. Wenn ich cheap cialis 20mg mir andere Menschen in diesem Alter in meinem Umfeld betrachte, wirken diese auf mich sehr beschäftigt. Sie haben sich „etwas aufgebaut“ oder sind noch dabei es zu tun. Sie haben sich zu einem kleinen Teil von etwas größerem gemacht und agieren innerhalb ihres selbst geschaffenen Mikrokosmos, gut integriert in den übergeordneten Makrokosmos. Sie denken in einem großen zeitlichen Radius und streben keine signifikanten Veränderungen an. Sie arbeiten daran, mit Hilfe dessen was sie schon erreicht haben eine langfristige Stabilität und Gleichmäßigkeit zu erlangen beziehungsweise beizubehalten. Sie ziehen größere Veränderungen für sich selbst nur dann in Betracht, wenn äußere Umstände sie erforderlich machen – durch Krankheiten, Unfälle, Todesfälle, Insolvenzen oder Ähnliches. Doch sie treffen selbst für solche Umstände meist Vorsorge, um die eventuellen Auswirkungen so gering wie möglich zu halten. Ihr Hauptanliegen ist ganz klar die Stabilität.

Wenn ich mir das bewusst mache, erscheint es mir als hätte ich irgendwann den Anschluss verpasst. Ich erinnere mich noch vage an Zeiträume, in denen auch ich nach Stabilität trachtete, aber letztlich ist dieses Ziel immer wieder aus meinem Fokus gerutscht. Und beim Nachdenken über das Warum erscheint es mir als wären die Wege nie die richtigen gewesen. Noch viel mehr erscheint es mir als wäre ein Weg für mich stets wichtiger als ein Ziel. Während ich mich auf das Beschreiten des Weges konzentriere, entgleitet mir das Ziel schon wieder. Aber möchte ich überhaupt irgendwo ankommen? Oder kann ein Weg mich so sehr ausfüllen, dass ich auch ohne Ziel die Motivation behalte, ihn weiter zu gehen?

In den letzten Jahren habe ich einige Wege eingeschlagen und dann nicht weiter verfolgt. Ein jeweiliges Ziel war schnell wieder verschwunden oder gar nicht erst vorhanden. Und die Wege als solche füllten mich nicht in einem Maß aus, das sie motivierend machte. Was motiviert mich denn? Ganz allgemein betrachtet sind es Dinge, die ich selbst tun kann, ohne auf andere Dinge angewiesen zu sein. Demotivierend ist es für mich hingegen, auf etwas warten zu müssen. Daraus lässt sich folgern, dass ein für mich sinnvoller und nachhaltiger Weg weitgehend nur durch meine eigenen Aktionen funktionieren müsste – und nicht durch die anderer Menschen oder durch äußere Umstände.

Mir fällt gerade massiv auf, dass mein Lebensalltag in hohem Maß von anderen (Menschen und Institutionen) bestimmt wird. Möglichkeiten zur Selbstbestimmung scheine ich zur Zeit fast gar nicht auszuschöpfen. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich durch eine „freiberufliche“ Tätigkeit – meine Arbeitszeiten bestimmen dennoch andere. Die finanzielle Lücke und die teure gesetzliche Krankenversicherung füllt das Jobcenter aus – und droht mit Sanktionen, wenn ich mich nicht um andere Arbeitsplätze bemühe. Ein vor zweieinhalb Jahren begonnenes Studium kann ich nicht nach meinen Vorstellungen abschließen – weil die Universität starre Regeln beibehält, die damit nicht vereinbar sind. Meine Familie und mein Partner leben zwischen 70 und 300 Kilometern von meinem derzeitigen Wohn- und Arbeitsort entfernt – und sind aufgrund ihrer eigenen Umstände nicht in der Lage mich zu besuchen. Meine kleine Mietwohnung ist seit meinem Einzug vor 10 Monaten in noch fast dem gleichen chaotischen Zustand – weil die Hausverwaltung mir keinen Kellerraum zur Verfügung stellen kann und mir aufgrund einiger schon genannter Punkte bisher die Motivation gefehlt hat, die Wohnung dennoch wohnlich herzurichten.

Der letzte Absatz klingt auch für mich nach Klagen auf hohem Niveau, wenn ich ihn noch einmal durchlese. Er beschreibt jedoch meinen realen Status quo. Dass ich mit diesem unzufrieden bin und er für mich keinen Weg ebnet, den ich auf längere Sicht weiter gehen möchte, dürfte nach allem hier bereits Gesagten den meisten Lesern einleuchten. Mein Gefühl deutet mir an, dass es mühseliger wäre zu versuchen den Status quo zu „reparieren“ – allein aufgrund der zahlreichen „Baustellen“ – als einen kompletten und ernsthaften Neuanfang zu wagen und dabei die Maxime der weitestgehenden Selbstbestimmung im Blick zu behalten.

Mir ist bewusst, dass es ohne eine Erweiterung des Horizonts kaum möglich erscheint, einen solchen Weg erfolgreich zu beschreiten. Ich bin mir sicher, dass viele Leser meine Gedanken schon jetzt für unrealistisch halten. Und ich sage noch einmal: Horizont! Realistisch ist, dass jeder Mensch Dinge zum Leben benötigt – und einen Lebensunterhalt, um diese Dinge erhalten zu können. Konstruktiv ist es nun für mich, einen Weg zu finden, mit dem ich meinen Lebensunterhalt bestreiten und mich zugleich von allen externen Faktoren unabhängig machen kann, die zur Zeit noch meinen Lebensalltag (mit)bestimmen. Ich lasse mir von niemandem einreden, dass dies nicht möglich wäre! Zugegebenermaßen bietet unsere eingangs erwähnte Gesellschaft mir tatsächlich kaum entsprechende Chancen. Wer ein Teil von ihr sein will, wird gezwungen ihr etwas zu geben, macht sich dadurch aber zu einem hohem Grad von ihr abhängig und kann nicht frei und selbstbestimmt agieren.

Mir fällt ad hoc nur eine einzige Berufsgruppe in der mittel- und westeuropäischen Gesellschaft ein, die diesen Regeln relativ wenig unterworfen ist und dennoch – mit etwas Glück – fähig ist ihren Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften. Es handelt sich dabei um die freischaffenden Künstler, die keine Auftragsarbeiten machen. Wer es geschafft hat, sich „einen Namen zu machen“ und zuverlässige zahlende Abnehmer für die eigenen Werke zu haben, ohne Vorgaben von diesen Abnehmern zu erhalten, ist in der Lage relativ frei und selbstbestimmt den eigenen Lebensalltag zu gestalten. Ich stelle mir den Weg zu diesem Dasein allerdings mühselig vor. Zudem sind natürlich ein hohes Maß an Kreativität und Leidenschaft sowie gewisse Werkzeuge vonnöten, um überhaupt in der Lage zu sein künstlerische Werke zu erstellen.

Erst wenn ich mich gedanklich von meinem derzeitigen Lebensumfeld löse, fallen mir weitere „Berufe“ ein, über die sich selbstbestimmt ein Lebensunterhalt erwirtschaften lässt. Diese bewegen sich im Bereich der Agrarwirtschaft im kleinen Rahmen. Auch die Vorstellung der kompletten Selbstversorgung wabert hierbei als Extremform durch meinen Kopf. In unserer Gesellschaft scheint ein solcher Beruf aber nicht nach meinen Vorstellungen zu funktionieren. Agrarwirte sind in Europa und allgemein in Industrieländern nach meinem Wissen meist hochgradig abhängig, da sie ja praktisch ausschließlich Güter für andere erzeugen und diese Güter zudem staatlich reguliert sind. Selbst wer gar nicht den Anspruch hat, mit seinen Gütern im großen Stil zu handeln, muss sich wohl diesen Regularien unterwerfen und darf vieles nicht selbst bestimmen. Anders sieht es in Entwicklungsländern aus. Dort kann Landwirtschaft noch in kleinem Rahmen und unabhängig von staatlichen Institutionen funktionieren. Mir scheint, dass dort noch eine selbstbestimmte Existenz und ein Lebensunterhalt möglich sind, ohne zunächst viele Voraussetzungen schaffen zu müssen, wie es beim Künstler der Fall ist. Lediglich ein gewisses Maß an praktischem Wissen zum Anbau von Nutzpflanzen, zur Viehzucht oder Fischerei braucht man dazu – und natürlich die notwendigen Flächen.

Würde ich nun der Allgemeinheit mitteilen, dass ich plane Farmer in einem Entwicklungsland zu werden, wäre die harmloseste Reaktion wahrscheinlich ein großes ABER. Genauer gesagt Sätze, die etwa mit „Aber du brauchst doch…“ beginnen. Ja, ich brauche wie jeder Mensch gewisse Dinge zum Leben. Dabei handelt es sich grundsätzlich um Nahrung, einen Platz zum Schlafen, Kleidung, Licht und Wärme – und vielleicht ein kleines soziales Umfeld. Nicht lebensnotwendig sind in der Tat diverse Elektrogeräte sowie jegliche materiellen Güter oder „Accessoires“. Vermutlich halten so ziemlich alle Menschen in meinem momentanen Umfeld den Verzicht auf alles außer den absolut lebensnotwendigen Dingen für unmöglich – und sprechen auch mir die Fähigkeit oder Bereitschaft hierzu ab. Ich gebe zu, dass es mich große Überwindung kosten würde, langjährige Gewohnheiten aufzugeben. Doch es handelt sich dabei ja nicht um angeborene Bedürfnisse. Meine Umwelt und die Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin und mich heute bewege, haben diese Bedürfnisse überhaupt erst geweckt. Und ich bin fest überzeugt davon, mich von ihnen wieder distanzieren und schließlich auch lösen zu können. Gerade in einer Umgebung, in der gar nicht die Möglichkeit bestünde, viel mehr als die reinen menschlichen Grundbedürfnisse zu befriedigen, und damit auch keine Versuchung bestünde, sich mehr zu „gönnen“ als nötig.

Ich gehe so weit zu behaupten, dass selbst viele chronische Erkrankungen, unter denen Menschen aus „entwickelten“ Gesellschaften häufig leiden, durch die damit verbundene Lebensweise entstehen oder erst durch sie negative Auswirkungen haben. In meinem Fall ist es eine Refluxkrankheit, die sich nach Umstellung der Ernährung (zum Beispiel Trennkost und Verzicht auf hochgradig verarbeitete Lebensmittel) womöglich gar nicht mehr bemerkbar machen würde – ohne dass ich Medikamente einnehmen müsste. Meine Neigung zu Depressionen würde vielleicht zurück gehen, wenn der von außen kommende psychische Druck auf ein Minimum reduziert wäre. Meine Emetophobie würde mich nach Gewöhnung an eine naturverbundenere Lebensweise in einer nicht so „sterilen“ Umgebung sicherlich viel weniger belasten – ohne Durchführung einer weiteren Therapie. Und selbst das bei mir wahrscheinlich vorhandene, wenn auch noch nicht diagnostizierte, Asperger-Syndrom wäre in einem Alltag, der zum allergrößten Teil von mir selbst und nicht von anderen bestimmt wird, kaum relevant. Die Gesellschaft, in der ich mich gerade bewege, bietet mir zwar allerlei Mittel, die Auswirkungen all jener Erkrankungen zu reduzieren, jedoch zum Preis der Abhängigkeit von diesen Mitteln – und stets mit dem Ziel, mich wieder zu einem möglichst stabilen und produktiven Teil des Kollektivs zu machen. Genau das was – wie eingangs beschrieben – die meisten Menschen aus meinem derzeitigen Umfeld und meiner Altersgruppe anstreben. Ich aber nicht!

Hier schließt sich dann auch der Kreis meiner Gedanken. Mein Wunsch nach einem unabhängigen, maximal selbstbestimmten Leben ist präsent. Ich habe Ideen für mögliche Wege dorthin und keine Angst vor der Erweiterung meines Horizonts. Ich hoffe, bald aus dem Teufelskreis der Abhängigkeit auszubrechen und einen neuen Weg zu beschreiten. Einen Weg, der mich motiviert und zufrieden macht.

Die vier Elemente der Zufriedenheit

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In der letzten Zeit habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, was für mich zu einem zufriedenen Leben gehört. So etwas tut man natürlich in der Regel nur dann, wenn man gerade nicht so zufrieden ist… Aber generell ist es sicher für jedermann sinnvoll, einmal ganz unverbindlich über das zu reflektieren, was das persönliche „Glück“ ausmacht. Für mich haben sich vier Basis-Faktoren herauskristallisiert, auf die es wirklich ankommt. Nur wenn sie alle ab einem gewissen Grad mein Leben bestimmen bzw. ausfüllen, glaube ich mich wirklich zufrieden fühlen zu können. Wer nun utopisch hohe Ansprüche erwartet, der wird gleich merken, dass die vier Elemente der Zufriedenheit vollkommen realistisch, „normal“ und im Grunde für jeden erreichbar sind:

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1. HOME
2. JOB
3. PEERS
4. MILIEU

Ich verwende absichtlich internationale Begriffe, weil diese am besten die Bedeutungen der Elemente umreißen. Aber da die vier Wörter allein nicht sehr viel Aussagekraft besitzen, möchte ich sie nun ausführlich erläutern.

1. HOME

Das hier steht über allem! Jeder Mensch braucht einen Ort, an dem er sich zuhause fühlt, um vollkommen zu sein. Und ich spreche hierbei zunächst einmal von einem Zuhause im allerweitesten Sinn. Es muss sich nicht um einen konkreten Ort oder ein bestimmtes Gebäude handeln. Unter einem Zuhause verstehe ich ganz weit gefasst einen individuellen Mikrokosmos, den man sich selbst geschaffen hat. Mit anderen Worten: Einen Zufluchtsort, den ich mir selbst bieten kann, an dem ich „ankommen“ kann und der mich gewissermaßen „abbildet“.

Mein eigenes Haus oder meine Wohnung bietet mir nicht automatisch ein Zuhause – ich muss es mir dort zuerst bauen, so wie ein Vogel sein Nest. Ich kann mir mein Zuhause mitnehmen, z. B. im Inneren eines Wohnmobils. Und selbst als Obdachloser kann ich mich auf „meiner“ Platte ein wenig zuhause fühlen, weil ich mir (wenn auch immer nur für kurze Zeit) meinen eigenen Mikrokosmos geschaffen habe.

Das erste Element der Zufriedenheit ist für mich mein HOME – ein Zuhause, das mir das Gefühl gibt hier richtig zu sein.

2. JOB

Einen großen Teil unserer Lebenszeit verbringen wir mit Arbeiten. Und auch hier spreche ich von Arbeiten in einem weiteren Sinn. Treffendere Wörter wären Beschäftigung oder Aufgaben. Hierunter fasse ich alle klassischen Arbeitsverhältnisse mit geregelten Zeiten und Gehältern, alle selbständigen oder (gegen Entgelt) „freien“ Tätigkeiten, alle freiwilligen oder ehrenamtlichen Engagements, jegliche Schul-/Aus-/Weiterbildung bis hin zu Funktionen wie „Hausfrau und Mutter“. Denn all diese Beschäftigungen haben eines gemeinsam: Sie bieten mir die Möglichkeit, den Großteil meiner Zeit sinnvoll zu nutzen und etwas zu tun, das nicht nur für mich selbst gut ist.

Ganz wichtig ist hierbei die „Work-Life-Balance“. Wirklich zufrieden kann ich nur dann sein, wenn meine Arbeit mich genügend ausfüllt (das heißt ich mich gerne mit ihr befasse) oder sie mir genügend freie Zeit und Energie für private Aktivitäten lässt, die mir einen Ausgleich zur Arbeitszeit bieten können.

Das zweite Element der Zufriedenheit ist für mich mein JOB – eine oder mehrere Beschäftigungen oder Aufgaben, die mir das Gefühl geben etwas Richtiges zu tun.

3. PEERS

Niemand möchte dauerhaft allein sein. Unser Leben wird bestimmt durch die Interaktion mit anderen Menschen. Um mich selbst (ein)schätzen zu können, muss ich mich mit anderen Personen austauschen und mich an ihnen messen. Und zwar physisch und direkt! Die besten Begriffe, die mir hierfür in den Sinn kommen, sind Real-Freunde, Real-Bekannte bzw. Real-Community.

Viele Beziehungen zwischen Personen werden im Internet-Zeitalter ausschließlich über soziale Netzwerke, Messenger oder Sprach-/Videodienste gepflegt. Diese rein virtuellen Beziehungen lasse ich hierbei ausdrücklich außen vor! Denn um zufrieden sein zu können, benötige ich Menschen mit gewissen Qualitäten in meiner physischen Nähe.

Es kann sich hierbei um wirkliche Freunde handeln, mit denen ich sehr vieles teile (vor allem Zeit und persönliche Gedanken), um Bekannte, mit denen ich mich unregelmäßig treffe oder gemeinsam etwas unternehme, um Menschen, mit denen ich nur ganz spezifische Interessen teile und mich hierzu nur bei Bedarf mit ihnen austausche, ihnen helfe oder mir von ihnen helfen lasse, oder um Gruppen von Menschen, mit denen ich all dies tun oder teilen kann. Idealerweise gibt es einen ausgewogenen Mix aus allem, doch wichtiger ist mir dass ich diese Personen ohne großen Zeitaufwand real erreichen kann (bzw. sie mich).

Das dritte Element der Zufriedenheit sind für mich meine PEERS – Menschen in meiner Nähe, die mir das Gefühl geben in Gemeinschaft zu sein.

4. MILIEU

Der individuelle Alltag wird stark dadurch geprägt, in welcher Umgebung man sich befindet. Im Gegensatz zum ersten Element spreche ich nun vom Makrokosmos, in dem wir uns täglich bewegen. Hierzu zählen die Optik und Atmosphäre des Umkreises, in dem sich der persönliche Lebensmittelpunkt (HOME) befindet, die Menschen die innerhalb dieses Umkreises leben sowie die vorhandene Infrastruktur – sprich Verkehrsanbindung, Versorgung (Lebensmittel, Medizin usw.) und Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung.

Um zufrieden mit meiner Umgebung zu sein und mich in ihr wohl zu fühlen, muss sie zu mir passen. Sie sollte mir einen grundsätzlich angenehmen Rahmen für mein Zuhause bieten, und ich möchte mich gerne in ihr aufhalten oder in sie zurückkehren.

Das vierte Element der Zufriedenheit ist für mich mein MILIEU – eine Umgebung, die mir das Gefühl gibt hier heimisch und gut versorgt zu sein.

Ich glaube, dass eine Erfüllung diese vier Elemente ausreicht, um mir eine grundlegende Zufriedenheit zu geben. So mancher dürfte dabei nun wohl den Faktor Lebenspartner(in)/Familie vermissen. Deshalb will ich ihn mal nicht außen vor lassen. Auch aus einer Partnerschaft bzw. Ehe und familiären Beziehungen lässt sich Zufriedenheit gewinnen.

Ich stelle mir die Elemente bildlich als Säulen vor, die meine Plattform der Zufriedenheit tragen. Partner(in) und Familie können sehr gut als Ergänzung dienen, den Raum zwischen den Säulen ausfüllen und das Bild quasi perfekt machen. Allerdings glaube ich, dass sie allein keines meiner vier Elemente ersetzen und eine eigene Säule bilden könnten.

Ich freue mich schon sehr auf den Tag, an dem ich sagen kann:

Ja, meine vier Elemente sind da und im Gleichgewicht.
Ich bin zufrieden.

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Bewerbungen vs Ehrlichkeit

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Auch wenn ich dieses Thema schon in anderen Postings angeschnitten hatte, will ich dazu nochmal ganz gezielt ein paar Dinge loswerden. Vor zwei Tagen hatte ich eine relativ hitzige Diskussion mit meinem Bruder. Er berichtete von seinen Erfahrungen als Bewerber und dem damit verbundenen Frust. Viele Menschen kostet es große Überwindung, in Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen die Wahrheit zu verbiegen, um sich selbst in einem positiveren Licht erscheinen zu lassen. Doch leider wird von Bewerbern genau das erwartet.

Hat man einmal eine Arbeitsstelle ergattert, kann man beruhigt wieder weitgehend „man selbst“ sein, ohne den Job aufs Spiel zu setzen. Doch so lange man keine feste Zusage hat, gilt es den schönen Schein zu wahren. In vielen Fällen erreicht man das schon durch Übertreibung, dem Hervorheben positiver und dem Verschweigen negativer Dinge. So lange es nur dabei bleibt sehe ich kein Problem. Aber sobald echte Lügen nötig sind, um keinen „negativen“ Eindruck zu hinterlassen, ist meine Schmerzgrenze überschritten.

Gerade in Vorstellungsgesprächen wird in der Regel systematisch nach vermeintlichen Schwachpunkten beim Bewerber gesucht. Lücken oder Ungereimtheiten im Lebenslauf, unvollständige Unterlagen oder bestimmte Formulierungen in Zeugnissen geben immer wieder gerne Anlass zum Nachhaken. Und oft genug tritt die fachliche Qualifikation eines Kandidaten dabei plötzlich völlig in den Hintergrund. Wer keine astreinen und vollständigen Bewerbungsunterlagen vorweisen kann und deshalb keine Absagen riskieren will, der steht vor der Wahl:

  • Lebenslauf und/oder Zeugnisse zu „pimpen“ (sprich: Dokumente zu fälschen),
  • im Vorstellungsgespräch zu lügen,
  • im Vorstellungsgespräch heikle Punkte auszulassen oder Aussagen hierzu zu verweigern (und hoffen dass dies nicht als Schwachpunkt gewertet wird)
  • ehrlich zu bleiben (und hoffen dass der Entscheider im Unternehmen ein Herz für ehrliche Menschen hat)

Letztlich bleibt es natürlich jedem selbst überlassen, welchen Weg er wählt. Für mich habe ich jedenfalls entschieden, mir nicht mittels Fälschung oder Lügen einen Job zu erschleichen, egal wie interessant er auch erscheinen mag. Selbst wenn nach einer Zusage alles egal ist was man davor gesagt hat und über Lügen im Nachhinien geflissentlich hinweg gesehen wird, weigere ich mich meinen persönlichen Ehrlichkeitskodex zu torpedieren.

Ob und wie sich das auf zukünftige Bewerbungen auswirkt, wird sich noch zeigen…

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Und schon wieder war ich offensichtlich zu voreilig! Wer keinen festen Arbeits-, Ausbildungs- oder Studienplatz hat, sollte nicht auf die Idee kommen den Wohnort zu wechseln. Und warum tue ich genau das trotzdem? Die Antwort hierauf liefern die voran gegangenen Postings in diesem Blog. Von mehreren Bekannten, die schon in ähnlichen Situationen waren, habe ich Horrorstorys mitbekommen, und die meisten rieten mir davon ab als Arbeitsloser einen Umzug zu wagen. All das brachte mich nicht von meinem Vorhaben ab…

Und bisher war eigentlich alles wie am Schnürchen gelaufen! Allen anderen Meinungen zum Trotz machte das Arbeitsamt überhaupt keine Probleme. Im Gegenteil – man zeigte sich dort überaus verständnisvoll und kooperativ… und seitdem erhalte ich auch keine nervigen Einladungen zu sinnlosen Terminen mehr!

Die Kündigung der alten Wohnung war im Grunde Formsache. Auch meine Vermieter legten mir keine Steine in den Weg, kümmerten sich sogar selbstständig um die Suche nach einem Nachmieter, und es sieht sehr danach aus, dass die Wohnung schon ab dem nächsten Monat weiter vermietet werden kann und ich damit finanziell entlastet bin. Innerhalb von zwei Tagen nach Veröffentlichung der Wohnungsanzeige im Netz kamen schon um die zehn Interessenten zur Besichtigung vorbei! Sowohl die Lage als auch der Mietpreis sind nunmal ziemlich attraktiv.

Auch für die vorübergehende Einlagerung meines Hausrats (oder zumindest einem Großteil davon) fand sich schon beim zweiten Anlauf eine bezahlbare Lösung. Der erste Self-Storage-Anbieter, bei dem ich anfragte, wollte mir für ein 4,5 m² Kabuff insgesamt mehr als 100 € pro Monat abknöpfen. Doch dann fand ich einen kleineren regionalen Anbieter, bei dem ich für einen etwa gleich großen Raum nur ca. 60 € monatlich hinlegen muss. Das ist fair, und außerdem konnte ich über seinen Rahmenvertrag mit einem Autovermieter fast 50% bei der Reservierung eines Transporters sparen. Was will man mehr…?

Auch mit meinen Bewerbungen um einen neuen Job ist es bisher ganz gut gelaufen. Von den vier großen Unternehmen, die mit meinen Unterlagen versorgt sind, haben mich nach zwei Wochen schon zwei zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, eines hat abgesagt und von einem steht die Rückmeldung noch aus. Das lässt mich im Prinzip zuversichtlich sein, dass ich vor Ende des Jahres wieder in Lohn und Brot sein werde.

Die einzige Stelle, an der es wirklich hakt, ist eine Unterkunft für die nächsten Monate. Dabei sind gerade hier meine Ansprüche gar nicht so hoch. Ein kleines möbliertes Zimmer würde mir für den Übergang schon völlig genügen. Doch auch so etwas zu finden, stellt sich gerade als echtes Problem heraus. Und der einzige Grund hierfür scheint meine momentane Arbeitslosigkeit zu sein. Ich hatte mich zunächst mal bei zwei Immobilienverwaltungsfirmen ganz formal um ein möbliertes Apartment beworben und machte dabei natürlich wahrheitsgemäße Angaben zu meiner aktuellen beruflichen Situation. Beide Firmen meldeten sich nicht selbständig bei mir zurück. Auf mein telefonisches Nachhaken hin kam von beiden die selbe Reaktion: Man teilte mir mit, es seien gerade alle Wohneinheiten vergeben und vertröstete mich jeweils auf den nächsten Monat. In einem Fall wurde sogar ganz nebenbei noch einmal gefragt, ob ich zwischenzeitlich eine Jobzusage hätte. Warum man sich nicht traut, Klartext mit mir zu reden, ist mir schleierhaft. Denn der Sachverhalt erscheint mir vollkommen einleuchtend: Den Eigentümern der Immobilien sind Studenten ohne Einkommen als Mieter lieber als Arbeitslose, die monatlich vom Staat mehr Geld auf ihr Konto bekommen als so mancher Arbeitnehmer. Wer keine feste Beschäftigung hat, landet tatsächlich bei den meisten pauschal in der Schublade für den sozialen Abschaum – unabhängig vom Beruf oder den Gründen für die Arbeitslosigkeit.

Mein Plan B war, mir von einer Agentur eine Unterkunft auf Zeit vermitteln zu lassen. Doch dabei wurde mir fast sofort der Wind aus den Segeln genommen. Für zwei dieser Wohnungsvermittler hatte ich heute sorgfältig die Auftragsformulare ausgefüllt und die verlangten Ausweiskopien gefaxt. Schon wenige Minuten nach Übermittlung der Dokumente wurde ich von einer Mitarbeiterin einer dieser Agenturen angerufen, die mir mit sehr gequälter Stimme mitteilte, sie könne mir leider keine Unterkunft vermitteln, da generell nur Personen, die sich in einem festen Arbeitsverhältnis befänden, berücksichtigt würden. Überraschenderweise ließ sie sich meine Situation schildern und zeigte sogar aufrichtiges Verständnis, dass es durchaus Sinn machen kann, sich als Arbeitsuchender um eine Unterkunft an einem anderen Ort zu bemühen, auch wenn man dort noch keine feste Jobzusage hat. Doch natürlich half das nichts, Regeln sind Regeln, und ich befürchte dass diese auch bei allen anderen Wohnungsvermittlern gelten. Ein klein wenig diskriminierend finde ich das schon, bin mir aber bewusst dass Personen wie ich offenbar absolute Ausnahmefälle darstellen. Hieran wird wieder einmal deutlich, welche Nachteile man hat, wenn man nicht mit dem Strom schwimmt und nicht das tut was fast alle anderen tun.

Wer sich in meiner Situation befindet, ist letztlich auf die Unterstützung von Familie und/oder Freunden angewiesen. Der Rat, sich vorübergehend in ein Hotel einzumieten (den ich heute tatsächlich zu hören bekam), ist für einen Arbeitslosen mit begrenztem Budget ziemlich absurd. Ich werde mich nicht unterkriegen lassen und weiterhin nach Lösungen für dieses letzte Problem bei meinem Wohnortwechsel suchen. Und sollte sich keine Lösung finden… Naja, es gibt ja ein paar große Brücken in Mainz.

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