Ja, es ist so eine Sache mit dem wichtigsten Objekt der Konsumgesellschaft… Ohne unsere Portemonnaies fühlen wir uns in der Tat unserer Identität beraubt. Ohne Ausweis, Führerschein, EC- und Kreditkarten sowie ggf. Bargeld können wir uns eigentlich nicht sicher außerhalb unserer eigenen vier Wände bewegen. Ohne Ausweis keine Identifizierung vor öffentlichen Organen, ohne Führerschein keine Fahrerlaubnis für KFZ, ohne EC-Karte kein Bargeld, ohne Bargeld oder Bezahlkarte keine Lebensmittel, ohne Lebensmittel kein Leben! Die Aufzählung ließe sich ergänzen um diverse Fahr-, Versicherungs-, Schlüssel- und sonstige Karten, die wir in der Regel im Portemonnaie mit uns führen. Wen erschreckt es nicht, wenn er sich bewusst wird dass seine Existenz an einem Gebrauchsgegenstand (oder in manchen Fällen Modeaccessoire) hängen kann? Irgendwie finde ich es tragisch wenn ein so banaler Gegenstand zweifellos über die Selbstsicherheit einer Person entscheidet.
Lange Rede, kurzer Sinn. Heute morgen erfolgte gewissermaßen der Ausgleich für den Vorfall, der mich vor Kurzem in letzter Konsequenz einen halben Urlaubstag kostete (siehe hier). Als ich mich gerade auf den Weg zur Arbeit machen wollte und wie gewohnt nach meinem Portemonnaie griff, musste ich kurz an meinem Geisteszustand zweifeln. Ganz bestimmt war kein Restalkohol in meinem Körper, der mich alles doppelt sehen ließ. Und leblose Gegenstände vermehren sich nicht von selbst… obwohl das im Fall von Bargeld nebenbei bemerkt eine nette Sache wäre. Jedenfalls lagen dort zwei schwarze Objekte aus Leder vor meinen Augen. Nur eines davon stellte sich als mein Portemonnaie heraus, das andere wurde mittlerweile hoffentlich von seinem Besitzer sichergestellt. Sonst wäre es für diesen mangels Identität sicherlich ein Scheiß-Tag geworden.
Es war eindeutig einer dieser Tage. Das konnte ich schon behaupten, bevor er richtig angefangen hatte. Eigentlich hatte es keine Vorboten oder bestimmte Voraussetzungen gegeben. Wie auch immer… Das Folgende ist mir heute widerfahren:
Aufstehen wollte mein Körper nicht so recht, als der Wecker um 6:30 piepte. An sich nichts Ungewöhnliches, zumal mein Schlaf eher unruhig und die Träume eher verwirrend gewesen waren. Wie gewohnt ging ich ins Bad, machte den üblichen morgendlichen Durchlauf, zog mich an und war bereit für den Weg zur Arbeit – fast! Der reflexartige Griff nach dem wichtigsten Objekt des zivilisierten Menschen – der Brieftasche, dem Geldbeutel, dem Portemonnaie, wie auch immer man es nennen will – führte ins Leere. Ich würde mich als Gewohnheitstier bezeichnen, und eben deshalb war die Situation schon ungewöhnlich. Zu 90 Prozent finde ich mein Portemonnaie morgens an einem von zwei Orten vor: auf dem Esstisch oder in der Jackentasche. Wenn es dort nicht ist, habe ich meine Kreditkarte oder ähnliches am Abend davor gebraucht, und es liegt in der Nähe des Computers. Nichts davon war heute der Fall. Das genügte schon um mich ziemlich unruhig werden zu lassen. Auch ein Durchkämmen der unwahrscheinlicheren Plätze in der Wohnung führte nichts zu Tage. Der nächste logische Schritt war meinen Freund anzurufen, der gestern Abend hier gewesen war. Vielleicht hatte er eine Idee wo das Teil abgeblieben sein könnte. Doch nach ein paar mal Tuten kam ein Besetztzeichen, und bei den nächsten Anrufversuchen nur noch eine nervige Ansage, der Teilnehmer sei nicht erreichbar. Fast hätte ich das Handy quer durchs Zimmer geworfen. Einen Moment lang kam das Gefühl auf, ich wäre noch am schlafen und das ganze nur ein Traum. Ich zwang mich zum Fokussieren und überlegte wann und wo das Portemonnaie das letzte mal zum Einsatz gekommen war. Im Bus natürlich, beim Vorzeigen der Fahrkarte, gestern Abend auf dem Heimweg. War es mir dort irgendwie aus der Jacke gefallen? Man könnte ja mal nachfragen ob es gefunden worden war. Die Vestische Straßenbahnen GmbH hat ein Fundbüro, und dieses ist von 13 bis 15 Uhr Montags bis Donnerstags besetzt. Tolle Arbeitszeiten, echt. Natürlich ging unter der angegebenen Nummer niemand ans Telefon. Und auch die liebe Nachbarin meines Freundes, die mir zumindest etwas seelischen Beistand hätte leisten können, war gerade nicht zu erreichen.
Um kurz vor 8 rief ich erstmal meinen Chef an, um die Lage kurz darzustellen und ihn wissen zu lassen dass ich nicht wusste ob und wann ich heute zur Arbeit erscheinen könnte. Denn ohne Zugfahrkarten, Geld, EC-/Kreditkarte und Ausweis ist man in der Tat ziemlich aufgeschmissen und fühlt sich tatsächlich irgendwie seiner Identität beraubt! Ein paar Minuten später ließ Vodafone mich via SMS wissen, dass mein Gesprächspartner nun wieder per Handy erreichbar sei. Also rief ich meinen Freund sofort zurück, der mir erzählte er hätte sein Handy verloren und sei bei der Suche in seinem Auto nicht nur auf das Handy – mit zwischenzeitlich leerem Akku – sondern auch auf mein Portemonnaie gestoßen. Wie es dort hin gekommen war, konnte keiner von uns nachvollziehen, zumal ich das Auto gestern nicht betreten hatte. Egal… Ich war in Recklinghausen, das Auto in Essen. Etwa eine dreiviertel Stunde später war das Auto dann in Recklinghausen und auch das vermisste Portemonnaie. Okay so weit – erstes Ziel erreicht!
Da ich nun sowieso mindestens zwei Stunden später erst auf der Arbeit hätte sein können, lag der Entschluss nahe kurzerhand den Vormittag komplett frei zu nehmen und die damit gewonnene Zeit für Erledigungen zu nutzen, die nach Feierabend oder am Wochenende nicht möglich sind. Im aktuellen Fall ging es um einen neuen Reisepass, den ich für den anstehenden Urlaub im September noch brauche. Mit einem kurzen Anruf beim Chef war der Weg für den nötigen Amtsgang – zumindest theoretisch – frei.
Den Besuch eines Fotostudios halte ich bei Reisepass-Bildern für unnötig und vor allem zu teuer, zumal es sich aufgrund der Vorgaben nicht mal um schöne Bilder handelt. Deshalb hatte ich schon in einer “privaten Session” ein passendes digitales Foto vorbereitet, das nur noch auf Fotopapier gebracht werden musste. So etwas hatte ich schon einmal bei dm erledigt, allerdings nicht im Passbild-Format. Aber einen Versuch war es wert, und ich wusste wo in meiner Stadt ein dm zu finden ist. Dort angekommen fand ich dann auch ein paar Foto-Kioske von Kodak vor, wählte einen aus und wühlte mich durchs Menü. Ein Passbild-Format konnte ich auf Anhieb nicht entdecken, lediglich eine Option für Mini-Fotos oder so ähnlich. Ich dachte mir, das würde schon in etwa hinkommen und ließ einen Bogen dieser Mini-Abzüge produzieren – für günstige 27 Cent! Aber mir schwante schon Böseres…
Zum Bürgerbüro der Stadt war es nicht weit. Es befindet sich in einem anderen Gebäude als noch vor ein paar Monaten, aber das war mir zum Glück vorher bekannt gewesen. Es war fast nichts los und damit keine Warterei nötig. Ich hielt den Mitarbeitern ohne lange Rede die Abzüge von dm unter die Nase und fragte ob man damit etwas anfangen könnte. Ein Einpassen in ein Stanzgerät für Passbilder ergab, dass die Mini-Fotos von dm zu schmal und damit unbrauchbar waren. Also musste ich erstmal unverrichteter Dinge wieder abziehen und überlegte, wo sonst noch digitale Sofortabzüge zu bekommen sind. Die Frage beantwortete sich quasi von selbst, denn direkt gegenüber prangte der unübersehbare rote Schriftzug MediaMarkt. Stimmt, dort hatte ich auch schon solche Automaten gesehen. Also schnell rüber ins Löhrhof-Center und die Rolltreppe hoch… zu verschlossenen Toren. Man öffnet eben erst Punkt 10 Uhr, und bis dahin waren es noch ein paar Minuten. Unten hatte ich im Vorbeigehen eine dieser Foto-Fix-Kabinen gesehen. Wäre ja auch eine Alternative, und ich müsste nicht warten bis der MediaMarkt öffnet. Also nahm ich mir das Ding mal vor und ging hinein. Ein Satz Passfotos, EU-konform: 6 Euro. Naja… und ach: “Der Automat gibt kein Wechselgeld”. Mit meinem 20er-Schein und bisschen Kleingeld kam ich da nicht weiter. Also doch wieder die Rolltreppe hoch, und noch ein wenig gewartet. Das Tor wurde pünktlich geöffnet, und ich lief gezielt zur Foto-Abteilung. Dort standen sie, die bekannten Kodak-Automaten (leider nicht die erhofften von CeWe). Sie ähnelten sehr denen bei dm, aber an der Wand dahinter war etwas von Passbildern im Sofortdruck zu lesen. Und in der Tat fand sich auf dem Touchscreen ein entsprechender Menüpunkt. Die Bedienung gestaltete sich extrem mühselig. Auf mein beständiges Tippen auf die angezeigten Buttons reagierte der Automat oftmals gar nicht. Bei der (meiner Meinung nach sinnfreien) Einstellung der Begrenzunglinien für das Gesicht auf dem Foto behauptete er ständig, die Passbilder ließen sich so nicht produzieren. Dann wechselte er auf ein nutzloses quadratisches Format und zoomte das Bild auf eine völlig blödsinnige Größe. Bis ich ihm beigebracht hatte mein Foto annähernd in der Form zu platzieren in der ich es vorbereitet hatte waren einige Minuten vergangen. Und der Bogen mit 6 Bildern kostete dann 2,99 €. Warum ein gleich großes bedrucktes Blatt Fotopapier mit den nutzlosen Bildformaten nur 27 Cent kostet, erschließt sich mir nach wie vor nicht. Immerhin war es trotzdem deutlich billiger als so ein Foto-Fix, geschweige denn ein Foto-Studio.
Mit den neu gedruckten Bildern ging es zurück zum Bürgerbüro, und diesmal schien das Format zu passen. Die Mitarbeiterin benötigte allerdings zwei Stanz-Versuche, bis laut Schablone alles in Ordnung war. Ich sollte dann eine Nummer ziehen, obwohl sonst niemand im Wartebereich war, und kam logischerweise sofort dran. Die zweite Mitarbeiterin war auch ziemlich freundlich und fertigte mich zügig ab. Sie wollte sofort die 59 Euro Gebühr einkassieren, die ich nicht dabei hatte (zahlt man die nicht andernorts erst bei der Abholung?). Kartenzahlung wurde laut deutlicher Hinweisschilder auf dem Gang nicht angeboten. Also musste ich nochmal zum Geldautomaten und wieder zurück. Das war zum Glück innerhalb weniger Minuten erledigt. Ich bekam noch eine Quittung. Zweites Ziel erreicht!
Auf dem Rückweg nach Hause lag die örtliche Apollo-Filiale. Die Gelegenheit, dort noch einmal die Bügel meiner neuen Brille nachjustieren zu lassen, blieb nicht ungenutzt. Und beim Back-Werk noch schnell mein Mittagessen besorgt. Mir blieb danach nicht viel Zeit zuhause, bis ich mich schon wieder auf den Weg zum Bahnhof machen musste, um zur Arbeit zu gelangen.
Die Zugfahrt war ruhig. Auf dem Weg vom Bahnhof Bösensell zur Firma gab es eine Radarkontrolle, und ich wurde mit meinem Roller (!) von den Herren Polizisten raus gezogen. Sie hatten kein “Glück” bei mir. Zu schnell gefahren war ich offenbar eh nicht (50 km/h waren erlaubt), meine Papiere waren in Ordnung, und auch sonst fiel ihnen wohl nichts auf. Pure Zeitverschwendung also. Führte nur dazu dass ich in noch flattrigerem Zustand im Büro ankam.
Der halbe Arbeitstag war dann zumindest nicht unangenehm, die nachfolgende Zugfahrt wurde dank ausländischer Familien mit Säuglingen und einer riesigen Horde Rentner mit Fahrrädern etwas nervig, aber dafür erreichte ich noch den direkten Anschluss an den Bus, da dieser leicht verspätet war.
Und nun hoffe ich dass dieser Tag schnell zu Ende geht, nichts besonderes mehr passiert und der morgige etwas einfacher wird.
Scheiße. Ganz große Scheiße. Das muss erst einmal gesagt werden.
Was ist da heute passiert in Duisburg? Die Loveparade? Tja, das was sie werden sollte. In den Augen der Organisatoren sicherlich eine friedliche Großveranstaltung besonderen Ausmaßes. Das tatsächliche Ausmaß bekam man in den letzten Stunden auf vielen Kanälen zu sehen und zu hören. Ich ringe um Fassung. Bilder, die mir gestern durch den Kopf gegangen waren (nachzulesen in meinem vorherigen Blog-Eintrag) sind fast genau so eingetreten! Das Augenzwinkern, das den Vergleich mit dem Fleischwolf ohne Lochscheibe begleiten sollte, ist beinahe Tränen gewichen. Und ich verstehe nicht, warum kein Verantwortlicher ahnen konnte was heute passiert ist. Ich war bei weitem nicht der einzige, der in den letzten Tagen berechtigte Kritik an der Raumplanung der Veranstaltung geübt hat. Wir sollten uns jetzt wirklich nicht in Sätzen à la “hab ich’s doch gewusst” ergehen. Wir als einfache Meinungsäußerer hätten nicht die Macht gehabt, die Tragödie zu verhindern. Aber verdammt noch mal – es sind weit mehr als ein Dutzend Menschen zu Tode gekommen und noch viele mehr verletzt worden! Und jetzt werden noch etliche Kritiker die Stimmen erheben. Die Wellen werden unglaublich hoch schlagen. Momentan finde ich das gut so. Eine so kolossale Fehlplanung gehört öffentlich angeprangert und bis ins letzte Detail ausgeschlachtet. Ja, es sollen Köpfe rollen. Natürlich werden sich die Bürokraten nun gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben, und wie immer will es keiner gewesen sein. Sollen sie nur machen. Es sollte nachzuverfolgen sein, wer in der Planung des Geländes und der Besucherwege involviert war. Und jeder einzelne, der in der Lage gewesen wäre einen wirksamen Einspruch zu erheben, trägt nun die Verantwortung für die Vorfälle im verhängnisvollen Tunnel bzw. um diesen herum. Egal wer letztlich dazu verurteilt wird eine hoffentlich angemessene Strafe zu verbüßen – ich wünsche allen eben beschriebenen Personen dass sie sich ihrer Schuld bewusst werden.
Ja, ich war auch in Duisburg am Tag der Veranstaltung. Und habe genug gesehen, um früh genug den Rückzug anzutreten. Entgegen der über die Medien ausgesprochenen Empfehlungen nutzten wir das Auto zur Anreise. Wir hatten uns kurz vorher online über Parkmöglichkeiten informiert und den Bereich um die MSV-Arena ausgewählt. Diesen erreichten wir um ca. 13:30 Uhr ohne größere Probleme. Die Straßen inklusive der A3 waren relativ gut befahrbar, und auch ein Parkplatz war zügig gefunden. Wir folgten dem nicht allzu dichten Menschenstrom unter der gesperrten A59 hindurch und die Düsseldorfer Straße entlang bis etwa zur Straßenbahnstation Karl-Jarres-Straße. Ab dort war schlagartig kein Weiterkommen mehr möglich. Man erblickte im weiteren Verlauf der Düsseldorfer Straße eine geschlossene Menschenmenge, die nicht wirklich in Bewegung war. Die Stimmung war relativ ausgelassen, und die meisten Anwesenden erweckten nicht den Eindruck als hätten sie es sehr eilig auf das Festivalgelände zu gelangen. Bis zu dessen Eingang wären es von unserem Standort aus noch ca. eineinhalb Kilometer Fußweg gewesen. Die Entscheidung diesen Weg nicht zu wählen war ziemlich schnell gefallen. Einerseits drängten sich mir unwillkürlich wieder die Fleischwolf-Assoziationen auf, andererseits machte mir meine Blase einen Strich durch die Rechnung, und in Richtung Güterbahnhofsgelände war kein Toilettencontainer zu sehen. Also drehten wir wieder um, bevor allzu viele heran strömende Menschen uns von hinten einkesseln konnten, und wanderten zurück in Richtung Parkplatz. Den restlichen Nachmittag verbrachten wir relativ entspannt im Landschaftspark Duisburg-Nord und im Oberhausener CentrO .
Was die Zukunft der Loveparade betrifft, gehe ich momentan davon aus dass es sie nicht geben wird. Die legendäre Serienveranstaltung wird nun hoffentlich zusammen mit ihren Opfern zu Grabe getragen – endlich! Es ist ein trauriger Abschied, aber ein notwendiger. Man hat nun auf die harte Tour erfahren, dass etwas das in Berlin lange Zeit funktionierte im Ruhrgebiet von vorn herein deplatziert war.
Die Loveparade ist tot – und das ist auch gut so.
1999 – ach jaaa, das war noch was, damals… Ich war gerade mal 18 und das allererste mal in Berlin. Es war eine relativ spontane Aktion. Sie passte irgendwie in die späten 90er Jahre und ins späte Teenager-Alter. Einmalig, unwiederholbar und absolut prägend.
Wir hatten von dieser bekannten Veranstaltung namens Loveparade gehört, die jeden Sommer irgendwo in Berlin stattfand. Und was wussten wir von Berlin? Hauptstadt halt, irgendwie ziemlich groß, ziemlich weit weg “so da oben rechts”, aber viel mehr dann auch nicht. Immerhin – es waren Sommerferien, das Wetter war gut, es gab keine Verpflichtungen denen wir nachkommen mussten und niemanden der uns aufhalten konnte. Die Deutsche Bahn hatte noch “Guten-Abend-” und “Schönes-Wochenende-Tickets” im Angebot, die erschwingliche Fahrten kreuz und quer durch die Republik ermöglichten. Wir waren zu zweit – mein Cousin und ich – und hatten uns vorgenommen mal nach Berlin auf die Loveparade zu gehen.
Zur Fortbewegung die Bahntickets, zum Schlafen ein geliehenes Zelt – an mehr dachten wir tatsächlich damals nicht. Und es funktionierte! Einmal vom Westerwald nach Berlin und zurück, ohne großen Plan, einfach so. Probleme entstehen eben meistens nur dann wenn man Zweifel hat. Wir kamen erst tief in der Nacht in Berlin an, am Bahnhof Zoo natürlich. Der war uns ein Begriff, und deshalb war es aufregend plötzlich mittendrin zu stehen. Wir brauchten die “Bändchen”, so viel wussten wir. Mit denen konnte man das ganze Wochenende über alle öffentlichen Verkehrsmittel im Bereich der BVG nutzen. Und wir wollten auf keinen Fall die restliche Nacht in diesem berüchtigten Bahnhof verbringen. Vor dem Ausgang wuselten aber einige mobile Verkäufer herum, bei denen man die begehrten Bändchen und diverse Fressalien bekommen konnte.
Der Rest ist Geschichte, und die werde ich niemals vergessen. Morgens wildes Campen am Rand der Metropole, ab mittags 1 Million Menschen im Tiergarten, strahlender Sonnenschein, Durst, am Abend ganz vorne stehen direkt unterhalb der kleinen DJ-Kapsel, Bewegung, Licht, Bässe, zum Schluss an- und abschwellendes weißes Rauschen. Das war die Loveparade, das war Berlin, das waren wir.
Auf die beschwerliche Rückreise will ich jetzt nicht eingehen, wohl aber auf den gescheiterten Versuch die Erfahrung zu wiederholen. Es müsste 2002 gewesen sein, wir waren diesmal zu dritt – mein Bruder war mit von der Partie. Wir traten im Partnerlook auf: Rote Klamotten und rot gefärbte Haare, die irgendwie nach oben gestylt waren, nach Nuller-Jahre-Manier. Das erwartete Feeling wollte sich aber nicht so recht einstellen. Für die Hin- und Rückfahrt hatten wir Plätze in einem speziell gecharterten Reisebus gebucht. Die meisten Insassen waren jünger und schienen eine andere Partykultur zu haben als wir. Die Fahrten/Übernachtungen im Bus waren langatmig und nervig, Berlin war für uns nix Neues mehr, es waren viel zu wenige Leute da, und irgendwie war auch das Wetter nicht so toll. Selbst die geschossenen Fotos waren nur noch was für die Tonne, da die (analoge) Kamera wohl vorher schon was abbekommen hatte. Alles in allem bot die Loveparade in jenem Jahr nichts was bei mir intensive Erinnerungen hinterlassen hat.
Irgendwann kam das Aus für Berlin… Und dann war auf einmal die Rede vom Ruhrgebiet. Ich hatte das Thema Loveparade für mich schon abgehakt und nicht weiter verfolgt. Deshalb erreichten mich 2007 die Informationen über das Revival in Essen erst ziemlich spät. Ich war jobmäßig gerade neu in Düsseldorf angekommen, und mein damaliger Vorgesetzter hatte in unserem Büro ein Plakat angebracht, das ich zwar nebenbei registriert aber nicht näher studiert hatte. Irgendwann fiel mein Blick dann doch einmal etwas länger darauf, und eine kurze Recherche im Internet führte zu Tage dass der Termin für die Loveparade 2007 am darauf folgenden Samstag war und das ganze in Essen stattfinden würde. Ähnlich spontan wie beim ersten mal entschied ich, mir die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Durch die geografische Nähe war außerdem keine wirkliche Planung nötig.
Diesmal war ich allein unterwegs. Mit dem Zug nach Essen zu kommen war kein großes Problem, und es war mein erster Besuch in dieser Stadt. Tatsächlich war wieder ein Quäntchen des 99er-Gefühls zu spüren, weil sich ein paar Dinge wiederholten. Das Wetter war in etwa das gleiche, die Besucherzahl wurde sogar noch übertroffen, und es kam sogar ein wenig Rave-Atmosphäre auf. Ich hatte erwartet dass die Veranstaltung einen völlig anderen (vor allem kommerzielleren) Charakter haben würde als seinerzeit in Berlin, wurde jedoch angenehm überrascht. Natürlich war das Bühnengebilde übertrieben und irgendwie größenwahnsinnig, aber nicht weniger beeindruckend. Die Musik, die zur “Abschlusskundgebung” über den Berliner Platz schallte (Nomen est Omen!), hatte nicht viel kommerzielles und erinnerte an die alten Elektro-Zeiten. Leider konnte ich nicht bis zum Ende bleiben. Aber ich erfuhr am eigenen Leib, warum eine Berliner Veranstaltung sich nicht mal eben so an einen anderen Ort verlagern lässt. Die Platzverhältnisse sind einfach zu unterschiedlich. Mangels Alternativen nutzten fast alle Besucher den Essener Hauptbahnhof zur An- und Abreise. Dieser war für das Menschenaufkommen an diesem Tag rein architektonisch alles andere als geeignet. Man hatte das Gefühl in einem großen Fleischwolf zu sein. Von einer Seite strömte alles trichterförmig in einen engen Tunnel hinein und aus mehreren noch engeren Öffnungen in mehr oder weniger zerdrücktem Zustand wieder hinaus. Ich war heilfroh wieder in einem Zug zu sitzen, der mich an einen anderen Ort bringen konnte, auch wenn ich wahrscheinlich den besten Teil der Veranstaltung verpasst hatte.
Ein Jahr darauf war Dortmund dran, ein Besuch der dortigen Loveparade war von mir fest eingeplant, und ich hatte sogar wieder einen Mitstreiter. Im Vorfeld war zu lesen gewesen dass man die Verkehrssituation diesmal systematisch entschärfen wollte, indem Bahnreisende je nach Abfahrtsort über verschiedene Bahnhöfe geschleust werden sollten. Wir wollten besonders schlau sein und stellten das Auto im nahe gelegenen Hagen ab, um von dort aus per Bahn in den Hexenkessel zu fahren. Die Züge aus Hagen landeten aber ausgerechnet im Dortmunder Hauptbahnhof, wo natürlich die Hölle los war. Entsprechend überlastet waren die Bahnstrecken, so dass man zeitweise im völlig überfüllten Zug festsaß, während dieser darauf wartete weiterfahren zu dürfen. Das Wetter war leider sehr wechselhaft. Als wir gerade vor den Westfalenhallen angekommen waren gab es einen Wolkenbruch sondergleichen, der den ohnehin nicht richtig aufkommen wollenden Spaß komplett vernichtete. Die B1 als geplantes Äquivalent zur Straße des 17. Juni konnte nicht überzeugen. Man fühlte sich permanent gefangen, weil es praktisch keine Ausweichmöglichkeiten gab und die Bundesstraße bis auf wenige Zugänge hermetisch abgeschirmt war. Auf dem Messegelände verlief sich die Menge ein wenig, aber das ganze Areal war sehr unübersichtlich. Reichlich gefrustet machten wir uns schon am Nachmittag wieder auf den Heimweg. Wir hatten Glück gerade einen passenden Zug zu erwischen und einer vorübergehenden Komplettsperrung des Hauptbahnhofs zu entgehen. Die Abschlusskundgebung konnten wir noch teilweise am Fernseher verfolgen. Die Show war für meinen Geschmack nicht übel. Ein Bekannter, der sie bis zum Ende vor Ort verfolgt hatte, erzählte mir später dass die Stimmung noch richtig gut geworden war.
Tja, und nach dem Bochumer Aussetzer in 2009 steht nun die Duisburger Version der Loveparade unmittelbar bevor. PR-mäßig ist sie schon vorher ein Erfolg gewesen. Lange genug stand sie offiziell auf der Kippe, um dann schließlich doch mit Hilfe der “Community” gerettet zu werden. Man fragte sich indessen, wo um alles in der Welt man in Duisburg den Platz für eine solche Riesenveranstaltung schaffen wollte, nachdem sich die beiden Vorgänger im Ruhrpott glimpflich geschlagen hatten. Mein erster spontaner Einfall war eine gesperrte A59 für die “Floats” und eine Abschlusskundgebung im Innenhafen oder dergleichen. Denkbar, aber offenbar nicht realisierbar. Irgendwann geisterte die Meldung durch die Medien, ein Gelände in der Nähe des Hauptbahnhofs sei nun für das Event vorgesehen. Aha, Hauptbahnhof also. Macht logistisch betrachtet Sinn, weil die Massen dann nicht durch die halbe Innenstadt geschleust werden und dafür etliche Straßen und Wege gesichert werden müssen. Macht wirtschaftlich betrachtet Sinn, weil das Duisburger Stadtzentrum mit seiner Königstraße quasi sauber von der Großveranstaltung getrennt und der normale Shoppingbetrieb munter weiter gehen kann, während die Raver in ein abgeriegeltes Gelände gepresst werden. Sozusagen in einen Fleischwolf ohne Lochscheibe. Wenn man sich das bildlich vorstellt, möchte man sich gar nicht vorstellen wie es sich anfühlt. Angesichts der Tatsache, dass laut offizieller Aussage des Veranstalters das Gelände maximal 500.000 Menschen fassen kann und bei gutem Wetter mindestens die doppelte Anzahl erwartet wird. Ach ja, und offenbar gibt es nur einen einzigen Ein- und Ausgang. Was wäre wenn es auf dem Gelände zu einem Vorfall käme, zum Beispiel gewalttätiger Art? Eine Massenpanik benötigt keinen großen Auslöser. Da die Organisatoren dies ja mit Sicherheit bedacht haben, kann man damit rechnen dass es entsprechend strenge Zugangskontrollen geben wird. Und wenn man schon mal dabei ist die Besucher auf Waffen und Ähnliches zu filzen kann man auch direkt sämtliche mitgebrachten Getränke aus dem Verkehr ziehen.
Womit die Loveparade schließlich zu einem von vielen Open-Air-Festivals mutiert ist. Keine Floatstrecke über breite Straßen mehr, kein Chillen im Grünen wenn man müde vom Tanzen ist. Stattdessen ein trostloses, mal eben auf die Schnelle mit grobem Schotter geplättetes ehemaliges Güterbahnhofsgelände abseits der City, auf das die feiernde Gemeinde abgeschoben wird. Vor ein paar Tagen konnte ich vom Zug aus einen kurzen Blick auf das Gelände werfen und möchte dazu nur sagen: Es sah provisorisch, armselig und vor allem viel zu klein aus. Es schien komplett von Bauzäunen umgeben zu sein und hatte schon rein optisch absolut gar nichts mit den Locations zu tun, an denen bisher die Loveparade stattgefunden hat.
Sollte ich morgen den Weg nach Duisburg finden und tatsächlich auf dem eben beschriebenen Gelände landen, werde ich zumindest davon garantiert enttäuscht sein. Was nicht heißen muss dass es den meisten Besuchern so gehen wird. Ich könnte mir gut vorstellen dass die heutige U-20-Generation Veranstaltungen wie die Original-Loveparade nie erlebt hat und an Festivals mit Absperrungen, Einlasskontrolle und Getränkeverbot gewöhnt ist. Und genau diese Generation wird vermutlich den größten Teil der Besucherschaft ausmachen.
Dass unser guter Herr Lenz (aka Westbam) bis zu diesem Jahr gewartet hat um sein Abschiedsständchen zu geben, ist mehr als unglücklich. Aber irgendwann muss er diesen Schritt schließlich gehen, und es kann eigentlich nur noch schlimmer werden für ihn. Die Generation, die ihn zu seinen besten Zeiten begeistert gefeiert hatte, sitzt heute größtenteils im Büro oder bei der Familie und ist zu Silbermond, Unheilig oder ähnlichem Seicht-Rock konvertiert. Eigentlich möchte ich mir Westbams Abschiedsfeier gar nicht live ansehen, allein schon aus Angst vorm Fremdschämen. Ein Techno-Veteran, der sich vor einem Publikum, das ihn womöglich gar nicht kennt, um Beachtung bemüht – das wollen wir nicht wirklich sehen. Ich hoffe für ihn, dass seine Euphorie über das ganze Brimborium um seine Person ihn das nicht bemerken lässt…
Ja ja, die Loveparade – wo ist sie hin? Ein Teil von ihr bleibt bestehen… in meinen Erinnerungen an den Sommer ’99.
Der Sommer ist da. Und zwar sowas von! Die Luft erreicht im Schatten und im Freien an manchen Tagen locker Temperaturen in den Mittdreißigern. In der Sonne und in geschlossenen, ungekühlten Räumen kann es noch deutlich mehr werden.
Wie geht das größte deutsche Verkehrsunternehmen damit um? Wie sich – zum Teil sogar mit öffentlicher Resonanz – herausgestellt hat, oftmals gar nicht. Der Fall der Schülergruppe, die nach dem Ausfall der Klimaanlage im ICE bei rund 50 Grad das Bewusstsein verlor, wurde von den Medien ausgiebig breit getreten und zieht zum Glück nun Ermittlungen der Bundespolizei sowie eine Untersuchung seitens der Bundesregierung nach sich. Mittlerweile stellte sich ja sogar heraus, dass sich seit dem Wochenende zig ähnliche Vorfälle ereignet haben und die verbauten Klimaanlagen systematisch bei hohen Temperaturen versagen. Die Aufmerksamkeit richtet sich nun natürlich zunächst einmal auf Fernzüge, die bekannermaßen deutlich mehr Komfort und Service bieten als der öffentliche Nahverkehr und von den Fahrgästen mit entsprechenden Aufpreisen belohnt werden müssen. Ganz automatisch stellt sich die Frage, wie sich der Temperaturzustand wohl in den roten “Bummelzügen” der Deutschen Bahn darstellt, wenn schon in InterCitys und ICEs massiv die Gesundheit der Fahrgäste gefährdet wird.
Ich nutze an den meisten Werktagen die RegionalBahn, um zur Arbeit und zurück zu gelangen, und verbringe daher an diesen Tagen in der Regel ca. 1 Stunde in Nahverkehrszügen. In diesem Sommer musste ich bisher glücklicherweise noch keinen Bahn-bedingten Hitzeschock erleiden. Was aber nicht bedeutet dass es in diesen Zügen kein Temperaturproblem gibt. Die auf meiner Stammstrecke eingesetzten Wagen sind allesamt von neuerem Baujahr und verfügen über Klimaanlagen. Das muss freilich nicht bedeuten dass diese auch immer eingeschaltet sind.
Es gibt 2 triviale Methoden, um in Zügen Luftzirkulation herbeizuführen: 1. die Nutzung der Kühlaggregate und 2. das Öffnen der Fenster. Letzteres sorgt logischerweise nicht für Abkühlung, ist aber bei nicht vorhandener oder abgeschalteter Klimaanlage eine willkommene (wenn auch minderwertige) Alternative. Bisher war ich der Meinung, dass in klimatisierbaren Zügen die Fenster – wenn überhaupt – nur mit Hilfe eines “Spezialwerkzeugs” geöffnet werden können. Das macht natürlich irgendwo Sinn, da die gekühlte Luft durch offene Fenster entweichen und warme Luft von außen hereinströmen würde. In den letzten Tagen musste ich allerdings feststellen, dass in den von mir benutzten Regionalzügen einzelne Fenster geöffnet waren.
Auch gestern auf der Heimfahrt war das wieder der Fall, und im Zug war es ebenso drückend warm wie draußen. Ich fand die eintretende Luftströmung zwar ganz angenehm, fragte mich aber im selben Moment warum scheinbar bei einer Außentemperatur von über 30 Grad die Klimaanlage nicht lief. Doch halt – tat sie das wirklich nicht? Ein Probegriff an die Wandverkleidung über dem Fußboden ließ mich einen deutlich kühlen Hauch verspüren! Die Aggregate liefen also doch. Aber was sollen sie bringen, wenn bei Tempo 100 die ganze Zeit heiße Luft von außen durch die offenen Fenster herein gepresst wird? Diese Frage sollte die Deutsche Bahn am besten selbst beantworten, aber leider habe ich da meine Zweifel ob sie das kann. Es ist vielleicht wieder eine Ironie des Schicksals oder einfach nur Bahn-Logik: In den Fernzügen mit defekter Klimaanlage gibt es keine Fenster die sich öffnen lassen, während in Nahverkehrszügen in denen sie einwandfrei funktioniert die Fenster anscheinend von “dummen” Fahrgästen jederzeit geöffnet werden können.
Bahn oh Bahn, wir sind von dir begeistert.
So wenig man sich im Grunde über die Bahnverbindung zwischen Recklinghausen und Münster beklagen kann, so schwerwiegend sind doch die Auswirkungen, wenn tatsächlich einmal etwas Außerplanmäßiges geschieht. So wie heute morgen…
Als ich wie gewohnt um kurz nach 7 am Recklinghäuser Hauptbahnhof den Bahnsteig betrat schien alles auf eine normale Fahrt zur Arbeit hinauszulaufen. Der schon reflexartige erste Blick auf die Anzeigetafel an Gleis 2 informierte mich über die planmäßige Abfahrt der RB42 nach Münster um 7:09. Um 7:09 erschien die verhasste Laufschrift am oberen Rand und verkündete 10 Minuten Verspätung. Eine Durchsage war nicht zu vernehmen, weder von der automatischen noch von einer realen Stimme. Im 5-Minuten-Takt erhöhte sich die Angabe auf der Tafel, bis sie bei 20 Minuten angelangt war. Kurz darauf wechselte die Anzeige auf den RE2 um 7:37. Wiederum ohne Durchsage. Man konnte nur vermuten, dass die Regionalbahn komplett gestrichen worden war. Irgendwann ertönte dann doch etwas aus den Lautsprechern, das allerdings aufgrund eines gerade durchfahrenden Güterzugs nicht zu verstehen war. Kurz darauf wurde es wiederholt, und die Wartenden erfuhren dass der RE2 nun auch 15 Minuten Verspätung hatte. Die Anzeige auf dem blauen Display wechselte zu meinem Erstaunen wieder auf die RB42 und gab für diese nun 30 Minuten an. Die Zahl erhöhte sich auf 40 und änderte sich dann nicht mehr, auch als 7:49 verstrichen war. Um kurz vor 8 rollte der Zug von Richtung Süden heran, und alle Anwesenden machten sich bereit zum Einsteigen. Umsonst, denn der Zug fuhr ungebremst weiter ohne anzuhalten. Das Display am vorderen Wagen zeigte “RB42 Münster”. Die Reaktion der Leute war insgesamt überraschend temperamentlos aber doch deutlich. Ich amüsierte mich ein wenig über eine Jugendliche, die sich telefonisch von ihrer Mutter die Erlaubnis einholte, nach einer Stunde Wartezeit am Bahnsteig die Schule zu schwänzen.
Zwischenzeitlich prangte auf der Anzeigetafel wieder der RE2 – jetzt mit 25 Minuten Verspätung. Es folgten noch 2 Durchsagen, die für die beiden nachfolgenden Züge nach Haltern bzw. Münster ebenfalls Verspätungen ankündigten. Die Angabe auf der Tafel wurde noch auf 30 Minuten erhöht, und tatsächlich fuhr der RE2 um ca. 8:07 ein. Damit hatte ich eine geschlagene Stunde auf eine Zugverbindung Richtung Münster gewartet, war ebenso viel später auf der Arbeit, musste auf die Hälfte meiner Mittagspause verzichten und eine halbe Stunde später Feierabend machen. Der Grund für all die Verspätungen waren (laut Anzeigetafel) “Verzögerungen im Betriebsablauf”. Besten Dank, Deutsche Bahn :-/
Auch wenn ich seit dem letzten Monat wieder per Bahn zur Arbeit pendle, lohnt es sich nicht wirklich einen täglichen Blog darüber zu pflegen. Denn die Strecke zwischen Recklinghausen und Münster ist tatsächlich kaum von Störungen betroffen. Außer am 15.04.2010… Und das nehme ich zum Anlass, mich hier erneut ausführlich zur Deutschen Bahn auszulassen.
Wie gewohnt stand ich um viertel nach fünf nachmittags am Bahnsteig in Senden-Bösensell, um die 17:20er Regionalbahn (RB42) zu nehmen, die von Münster nach Essen fährt. Der Zug kam pünktlich, was an sich gar nicht ungewöhnlich ist. Wie immer kramte ich am Sitzplatz meine Kopfhörer heraus, um mir mit Musik die Zeit zu verkürzen. Gleichzeitig wollte ich noch eine Email zu Ende schreiben und war dadurch etwas vertiefter als sonst.
Nach drei Stationen hielt der Zug in Dülmen. Bis hierher also alles noch normal. Es wunderte mich etwas, dass er nicht gleich weiter fuhr und dass vereinzelt Leute, die gerade eingestiegen waren, den Zug wieder verließen. Aber da ich noch eine gewisse Anzahl an Fahrgästen auf ihren Plätzen erblicken konnte, ging ich nur von einer “normalen” Betriebsstörung aus, welche die Weiterfahrt etwas verzögern würde. Nach ca. 10 Minuten setzte sich der Zug dann auch wieder in Bewegung… allerdings zu meinem Entsetzen in die Richtung, aus der er gekommen war! Nun wurde ich doch etwas unruhig und stieg natürlich bei der nächsten Station (Buldern) aus. An jenem Bahnhof ist es recht umständlich den Bahnsteig zu wechseln, doch ich hatte genug Zeit, zumal der nächste Zug Richtung Recklinghausen noch nicht nahte.
Die mobile Fahrplanauskunft des VRR zeigte für den RE2 nach Mönchengladbach eine Verspätung von 4 Minuten an, was sich so weit als relativ korrekt erwies. Jedoch war dort nicht zu erkennen, was kurz nach der Abfahrt in Buldern im Zug durchgesagt wurde: Auch diese Fahrt sollte in Dülmen enden und nach kurzem Aufenthalt wieder zurück nach Münster gehen. Als Grund wurde ein “Personenunfall” zwischen Dülmen und Sythen genannt, und es wurde auf einen Schienenersatzverkehr bis Haltern hingewiesen. Der Bahnsteig in Dülmen war voller Menschen, die alle in einen schmalen Treppenaufgang strömten. Ich strömte erstmal mit und landete am Busbahnhof, wo sich aber just kein einziger Bus befand. Ein gestikulierender Uniformträger wies die Menschenmenge in Richtung einer Haltestelle, an der gleich der nächste Bus einfahren solle. Also positionierte ich mich schon einmal strategisch, um möglichst unter den ersten Einsteigenden zu sein. Einige Minuten später winkte der Uniformierte von einem Treppenabsatz aus herüber und lotste die Wartenden hinunter zu einem Parkplatz, wo sich tatsächlich ein Bus eingefunden hatte. Ich war bei den letzten, für die noch Stehplätze zur Verfügung standen. Die restliche Menschenmasse wurde auf spätere Busse vertröstet. Die Türen schlossen sich, und wegen mangelnder Luftzufuhr wurde es sofort stickig.
Der Bus bewegte sich im Schneckentempo vorwärts und brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um überhaupt die Stadt Dülmen hinter sich zu lassen. Da er auch den Bahnhof Sythen anfahren sollte, wählte der Fahrer kleine Nebenstraßen mit Kreisverkehren und Ampeln ohne Ende. Nachdem in Sythen ein einziger Passagier den Bus verlassen hatte, waren sich alle anderen einig dass sich der zeitraubende Umweg nicht gelohnt hatte. Eine junge Frau erzählte etwas von einer S-Bahn, die laut Fahrplan um 18:33 in Haltern abfahren sollte, und ich entschloss mich diese zu nehmen und bis Gelsenkirchen-Hassel zu fahren, wenn der Bus rechtzeitig ankäme. Das war nicht der Fall, und die Linie S9 fährt nur stündlich in Haltern ab.
Die Bahnsteige füllten sich mit den Menschen aus den Bussen, und alle standen mehr oder weniger ratlos herum. Ein älterer Mann, der gerade angekommen war, fragte ob es schon eine Durchsage gegeben hätte. Ich antwortete ihm: “Keine Einzige”.
Irgendwann rollte aus Süden ein Regionalexpress herein und hielt. Einige Fahrgäste stiegen aus, doch die meisten blieben sitzen. Die Aussteigenden wurden gefragt ob es im Zug eine Durchsage gegeben hätte, wohin die Fahrt weiter gehen sollte. Eine Passagierin, die leicht verwirrt schien, meinte der Zug solle wohl erst einmal etwa 15 Minuten warten, und bis dahin solle entschieden werden in welche Richtung er weiter geschickt würde. Es herrschte allgemeine Ratlosigkeit. Ich gesellte mich zu einer Gruppe, die sich um einen älteren Bahn-Mitarbeiter geschart hatte. Jener schien als Reaktion auf die Fragen der Leute ein wenig die Geduld zu verlieren, da er selbst genauso desinformiert war wie alle anderen Anwesenden. Einen Teil seines recht expressiven Statements konnte ich auf Video festhalten. Ich denke den Worten dieses Herrn ist nichts hinzuzufügen.
Video: Bahn-Mitarbeiter in Haltern
Für kurze Erheiterung sorgte eine automatische Lautsprecherdurchsage “Willkommen in Haltern”, die ohne jeden Zusammenhang ertönte. Ein paar Minuten darauf folgte eine weitere Durchsage – diesmal von einer realen Stimme -, die verkündete dass der Regionalexpress in Kürze wieder in Richtung Mönchengladbach abfahren würde. Hallelujah! Unmittelbar begann der Zug sich weitgehend zu entleeren, da dessen Insassen offenbar fast alle weiter in Richtung Münster wollten. Ich stieg zusammen mit den anderen Reisenden ein, deren Ziel weiter südlich lag. Der Zug setzte sich kurz darauf extrem langsam in Bewegung, blieb noch einmal stehen und fuhr dann in normalem Tempo los. Die zwei verbleibenden Stationen bis Recklinghausen wurden in der üblichen Zeit zurückgelegt.
Statt einer halben Stunde benötigte ich an diesem denkwürdigen Tag etwa mehr als zwei Stunden, um von Bösensell nach Recklinghausen zu gelangen. Ich will hoffen dass solche Tage in Zukunft die Ausnahme bleiben…
Heute musste ich per Bahn nach Osnabrück, um mein bei der Firma Reno “geliehenes” Auto zurück zu geben. Genau genommen stand das Gefährt schon seit gestern Nachmittag dort, weil ich es nicht mehr selbst zurück zu seinem rechtmäßigen Halter fahren wollte und diese Aufgabe zum Glück abgeben konnte.
Ich nahm um 7:19 die Regionalbahn von Haltern am See nach Münster und von dort die Westfalenbahn nach Osnabrück. Das klappte sogar erstaunlicherweise alles wie am Schnürchen. Gerade die Regionalbahn scheint wohl an anderen Tagen chronisch verspätet zu sein, wie ich von anderen Fahrgästen vernehmen konnte.
Da ich Osnabrück relativ früh erreichte, stieg ich nicht in einen Bus sondern machte mich zu Fuß auf den Weg zu Reno. Die gut 4 km legte ich in etwa 50 Minuten zurück, und dank Google Maps war die Orientierung kein Problem. Die Rückgabe des Wagens verlief auch reibungslos, wobei ich mir aufgrund der Sachlage etwas seltsam vorkam und froh war dass sich das Prozedere nicht zu sehr in die Länge zog. Eine Botenfahrerin brachte mich zurück zum Hauptbahnhof und war beauftragt mir dort ein Zugticket nach Düsseldorf zu kaufen. Ich steuerte erst einmal zielstrebig einen Automaten an und suchte dort die nächstbeste Verbindung heraus (um 10:37 per IC für 37 Euro). Da die Fahrerin aber mit Bargeld zahlen wollte, kamen mir Zweifel ob der Automat in dem Fall eine Quittung ausgespuckt hätte, die nun mal für die Abrechnung nötig war. Also gingen wir sicherheitshalber ins Reisezentrum zum Schalter. Der Bahn-Mitarbeiter bot mir die gleiche Verbindung wie der Automat an, allerdings für 34 Euro. Auf meine Bemerkung hin, warum die Fahrkarte nun am Schalter billiger sei, meinte er das könne gar nicht sein. Nun gut, mir war es im Grunde egal, die Fahrerin bekam ihre Quittung, und wir gingen getrennter Wege.
Bis zur planmäßigen Abfahrt des Zugs war es noch eine Weile, doch ich ging schon mal zum Bahnsteig. Dort erschien der IC 2113 bereits auf dem Display… mit 40 Minuten Verspätung. Ich machte auf dem Absatz kehrt und ging wieder zurück in die Halle. Auf der großen Anzeigetafel wurden alle Züge als pünktlich gelistet, außer dem IC 2113 von Hamburg nach Stuttgart. Eigentlich wunderte mich das nicht, denn diese äußerst problemanfällige Zugverbindung ist mir noch von früher bekannt. Und besonders eilig nach Düsseldorf zu kommen hatte ich es auch nicht. Also marschierte ich noch ein bisschen durch die Osnabrücker Innenstadt. Die Fußgängerzone ist wirklich ganz hübsch und sauber. Sie scheint auch gerade kürzlich renoviert worden zu sein.
Auf dem Weg zurück zum Bahnhof checkte ich noch einmal online die aktuellen Abfahrtszeiten, und nun sollte meine Zug schon 50 Minuten verspätet sein. Auf der Tafel in der Bahnhofshalle waren es dann noch 45 Minuten. Ich nahm es ausnahmsweise mal gelassen und hegte insgeheim schon die Hoffnung auf eine Entschädigung von der Bahn aufgrund von mehr als 60 Minuten Verspätung. Der Zug rollte schließlich ein und fuhr ca. 50 Minuten verspätet ab. Es war nicht leicht einen freien Sitzplatz zu finden. In einem der hinteren, alten Waggons hatte ich dann aber “Glück”.

Ich wollte die Fahrtzeit mit Musikhören überbrücken, was angesichts eines ziemlich lauten Kindes im selben Großraumabteil noch einen anderen positiven Effekt gehabt hätte. Leider stellte sich heraus dass mein neues Android-Smartphone bei jedem Starten der Musik-App abstürzte und sich zum Teil erst nach einem harten Neustart (Akku raus) wieder reanimieren ließ. Juhuuu! Lethargisch in die Luft zu starren und unter der Geräuschkulisse des hyperaktiven Kindes Aggressionen anzustauen kam nicht in Frage. Als Alternative blieb mir das Verfassen eines neuen Blog-Eintrags auf dem Smartphone. Kurz vor Bochum war leider der Akku leer. Das kleine Mädchen wechselte sein Verhalten vorübergehend von nervig auf amüsant, als es anfing mit dem Handy seiner Mutter Telefonate zu simulieren. Leider hielt dieser Zustand nicht allzu lange an.
Der Zug erreichte Düsseldorf mit immerhin noch 45 Minuten Verspätung. Als Begründung wurde übrigens ein defekter Triebwagen am Startbahnhof Hamburg-Altona genannt. Der IC 2113 endete heute außerplanmäßig in Köln.
Auf der Arbeit angekommen konnte ich erstmal Pause machen, weil ich den halben Tag frei genommen hatte und daher erst um kurz nach 14 Uhr anfangen musste.
Der heutige Tag markiert das Ende einer kurzen Ära, die mich einiges an Geld und Nerven gekostet hat. Das Geld bekomme ich nicht zurück, meine Nerven werden sich hoffentlich erholen.
Ach ja, die Tradition lässt mich nicht los… Der nikoblog entwickelt sich so langsam doch wieder zu einem reinen Bahn-Blog.
Heute war es aber wirklich wieder ungewöhnlich – in mehreren Beziehungen. Einerseits bin ich an diesem Tag wesentlich mehr Bahn gefahren als im Durchschnitt, andererseits kam es dabei (wie könnte es anders sein) zu Vorkommnissen.
Eigentlich ist es bei dem frühlingshaften Wetter eine Schande mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu fahren, wenn man ein Fahrrad besitzt. Doch da meines derzeit vorübergehend außer Betrieb ist, blieb mir heute nichts anderes übrig. Ich wollte etwas früher als sonst auf der Arbeit sein und war extra deshalb zeitiger aufgestanden. Um 8:14 sollte eine S-Bahn zum Hauptbahnhof fahren, also begab ich mich rechtzeitig dafür zum Bahnhof. Dort stand bereits ein Zug der Linie S11 (die ich nehmen wollte) auf dem Gleis, also beeilte ich mich etwas. Als ich eingestiegen war, schlossen sich kurz darauf alle Türen und es ertönte eine Durchsage, dieser Zug würde erst um 8:34 abfahren. Da ich wusste, dass es vorher noch zwei weitere Fahrtmöglichkeiten geben würde, wollte ich wieder aussteigen. Jedoch ließ sich die Tür an der ich stand nicht öffnen… Und auch die nächste nicht. Die wenigen anderen Menschen im Zug schien das alles nicht sonderlich zu interessieren. Ich habe allerdings ein massives Problem damit, gegen meinen Willen eingesperrt zu sein. Also probierte ich nach einander alle anderen Türen, bis ich am anderen Ende des Wagens angekommen war. Doch dort befand sich kein Zugführer, zumal der Zug noch einen vorderen Teil besaß. Scheiß Situation. Doch mir fiel eine Sprechanlage neben einer der Türen auf. Nach kurzem Zögern drückte ich den Knopf, worauf ein ‘Warten’-Lämpchen aufleuchtete… Und dann meldete sich tatsächlich die Stimme, die kurz zuvor die Durchsage gemacht hatte. Ich sagte das Folgende: ‘Hallo? Können Sie bitte hinten die Türen freigeben? Wir sind hier eingesperrt.’ Die Antwort war ein leicht patziges ‘Kann ich machen.’ Der Knopf an der Tür begann grün zu leuchten, und sie ließ sich öffnen. Wieder auf dem Bahnsteig ertönte prompt die Ansage, die S-Bahn um 8:24 habe 10 Minuten Verspätung. Was will man mehr… Zum Glück gab es noch die RegioBahn, die beinahe pünktlich war – also nur ca. 3 Minuten verspätet. Im Zug wurden Tageszeitungen und Schokohäschen verteilt, was meine Laune etwas verbesserte. Für den Anschluss am Hbf um 8:35 reichte es natürlich nicht mehr. Und da bekanntermaßen um 8:40 keine S-Bahn fährt, erreichte ich erst um ca. 8:50 das Firmengebäude. Somit hatte der Weg zur Arbeit rekordverdächtige 40 Minuten gedauert. Die gut 15 Minuten, die ich mit dem Fahrrad dafür benötige, sollte man sich an dieser Stelle wieder einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Nachmittags lief es etwas besser. Ich musste kurz nach Hause, um eine Paketlieferung anzunehmen. Als der Fahrer anrief, wollte er eine halbe Stunde später da sein. Mir kam diese Zeitvorgabe recht knapp vor, doch ich gelangte relativ schnell zum Hauptbahnhof und erwischte dort noch eine verspätete RegioBahn, was einiges an Zeit sparte. Auf dem Rückweg hatte ich ähnliches Glück, da gerade sämtliche S-Bahnen verspätet waren, und ich sie sonst verpasst hätte. Die ganze Aktion dauerte so inklusive Wartezeiten und Fußweg vom Hbf zurück zur Arbeit mit kurzem Besuch in einer Apotheke nur etwa eineinviertel Stunden.
Das große Fiasko kam erst Abends. Ich wollte die gewohnte Verbindung nach Betzdorf nutzen (diesmal ohne Zwischenstopp in Langenfeld oder Solingen). Am Hbf wurden für den Regionalexpress nach Aachen 10 Minuten Verspätung durchgesagt, was kurz darauf auf 15 Minuten korrigiert wurde – Begründung: ‘Personen im Gleis im Raum Essen’. Allerdings fuhr zwischendurch ein Intercity nach Köln ein, der kurzerhand für Nahverkehrstickets freigegeben wurde. Also stieg ich dort ein und freute mich, am Kölner Hbf genug Zeit zum Umsteigen zu haben. Zu früh gefreut! Auf der neuralgischen Hohenzollernbrücke – also unmittelbar vor dem Bahnhof – blieb der IC für mehrere Minuten stehen, aufgrund ‘kreuzender Züge’. Es wurde durchgesagt, dass trotzdem alle Anschlüsse erreicht würden. Das beruhigte mich etwas, da es nun eigentlich zu spät fur den meinen war. Das Aussteigen war etwas langwierig, doch ich beeilte mich so gut es ging zu dem anderen Bahnsteig zu gelangen. Dort war mein Anschlusszug auf der Tafel nicht mehr aufgeführt, und ich konnte ihn nur noch gerade eben um die Kurve verschwinden sehen. Mir wurde sofort heiß und kalt, und ich hätte mal wieder am liebsten den ganzen verdammten Bahnhof in die Luft gesprengt. Nach etwas sinnlosem Herumirren versuchte ich noch die S-Bahn nach Au/Sieg zu erreichen, doch auch die fuhr mir vor der Nase weg. Wäre in jenem Moment irgend ein Zug wieder nach Düsseldorf gefahren, hätte ich ihn wohl genutzt. Aber auch das war nicht der Fall. So verließ ich den Bahnhof, setzte ich mich auf eine Bank auf der Domplatte und schrieb mir meinen Frust von der Seele. Der nächste Regionalexpress nach Gießen (über Betzdorf) stand schon sehr früh am Bahnsteig bereit, fuhr aber ca. 5 Minuten zu spät ab – wie sollte es auch sonst sein…? Die restliche Fahrt war nur mit lauter Musik zu erstragen. Um 22:40 war ich schließlich in Betzdorf.
In diesem Sinne… Frohe Ostern!
Zum Glück kommt es nicht mehr allzu oft vor, dass ich (außer für meinen Weg zur Arbeit) den öffentlichen Nahverkehr nutze. Nebenbei bemerkt: Der Fernverkehr der Deutschen Bahn ist für mich im Prinzip gar kein Thema mehr (da unrentabel)! Da ich aber nun doch nach längerer Abstinenz wieder ein Wochenende im Westerwald verbringen wollte, war es nötig die Dienste des Nahverkehrs in Nordrhein-Westfalen in Anspruch zu nehmen. Nach wie vor bin ich im Besitz eines Ticket2000 des VRR (welches ich momentan nicht missen möchte). Für Fahrten nach oder über Köln – also auch nach Betzdorf – hatte ich mir bislang immer 4er-Tickets des VRS besorgt, die jeweils ab/bis Langenfeld gültig sind und mir in Verbindung mit dem VRR-Abo durchgehende Fahrten von/nach Düsseldorf ermöglichen. Ein Problem dabei war schon bisher immer gewesen, dass reine VRS-Tickets nur an Bahnhöfen des VRS-Verbundgebiets verfügbar sind. Aus diesem Grund hatte ich bereits mehrmals auf der Fahrt von Düsseldorf nach Betzdorf einen Zwischenstopp in Langenfeld eingelegt, um mir dort am Automaten ein 4er-Ticket zu kaufen.
So hatte ich es auch letzten Freitag wieder geplant und stieg nach Feierabend in die S6 ein, die auch in Langenfeld hält. Mein Ticket2000 ist an Werktagen erst ab 19 Uhr außerhalb von Düsseldorf gültig, allerdings sehe ich es nicht ein, für ca. 2 km Fahrtstrecke zwischen D-Hellerhof und Langenfeld-Berghausen ein Zusatzticket für €2,30 zu kaufen. Ich stieg allerdings gleich in Berghausen aus, um die geringe Wahrscheinlichkeit in eine Kontrolle zu geraten nicht mehr als nötig herauszufordern. Der Fahrkartenautomat am Bahnsteig irritierte mich schon beim ersten Anblick leicht, da er lediglich einen VRR- und keinen VRS-Aufkleber hatte. Das Display jedoch versprach auf dem Button oben rechts Tickets zum VRR- und VRS-Tarif. Nach Tippen darauf war aber wiederum kein Hinweis auf den VRS auszmachen. Ich hatte lediglich die Möglichkeit eine VRR-Preisstufe oder ein Fahrtziel auszuwählen. Also tippte ich auf Fahrtziel und danach auf B und E (für Betzdorf). Prompt erschienen ein paar Orte zur Auswahl, unter denen sich aber leider nicht Betzdorf befand! Auch ein erneuter Versuch führte zum gleichen Ergebnis. Leicht verwirrt kam ich zur Vermutung, dass Berghausen wohl noch außerhalb des VRS-Gebiets liegen müsse und ärgerte mich über mein zu frühes Aussteigen. Was blieb mir anderes als mich zu Fuß in Bewegung zu setzen und zum Bahnhof Langenfeld zu wandern. Das dauerte etwas über 20 Minuten, und die nächste S-Bahn war gerade abgefahren als ich angelangte. Die dortigen Automaten boten das exakt gleiche Bild, und ich begann mich zu fragen ob die Verbundgrenze heimlich verschoben worden war. Da ich keine Möglichkeit sah an mein gewünschtes Ticket nach Betzdorf zu kommen (einen Schalter gibt es am Langenfelder Bahnhof nicht), blieb mir nichts anderes übrig als erst einmal wieder mit der nächsten S-Bahn zurück nach Düsseldorf zu fahren.
Dort begab ich mich unmittelbar ins Reisezentrum am Hauptbahnhof, um zu versuchen etwas Klarheit zu gewinnen. Der Kundenberater verstand mein Anliegen, wusste aber nichts davon dass es in Langenfeld keine VRS-Fahrkarten gäbe. Er versicherte mir, dass dies definitiv in Solingen möglich sei. Ein Bahnticket nach Betzdorf hätte er mir für ca. den doppelten Preis des aktuellen VRS-Tarifs verkaufen können, was ich selbstverständlich ablehnte.
Mir fiel die ‘Schlaue Nummer’ ein, die man jederzeit anrufen kann, wenn es um Fragen des Nahverkehrs in NRW geht. Also versuchte ich es dort einmal mit der konkreten Frage, ob es in Solingen VRS-Tickets an den Automaten gäbe. Das wurde von dem freundlichen Mann am anderen Ende heftig bejaht, also stellte ich die Frage noch einmal für Langenfeld… und bekam die gleiche Antwort. Er versicherte mir sogar, selbst in Düsseldorf sei das an bestimmten Automaten möglich. Eine wirkliche Hilfe war der Anruf im Nachhinein nicht, aber ich bedankte mich und schlug vor dass das Problem ja mal intern weiter kommuniziert werden könnte. Ich nahm mir kurz einen der beschriebenen Automaten vor, kam damit aber nicht weiter als mit allen anderen.
Also besorgte ich mir sicherheitshalber ein Zusatzticket sowie einen Fahrplan nach Betzdorf via Solingen am Automaten und stieg in die nächste S7 ein. Am Solinger Hauptbahnhof angekommen, suchte ich natürlich sofort einen Ticket-Automaten… und bekam dort wieder exakt das gleiche Bild präsentiert wie überall – kein Hinweis auf irgendwelche VRS-Tickets. Auch wenn Solingen nur einen kleinen Hauptbahnhof besitzt, gibt es dort zumindest einen Info-Schalter, der glücklicherweise auch besetzt war. Der Bahn-Mitarbeiter hörte ziemlich ungläubig meinen Erklärungen zu und stellte dann sogar die sarkastische Frage, ob ich mit Computern umgehen könne! Doch dann verließ er tatsächlich seine Kabine und geleitete mich zu einem der Automaten. Er tippte zunächst zielstrebig auf den VRR/VRS-Button und dann auf Fahrtziel. Beim Versuch Betzdorf auszuwählen hatte er natürlich ebenso wenig Glück wie ich bereits zuvor… und musste sich doch deutlich wundern. Warum denn Betzdorf nicht zur Auswahl stehe, obwohl es doch eindeutig im VRS-Gebiet liege. Er versuchte es mit Köln, aber das war natürlich die falsche Preisstufe. Ich schlug Siegen vor, aber auch das war nicht verfügbar. Es wurde aber Siegburg angeboten, und nach einem Tippen darauf erschien tatsächlich die Preisstufe 5, die ich für eine Fahrt nach Betzdorf benötigte! Und auch ein 4er-Ticket stand zur Auswahl! Der Bahn-Mensch schien ein wenig sprachlos, aber ich bedankte mich für seine Mithilfe beim Herausfinden dieses unlogischen ‘Tricks’.
Was soll man nun davon halten? Ich hatte vorübergehend die Theorie, dass es mit dem ‘NRW-Tarif’ zu tun haben könnte. Sprich: Die Bahn ließe bewusst bei den Verbund-Tickets Orte außen vor, die sich weiter weg befinden, um die Fahrgäste zu deutlich teureren Fahrpreisen zu ‘zwingen’. Aber so weit ich mich erinnern kann sind Fahrkarten für Verbindungen innerhalb eines Verkehrsverbunds auch am Automaten prinzipiell nur zum Verbund-Tarif zu bekommen, selbst wenn man es über den überregionalen Bereich versucht. Das werde ich beizeiten nochmal überprüfen. Auf jeden Fall werde ich versuchen Kontakt zum VRS aufzunehmen und das Problem detailliert schildern. Bin gespannt was man dort als Begründung angibt, dass einige Orte im Verbundgebiet nicht in den Automaten auftauchen.
Edit:
Die folgende Email-Antwort erhielt ich auf meine Anfrage hin von der “Schlauen Nummer” des VRS:
…wir haben eben von der DB RegioAG mitgeteilt bekommen, dass aufgrund einer neuen Zuordnung (Solingen = räumlich VRR) das Ziel Betzdorf an diesen Automaten als VRS-Zielort fehlt.
Aufgrund Ihrer Beschwerde – Danke für den Hinweis – wird sie eine neue Zwischenmaske entwickeln, um damit auch den kompletten VRS wieder abbilden zu können. Damit sind einige Ziele, die jetzt fehlen, wieder in der Auswahlliste der VRS-Zielorte. Leider benötigt Sie hierfür einen gewissen Zeitbedarf, bitte haben Sie etwas Geduld.
Mit freundlichen Grüßen…


