Es war eindeutig einer dieser Tage. Das konnte ich schon behaupten, bevor er richtig angefangen hatte.

pay for homework

Eigentlich hatte es keine Vorboten oder bestimmte Voraussetzungen gegeben. Wie auch immer… Das Folgende ist mir heute widerfahren:

Aufstehen wollte mein Körper nicht so recht, als der Wecker um 6:30 piepte. An sich nichts Ungewöhnliches, zumal mein Schlaf eher unruhig und die Träume eher verwirrend gewesen waren. Wie gewohnt ging ich ins Bad, machte den üblichen morgendlichen Durchlauf, zog mich an und war bereit für den Weg zur Arbeit – fast! Der reflexartige Griff nach dem wichtigsten Objekt des zivilisierten Menschen – der Brieftasche, dem Geldbeutel, dem Portemonnaie, wie auch immer man es nennen will – führte ins Leere. Ich würde mich als Gewohnheitstier bezeichnen, und eben deshalb war die Situation schon ungewöhnlich. Zu 90 Prozent finde ich mein Portemonnaie morgens an einem von zwei Orten vor: auf dem Esstisch oder in der Jackentasche. Wenn es dort nicht ist, habe ich meine Kreditkarte oder ähnliches am Abend davor gebraucht, und es liegt in der Nähe des Computers. Nichts davon war heute der Fall. Das genügte schon um mich ziemlich unruhig werden zu lassen. Auch ein Durchkämmen der unwahrscheinlicheren Plätze in der Wohnung führte nichts zu Tage. Der nächste logische Schritt war meinen Freund anzurufen, der gestern Abend hier gewesen war. Vielleicht hatte er eine Idee wo das Teil abgeblieben sein könnte. Doch nach ein paar mal Tuten kam ein Besetztzeichen, und bei den nächsten Anrufversuchen nur noch eine nervige Ansage, der Teilnehmer sei nicht erreichbar. Fast hätte ich das Handy quer durchs Zimmer geworfen. Einen Moment lang kam das Gefühl auf, ich wäre noch am schlafen und das ganze nur ein Traum. Ich zwang mich zum Fokussieren und überlegte wann und wo das Portemonnaie das letzte mal zum Einsatz gekommen war. Im Bus natürlich, beim Vorzeigen der Fahrkarte, gestern Abend auf dem Heimweg. War es mir dort irgendwie aus der Jacke gefallen? Man könnte ja mal nachfragen ob es gefunden worden war. Die Vestische Straßenbahnen GmbH hat ein Fundbüro, und dieses ist von 13 bis 15 Uhr Montags bis Donnerstags besetzt. Tolle Arbeitszeiten, echt. Natürlich ging unter der angegebenen Nummer niemand ans Telefon. Und auch die liebe Nachbarin meines Freundes, die mir zumindest etwas seelischen Beistand hätte leisten können, war gerade nicht zu erreichen.

Um kurz vor 8 rief ich erstmal meinen Chef an, um die Lage kurz darzustellen und ihn wissen zu lassen dass ich nicht wusste ob und wann ich heute zur Arbeit erscheinen könnte. Denn ohne Zugfahrkarten, Geld, EC-/Kreditkarte und Ausweis ist man in der Tat ziemlich aufgeschmissen und fühlt sich tatsächlich irgendwie seiner Identität beraubt! Ein paar Minuten später ließ Vodafone mich via SMS wissen, dass mein Gesprächspartner nun wieder per Handy erreichbar sei. Also rief ich meinen Freund sofort zurück, der mir erzählte er hätte sein Handy verloren und sei bei der Suche in seinem Auto nicht nur auf das Handy – mit zwischenzeitlich leerem Akku – sondern auch auf mein Portemonnaie gestoßen. Wie es dort hin gekommen war, konnte keiner von uns nachvollziehen, zumal ich das Auto gestern nicht betreten hatte. Egal… Ich war in Recklinghausen, das Auto in Essen. Etwa eine dreiviertel Stunde später war das Auto dann in Recklinghausen und auch das vermisste Portemonnaie. Okay so weit – erstes Ziel erreicht!

Da ich nun sowieso mindestens zwei Stunden später erst auf der Arbeit hätte sein können, lag der Entschluss nahe kurzerhand den Vormittag komplett frei zu nehmen und die damit gewonnene Zeit für Erledigungen zu nutzen, die nach Feierabend oder am Wochenende nicht möglich sind. Im aktuellen Fall ging es um einen neuen Reisepass, den ich für den anstehenden Urlaub im September noch brauche. Mit einem kurzen Anruf beim Chef war der Weg für den nötigen Amtsgang – zumindest theoretisch – frei.

Den Besuch eines Fotostudios halte ich bei Reisepass-Bildern für unnötig und vor allem zu teuer, zumal es sich aufgrund der Vorgaben nicht mal um schöne Bilder handelt. Deshalb hatte ich schon in einer „privaten Session“ ein passendes digitales Foto vorbereitet, das nur noch auf Fotopapier gebracht werden musste. So etwas hatte ich schon einmal bei dm erledigt, allerdings nicht im Passbild-Format. Aber einen Versuch war es wert, und ich wusste wo in meiner Stadt ein dm zu finden ist. Dort angekommen fand ich dann auch ein paar Foto-Kioske von Kodak vor, wählte einen aus und wühlte mich durchs Menü. Ein Passbild-Format konnte ich auf Anhieb nicht entdecken, lediglich eine Option für Mini-Fotos oder so ähnlich. Ich dachte mir, das würde schon in etwa hinkommen und ließ einen Bogen dieser Mini-Abzüge produzieren – für günstige 27 Cent! Aber mir schwante schon Böseres…

Zum Bürgerbüro der Stadt war es nicht weit. Es befindet sich in einem anderen Gebäude als noch vor ein paar Monaten, aber das war mir zum Glück vorher bekannt gewesen. Es war fast nichts los und damit keine Warterei nötig. Ich hielt den Mitarbeitern ohne lange Rede die Abzüge von dm unter die Nase und fragte ob man damit etwas anfangen könnte. Ein Einpassen in ein Stanzgerät für Passbilder ergab, dass die Mini-Fotos von dm zu schmal und damit unbrauchbar waren. Also musste ich erstmal unverrichteter Dinge wieder abziehen und überlegte, wo sonst noch digitale Sofortabzüge zu bekommen sind. Die Frage beantwortete sich quasi von selbst, denn direkt gegenüber prangte der unübersehbare rote Schriftzug MediaMarkt. Stimmt, dort hatte ich auch schon solche Automaten gesehen. Also schnell rüber ins Löhrhof-Center und die Rolltreppe hoch… zu verschlossenen Toren. Man öffnet eben erst Punkt 10 Uhr, und bis dahin waren es noch ein paar Minuten. Unten hatte ich im Vorbeigehen eine dieser Foto-Fix-Kabinen gesehen. Wäre ja auch eine Alternative, und ich müsste nicht warten bis der MediaMarkt öffnet. Also nahm ich mir das Ding mal vor und ging hinein. Ein Satz Passfotos, EU-konform: 6 Euro. Naja… und ach: „Der Automat gibt kein Wechselgeld“. Mit meinem 20er-Schein und bisschen Kleingeld kam ich da nicht weiter. Also doch wieder die Rolltreppe hoch, und noch ein wenig gewartet. Das Tor wurde pünktlich geöffnet, und ich lief gezielt zur Foto-Abteilung. Dort standen sie, die bekannten Kodak-Automaten (leider nicht die erhofften von CeWe). Sie ähnelten sehr denen bei dm, aber an der Wand dahinter war etwas von Passbildern im Sofortdruck zu lesen. Und in der Tat fand sich auf dem Touchscreen ein entsprechender Menüpunkt. Die Bedienung gestaltete sich extrem mühselig. Auf mein beständiges Tippen auf die angezeigten Buttons reagierte der Automat oftmals gar nicht. Bei der (meiner Meinung nach sinnfreien) Einstellung der Begrenzunglinien für das Gesicht auf dem Foto behauptete er ständig, die Passbilder ließen sich so nicht produzieren. Dann wechselte er auf ein nutzloses quadratisches Format und zoomte das Bild auf eine völlig blödsinnige Größe. Bis ich ihm beigebracht hatte mein Foto annähernd in der Form zu platzieren in der ich es vorbereitet hatte waren einige Minuten vergangen. Und der Bogen mit 6 Bildern kostete dann 2,99 €. Warum ein gleich großes bedrucktes Blatt Fotopapier mit den nutzlosen Bildformaten nur 27 Cent kostet, erschließt sich mir nach wie vor nicht. Immerhin war es trotzdem deutlich billiger als so ein Foto-Fix, geschweige denn ein Foto-Studio.

Mit den neu gedruckten Bildern ging es zurück zum Bürgerbüro, und diesmal schien das Format zu passen. Die Mitarbeiterin benötigte allerdings zwei Stanz-Versuche, bis laut Schablone alles in Ordnung war. Ich sollte dann eine Nummer ziehen, obwohl sonst niemand im Wartebereich war, und kam logischerweise sofort dran. Die zweite Mitarbeiterin war auch ziemlich freundlich und fertigte mich zügig ab. Sie wollte sofort die 59 Euro Gebühr einkassieren, die ich nicht dabei hatte (zahlt man die nicht andernorts erst bei der Abholung?). Kartenzahlung wurde laut deutlicher Hinweisschilder auf dem Gang nicht angeboten. Also musste ich nochmal zum Geldautomaten und wieder zurück. Das war zum Glück innerhalb weniger Minuten erledigt. Ich bekam noch eine Quittung. Zweites Ziel erreicht!

Auf dem Rückweg nach Hause lag die örtliche Apollo-Filiale. Die Gelegenheit, dort noch einmal die Bügel meiner neuen Brille nachjustieren zu lassen, blieb nicht ungenutzt. Und beim Back-Werk noch schnell mein Mittagessen besorgt. Mir blieb danach nicht viel Zeit zuhause, bis ich mich schon wieder auf den Weg zum Bahnhof machen musste, um zur Arbeit zu gelangen.

Die Zugfahrt war ruhig. Auf dem Weg vom Bahnhof Bösensell zur Firma gab es eine Radarkontrolle, und ich wurde mit meinem Roller (!) von den Herren Polizisten raus gezogen. Sie hatten kein „Glück“ bei mir. Zu schnell gefahren war ich offenbar eh nicht (50 km/h waren erlaubt), meine Papiere waren in Ordnung, und auch sonst fiel ihnen wohl nichts auf. Pure Zeitverschwendung also. Führte nur dazu dass ich in noch flattrigerem Zustand im Büro ankam.

Der halbe Arbeitstag war dann zumindest nicht unangenehm, die nachfolgende Zugfahrt wurde dank ausländischer Familien mit Säuglingen und einer riesigen Horde Rentner mit Fahrrädern etwas nervig, aber dafür erreichte ich noch den direkten Anschluss an den Bus, da dieser leicht verspätet war.

Und nun hoffe ich dass dieser Tag schnell zu Ende geht, nichts besonderes mehr passiert und der morgige etwas einfacher wird.

Wo liegt die Grenze zwischen Privat- und Berufsleben? Gibt es da einen ethischen Richtwert? Muss es überhaupt eine solche Grenze geben?

Ich schätze, im Endeffekt kann das jeder für sich selbst entscheiden – und sollte das auch! Es scheint ein häufiges Phänomen der urbanen Gesellschaft zu sein, dass man den Kreis seiner Kollegen als Ersatzfamilie betrachtet. Dieser Begriff weist sicherlich in keine falsche Richtung, doch würde ich eher von Familienersatz sprechen. Wenn man weit mehr als vierzig Stunden in der Woche an seinem Arbeitsplatz verbringt, kommt man nicht umhin sich mit den anderen Menschen zu arrangieren, die sich zur gleichen Zeit dort aufhalten. Grundsätzlich ist der Mensch ein soziales Wesen. Wenn er nicht seine leibliche Familie um sich hat, interagiert er irgendwann immer mit anderen Individuen in seiner Umgebung. Und das ist gut so! Soziale Interaktion ist schließlich gut für den Charakter. Mit etwas Glück gerät man sogar an freundliche Menschen an dem Ort an dem man die meiste Zeit des Tages verbringt. Wenn dem so ist, hat man einen Grund sich gerne dort aufzuhalten.

Aber was ist nun mit dem Privatleben? Gehen wir von 50 Stunden aus, die man von Montag bis Freitag auf der Arbeit verbringt (inkl. Pausen). Eine Woche hat logischerweise weit mehr als 50 Stunden. Es sind 7 mal 24, also genau 168. Zieht man 8 pro Nacht zum Schlafen ab, kommt man auf 112. Minus die 50 „Arbeits“-Stunden: 62. 1 Stunde pro Tag um von der Wohnung zum Arbeitsplatz und wieder zurück zu gelangen. 57.
57! Das sind 7 mehr als 50!! Auf eine ganze Woche bezogen hat man nach diesem Beispiel also immer noch etwas mehr Zeit für sein Privatleben als für seinen Beruf. Allerdings entfallen davon 32 Stunden (oder ca. 56 Prozent) auf Samstag und Sonntag. Und das rechnerisch in zwei 16-Stunden-Blöcken. Die restlichen 25 Stunden bilden die Zeit zwischen Aufstehen und Arbeitsbeginn sowie die Zeit zwischen Feierabend und Schlafengehen ab. Für ausgiebige Aktivitäten (oder Hobbys) findet sich dort im Grunde keine Gelegenheit, da diese Zeiträume einerseits zu kurz sind um sich ernsthaft mit einer Sache zu befassen und man andererseits einen Großteil davon für notwendige Handlungen wie Nahrung zubereiten/einnehmen und Haushaltsführung benötigt.

Somit bieten in der Tat nur die Wochenenden Zeit für das „echte“ Privatleben. Nun mag es Menschen geben die dies nicht brauchen. Man erkennt sie daran dass sie sich in ihrer Freizeit hauptsächlich in ihrer eigenen Wohnung aufhalten und gerne bereit sind berufliche Aufgaben mit nach Hause zu nehmen, um sich dort damit zu beschäftigen. Ich möchte dieses Verhalten hier keineswegs bewerten oder kritisieren! Allerdings zähle ich mich nicht zu der gerade beschriebenen Gruppe von Menschen. Man könnte zwar behaupten ich hätte keine „richtigen“ Hobbys, jedoch bildet die Möglichkeit regelmäßig Abstand von meiner beruflichen Tätigkeit nehmen zu können bei mir eine essenzielle Grundlage allgemeiner Zufriedenheit und Ausgeglichenheit. Optimaler Ausgleich zum Berufsleben – und damit Erholung – ist genau dann gegeben wenn ich zwischen Freitag Feierabend und Montag Morgen keinen Augenblick an meine Arbeit denke.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal die lieben Kollegen ins Spiel bringen. Es ist nicht ungewöhnlich dass es unter solchen zu Freundschaften kommt, die sich üblicherweise nicht auf die Zeit beschränken, die man an seinem gemeinsamen Arbeitsplatz verbringt. Während man also mit seinen Kollegen privaten Kontakt pflegt, ist damit unwillkürlich eine Verbindung zum Berufsleben hergestellt. Um dazu dennoch ein angenehmes Maß an Ausgleich zu erlangen ist es wichtig dass gemeinsame Aktivitäten und Unterhaltungen thematisch niemals in Bezug zum Beruf stehen. Voraussetzung dafür ist dass man sich gegenseitig auf persönlicher Ebene gut kennt.
Wem ist nicht schon aufgefallen dass sich auf Betriebsausflügen und ähnlichem die meisten Gespräche mehr oder weniger um die Arbeit drehen? Was vollkommen verständlich ist, zumal sie die einzige Verbindung zwischen allen Teilnehmern ist. Finden organisierte Unternehmungen dieser Art (zumindest größtenteils) während der Zeit statt, die man normalerweise in der Firma verbracht hätte, ist dagegen nichts einzuwenden. Schließlich bleibt nach wie vor das Wochenende, um sich zu erholen. Problematisch wird es wenn eine betriebliche Unternehmung genau dann stattfindet. Zeit mit Kollegen zu verbringen, mit denen man außerhalb der Arbeitszeit keinen Kontakt pflegt, „fühlt“ sich einfach nicht wie Privatleben an. Und man stellt nach einem solchen Wochenende unter Umständen fest, dass man sich mehr Ausgleich gewünscht hätte. Die darauf folgende Woche ist als Konsequenz eher von schlechter Laune geprägt.

Ich ziehe aus all dem den Schluss, dass für mich die Wochenenden „heilig“ und ausschließlich für Dinge ohne Bezug zu meinem Beruf reserviert sind. Eine konkrete Auswirkung davon: Betriebsausflüge an Sams- oder Sonntagen sind tabu!

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