Wer braucht Brauchtum?

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In meiner Wahlheimat im Westen Deutschlands ist momentan wieder die Saison der Schützenfeste. Sie wechselt sich ja beinahe unmittelbar mit der alljährlichen Karnevalssession ab. In meiner ursprünglichen Heimat – dem Westerwald – findet in den Sommermonaten praktisch ständig irgendwo eine Kirmes statt. An Karfreitag und -samstag waren in den Dörfern statt Kirchenglocken klappernde Kinder zu hören, um die Tageszeit zu verkünden. In jeder ländlichen Gegend Deutschlands findet sich regionales Brauchtum in vielfältigen Ausprägungen. In den Städten ist davon kaum noch etwas erhalten geblieben – mit Ausnahme des Karnevals. Warum?

Im Grunde liegt es auf der Hand. Städte haben sich im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung während der vergangenen Jahrhunderte als kommerzielle Zentren gebildet. Große Teile der Bevölkerung fanden in ihnen Arbeit und damit sinnvolle Aufgaben. In Städten ist aufgrund der dort vorhandenen individuellen Beschäftigungsangebote (beruflicher wie kultureller Art) der Bedarf nach Anschluss an Kollektive nicht so groß. Brauchtum funktioniert indes nur in Kollektiven.

Die soziale Evolution der Menschheit führt wie eben beschrieben zu einer Konzentration der Bevölkerung in Ballungsräumen. So lange diese Tendenz nicht wieder abflaut, ist sie als Fortschritt zu sehen. Es lässt sich parallel dazu in entwickelten Ländern bereits seit Längerem ein Trend unter Städtern ausmachen, einen „ruhigen und idyllischen“ Wohnort auf dem Land zu wählen, während sich der Arbeitsplatz weiterhin in einer nahe gelegenen Stadt befindet. Ich spreche hierbei von „unechter Landbevölkerung“. Bei solchen Lebensentwürfen ist – bedingt durch das Pendeln – das persönliche Zeitbudget jedoch in der Regel nicht ausreichend für die Ausübung von Brauchtum. Oder es werden in der Freizeit wie gewohnt die Angebote der Städte genutzt, in denen man ohnehin noch den größten Teil des Alltags verbringt. Erst als Rentenbezieher könnte man sich dann ohne Verzicht auf Lebensunterhalt ausgiebig dem Erhalt regionaler Traditionen widmen. Doch ich unterstelle, dass die meisten ehemaligen Stadtbewohner hieran kein großes Interesse haben.

Nicht zu leugnen bleibt das im Vergleich zu Ballungsräumen viel größere zeitliche Kontingent der „echten Landbevölkerung“. Und die daraus resultierende Folgerung, dass Brauchtum von dieser noch ausgeübt wird. Warum es getan wird, lässt sich also mit dem Zeitfaktor erklären. Aber was wird getan und für wen wird es getan? Natürlich gibt es unzählige Bräuche, die sich von Region zu Region unterscheiden. Jedoch scheinen sie alle etwas gemeinsam zu haben: die Förmlichkeit. Egal ob es sich um die Zubereitung spezieller Speisen handelt oder um öffentliche Veranstaltungen – wer die Ausübung von Brauchtum als Außenstehender verfolgt, wird stets die Einhaltung rigider Abläufe oder eines optischen Erscheinungsbilds beobachten. Trachten, Uniformen, rituelle Handlungen und symbolträchtige Objekte spielen eine prägende Rolle. Spontanität, Variation oder gar Improvisation sind in aller Regel nicht erwünscht. Ohne auf einzelne Bräuche eingehen zu wollen, halte ich fest, dass die strikte Einhaltung von Form und Regeln sie alle verbindet.

Bleibt noch die Frage nach dem Nutzen des Brauchtums bzw. an wen es sich richtet. Hier kann ich als Außenstehender allerdings nur Hypothesen aufstellen. Ich beobachte, dass es viele öffentliche Veranstaltungen sowie Medienberichte gibt, in denen versucht wird, der Gesamtbevölkerung regionale Bräuche zu präsentieren – zum Beispiel im Rahmen von Märkten, Volksfesten oder „Heimatfernsehen“. Diese Angebote werden durch Konsumenten angenommen und vermutlich als „nette Abwechslung“ bewertet. Ich glaube, dass aber gerade Städter die ländlichen Bräuche eher belächeln als sie ernst zu nehmen, sie als amüsant aber altbacken betrachten und sich selbst davon eher distanzieren, so wie sie es auch mit der echten Landbevölkerung tun, weil sie sich fortschrittlicher als diese fühlen. Auch wenn ich die Perspektive eines Verfechters von Brauchtum nicht einnehmen kann, glaube ich dass ein Großteil der Bräuche sich gar nicht an Außenstehende richtet sondern im Rahmen regional begrenzter Kollektive stattfindet und nur ausnahmsweise an die Öffentlichkeit tritt. Dies ist vermutlich auch so gewollt.

Abschließend noch eine persönliche Bewertung: Brauchtum ist ein Indiz für ein gesättigtes Volk. In Notlagen, in denen man sich auf wesentliche Dinge konzentrieren muss, hätte es keinen Platz. Wer die Muße hat, in Trachten gekleidet Rituale zu vollziehen, der hat banal gesagt nichts Besseres zu tun. Ich empfehle an dieser Stelle eine Rückbesinnung auf die Nächstenliebe. Denn es gäbe durchaus Besseres zu tun. Statt sich dem Brauchtum hinzugeben und damit das eigene Wohl zu zelebrieren, könnte in der gleichen Zeit die Not anderer Menschen gelindert werden.

Gedanken zu meinem Wohnort

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Mich hat in den letzten Tagen ein Umdenken befallen, das immer tiefer greifende Auswirkungen hat. Es betrifft auch grundsätzliche Aspekte meines Daseins. Einer davon ist das Paradigma des Wohnorts – und damit einher gehend das berüchtigte Spannungsfeld zwischen dem Stadtleben und dem Landleben. Beim genaueren Betrachten verschiedener persönlicher Bedürfnisse unter der Fragestellung, wie und wann sie entstanden sind, bin ich beim Thema Wohnen angelangt. Im Grunde hat es sich dank etlicher Umzüge in den letzten Jahren zu einem Reizthema für mich entwickelt. Ich verbinde es beim Gedanken daran sofort mit Stress und Ärger. Warum nur?

Die ersten 14 Jahre meines Lebens verbrachte ich in der sehr ländlichen Region des Unterwesterwalds, die aus vielen kleinen Dörfern und wenigen kleinen Städten besteht. Dazwischen gibt es Wälder, Felder, Hügel, Bäche, Teiche, Steinbrüche und Tongruben. Die Erinnerungen an meine Kindheit und frühe Jugend sind von solchen Bildern geprägt, und wenn ich heute für Besuche in diese Gegend zurückkehre, werde ich immer ein klein wenig wehmütig. Denn heute sieht es dort vielerorts anders aus als damals, und mir bleiben somit schließlich nur meine Erinnerungen.

Mitte der 90er zog ich mit meiner Familie in eine andere ländliche Region um – nach Rheinhessen, wo es ganz anders aussieht. Hügel gibt es dort zwar auch in großer Zahl, aber sie sind größtenteils nicht bewaldet, sondern nur mit Gras oder niedrigem Gebüsch bewachsen. Weinreben in Reih und Glied sowie Getreidefelder komplettieren das Bild, das meine Jugend prägte und sich ebenfalls stark in meine Erinnerung eingebrannt hat. Die ersten beiden Jahre nach dem Umzug wohnten wir auf einem Aussiedlerhof inmitten der Weinberge. Beim Gedanken an diese Zeit beschleicht mich auch wieder etwas Wehmut, weil ich sie mit viel Ruhe, jugendlicher Naivität und Schwärmerei, aber auch mit Abenteuerlust verbinde. Wir zogen dann ein paar Kilometer weiter in die Kreisstadt Alzey, und dort veränderte sich meine Sichtweise.

Die Annehmlichkeiten des Wohnens in der Stadt entfalteten schnell ihre Wirkung auf mich. Es war plötzlich möglich, ohne auf ein Auto angewiesen zu sein schnell zur Schule, zum Bahnhof oder zum Supermarkt zu gelangen. Ich machte nach wie vor meine teils sehr ausgedehnten Spaziergänge und Fahrradtouren durch die umliegende Landschaft, genoss aber zugleich die Vorzüge der zentralen Wohnlage. Niemand musste mich mehr zur Schule fahren oder dort abholen. Mit dem Zug konnte ich ohne allzu viel zeitlichen Aufwand die größeren Städte Mainz und Worms oder die Metropole Frankfurt am Main erreichen. Letztere beeindruckte mich seinerzeit ganz enorm – vor allem natürlich aufgrund der vielen Hochhäuser mit extravaganter Architektur – und hat als erste „echte“ Großstadt, die ich in meinem Leben wahrgenommen habe, für mich bis heute diesen Stellenwert behalten.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich war auf den Geschmack gekommen. Großstädte – und insbesondere solche ab einer halben Million Einwohner – übten seitdem einen großen Reiz auf mich aus. Und für mich war die Entscheidung klar: Wieder zurück aufs Land zu ziehen war bis auf Weiteres keine Option! Ich begann mein Studium in Karlsruhe, einem wie ich nach wie vor finde sehr charmanten und für seine Einwohnerzahl ziemlich ruhigen Ort, und pendelte an den meisten Wochenenden zurück nach Alzey. Den bewusst gewählten regelmäßigen Ortswechsel zwischen Groß- und Kleinstadt fand ich zu jener Zeit total angenehm. Auch die häufigen Bahnfahrten habe ich im Vergleich zu meinen aktuellen Erfahrungen als nicht allzu stressig in Erinnerung.

Es folgte eine durch die Fortsetzung meines internationalen Studiums bedingte Zeit des Städte-Hoppings: Vancouver, Köln, Aix-en-Provence, Warschau und Jacksonville (Florida) bildeten für jeweils ein paar Monate meine Lebensmittelpunkte. Aufgrund einer Beziehung hielt ich mich zu jener Zeit aber zwischendurch oft im (Ober)Westerwald auf und gewann dadurch einen gewissen Bezug zu meiner alten Heimat zurück. Nach einem fünfmonatigen Praktikum in Hamburg – das als bisher einzige Millionenstadt einmal mein offizieller Erstwohnsitz war – zog ich tatsächlich nochmal für ein halbes Jahr nach Montabaur, wo ich von der fünften bis zur achten Klasse zur Schule gegangen war. Doch vom Landleben bekam ich in dieser Zeit nicht so viel mit, weil ich an allen Arbeitstagen 130 Kilometer nach Düsseldorf und zurück pendelte und praktisch nur zum Schlafen nach Hause kam. Auch an den Wochenenden war ich oft in verschiedenen Städten unterwegs. Bis ich schließlich das sehr nervenaufreibende Pendeln aufgab und nach Düsseldorf zog.

Dort entdeckte ich, dass mir die Wohnlage am Stadtrand sehr gut gefiel. Die Kombination aus der Nähe zur Natur und guter Anbindung ans Stadtzentrum erschien mir ausgesprochen attraktiv. Ich konnte mit dem Fahrrad innerhalb einer Viertelstunde zur Arbeit gelangen, machte in meiner Freizeit viele Radtouren durch das angrenzende Bergische Land… und entdeckte das mir bis dahin völlig unbekannte nahe gelegene Ruhrgebiet.

Nicht nur die Zahl der mehr als 5 Millionen Einwohner des größten deutschen Ballungsgebiets übte eine Faszination auf mich aus, sondern auch die Diskrepanz zwischen dem noch vorhandenen Klischee des Kohlereviers und der tatsächlich vorhandenen grünen Landschaften in und um die vielen Städte. Hinzu kam die Art der Menschen, die man im „Pott“ antrifft und die mir von Beginn an sympathisch waren. Dank eines Jobwechsels siedelte ich zwei Jahre später in die „Metropole Ruhr“ über – zunächst an ihren nördlichen Rand nach Recklinghausen und 2012 dann (nach einer sechsmonatigen Verschnaufpause in Mainz) nach Essen, wo ich auch zur Zeit noch weile. Allerdings in der mittlerweile schon dritten Wohnung…

Wie geht es nun weiter? Zumindest innerhalb Deutschlands bin ich in der einwohnerstärksten Metropolregion angekommen. Und ich verspüre kein Verlangen, mich in dieser Hinsicht weiter zu steigern. Eher im Gegenteil – mir scheint, eine Rückbesinnung auf meine grundlegenden Bedürfnisse ist angebracht. Was mich bei allen Besuchen auf dem Land jedoch immer nach kurzer Zeit stört, ist die „tote Hose“, die dort herrscht. Aus dem anfänglichen Genuss der Ruhe wird sehr schnell Langeweile. Warum passiert das?

Ich bin überzeugt davon, dass mich das Leben in Großstädten stark beeinflusst hat. Ihre Annehmlichkeiten aber auch ihre Unruhe sind für mich zu Gewohnheiten geworden. Da ich wie schon erläutert in einer sehr ländlichen Region geboren und aufgewachsen bin, sind diese Gewohnheiten bei mir erst im Jugend- bzw. Erwachsenenalter entstanden. Und sie haben sich so stark manifestiert, dass aus ihnen Ansprüche erwachsen sind. In den letzten Jahren war mir offenbar noch nicht einmal mehr bewusst, dass ich nicht immer schon solche Ansprüche hatte. Genauso wenig, dass meine immer stärker gewordene innere Unruhe, Ungeduld, Unzufriedenheit womöglich auf der Nichterfüllung dieser Ansprüche gründet.

Großstädte bieten viele Möglichkeiten, und das jederzeit. Kultur, Konsum, Bildung, Sport, Vergnügen – für all das ist eine große Auswahl von Stätten in unmittelbarer Nähe vorhanden. Und es ist und bleibt offenbar das Standardproblem der „zugezogenen Landeier“, sich mit diesem Überangebot auseinandersetzen zu müssen. Einheimische, die hier aufgewachsen sind oder schon viele Jahre hier leben, haben in der Regel ihre Stammplätze gefunden, mit denen sie sich zufrieden geben. Den ganzen Rest des Angebots ignorieren sie die meiste Zeit. Ich sehe mich jedoch nach wie vor mit immer wieder neuen Möglichkeiten konfrontiert, die ich in der mir selbst zugestandenen Zeit gar nicht alle ausschöpfen kann. Mit der Zahl der Möglichkeiten steigen noch immer die Ansprüche, und mit jeder Nichterfüllung derselben steigt die Unzufriedenheit. Bäm – das ist doch mal eine Erkenntnis!

Aus diesem Teufelskreis will ich so bald wie möglich ausbrechen. Und zwar konsequent und radikal. Wenn ich ehrlich bin, nutze ich im normalen Alltag de facto nur einen verschwindend kleinen Teil der mir theoretisch zugänglichen „urbanen“ Angebote in meiner derzeitigen Wohnumgebung. Letztlich beschränkt sich die Nutzung meist auf die öffentliche Verkehrsinfrastruktur und Geschäfte für Güter des täglichen oder nicht täglichen Bedarfs. Eher selten ist mal etwas aus einem der anderen genannten Bereiche (Kultur usw.) betroffen. Ist es also für mich tatsächlich von Vorteil, all diese Möglichkeiten in meiner Umgebung zu haben? Oder würde eine Umgebung mit einem sehr überschaubaren Angebot für mich letztlich mehr Freiheit bedeuten, weil ich mir dann viel entschlossener meine Aktivitäten auswählen oder sogar selbst neue Möglichkeiten schaffen könnte?

Mir ist ja bereits bewusst, dass ein Großteil meiner Ungeduld und Unzufriedenheit aus nicht erfüllten Ansprüchen resultiert. Die Ansprüche wiederum gründen auf Gewohnheiten, welche aufgrund der Eigenschaften meiner Umgebung entstanden sind. Ich bin der Überzeugung, dass Gewohnheiten – auch wenn sie sich über lange Zeit manifestiert haben, grundsätzlich flexibel sind. Soll heißen: Ich bin stets in der Lage sie zu verändern, mir Dinge anzugewöhnen und abzugewöhnen. Hierzu sind vor allem Zeit und Willenskraft vonnöten. Eine bewusste Veränderung der äußeren Umstände wird den Prozess sicherlich erleichtern und vielleicht etwas beschleunigen. Gerade in der Anfangsphase des Abgewöhnens wird die Frustration ziemlich hoch sein, gerade wenn die Gewohnheiten zuvor sehr lange präsent waren und als selbstverständlich erschienen. Insbesondere wird immer wieder ein Drang aufkommen, die durch den Verzicht auf Gewohnheiten entstehenden Lücken zu füllen.

So viel zur Theorie. Jeder, der schon einmal eine Sucht überwunden hat, kennt diesen Entzugsprozess. Eine Sucht ist in meiner Vorstellung ohnehin nichts anderes als eine übersteigerte Gewohnheit. Konkret geht es für mich um Dinge wie „mal eben in die Bahn steigen und nach XYZ fahren“ oder „mal eben rüber zum SB-Markt gehen und ABC besorgen“. Oder auch „mal eben im Internet nachgucken“. Ihr wisst was ich meine – Annehmlichkeiten der Infrastruktur in zivilisierten Gegenden. Dinge, die für keinen Menschen überlebenswichtig sind. Von all dem möchte ich mich wieder distanzieren, mich nur noch auf wirklich Wesentliches beschränken, mir selbst Möglichkeiten schaffen… und dann vielleicht bewusst Schritt für Schritt wieder die eine oder andere Annehmlichkeit kontrolliert in mein Leben zurückkehren lassen.

Mein Weg dort hin? Raus aus der Stadt, fort vom Einfluss der urbanen Gesellschaft! Zurück aufs Land, wo nur wenige Menschen sind. Und mich dort dann ausgiebig umschauen, in mich hinein schauen, wissen wie es mir geht und was mir gut tut.

Die vier Elemente der Zufriedenheit

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In der letzten Zeit habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, was für mich zu einem zufriedenen Leben gehört. So etwas tut man natürlich in der Regel nur dann, wenn man gerade nicht so zufrieden ist… Aber generell ist es sicher für jedermann sinnvoll, einmal ganz unverbindlich über das zu reflektieren, was das persönliche „Glück“ ausmacht. Für mich haben sich vier Basis-Faktoren herauskristallisiert, auf die es wirklich ankommt. Nur wenn sie alle ab einem gewissen Grad mein Leben bestimmen bzw. ausfüllen, glaube ich mich wirklich zufrieden fühlen zu können. Wer nun utopisch hohe Ansprüche erwartet, der wird gleich merken, dass die vier Elemente der Zufriedenheit vollkommen realistisch, „normal“ und im Grunde für jeden erreichbar sind:

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1. HOME
2. JOB
3. PEERS
4. MILIEU

Ich verwende absichtlich internationale Begriffe, weil diese am besten die Bedeutungen der Elemente umreißen. Aber da die vier Wörter allein nicht sehr viel Aussagekraft besitzen, möchte ich sie nun ausführlich erläutern.

1. HOME

Das hier steht über allem! Jeder Mensch braucht einen Ort, an dem er sich zuhause fühlt, um vollkommen zu sein. Und ich spreche hierbei zunächst einmal von einem Zuhause im allerweitesten Sinn. Es muss sich nicht um einen konkreten Ort oder ein bestimmtes Gebäude handeln. Unter einem Zuhause verstehe ich ganz weit gefasst einen individuellen Mikrokosmos, den man sich selbst geschaffen hat. Mit anderen Worten: Einen Zufluchtsort, den ich mir selbst bieten kann, an dem ich „ankommen“ kann und der mich gewissermaßen „abbildet“.

Mein eigenes Haus oder meine Wohnung bietet mir nicht automatisch ein Zuhause – ich muss es mir dort zuerst bauen, so wie ein Vogel sein Nest. Ich kann mir mein Zuhause mitnehmen, z. B. im Inneren eines Wohnmobils. Und selbst als Obdachloser kann ich mich auf „meiner“ Platte ein wenig zuhause fühlen, weil ich mir (wenn auch immer nur für kurze Zeit) meinen eigenen Mikrokosmos geschaffen habe.

Das erste Element der Zufriedenheit ist für mich mein HOME – ein Zuhause, das mir das Gefühl gibt hier richtig zu sein.

2. JOB

Einen großen Teil unserer Lebenszeit verbringen wir mit Arbeiten. Und auch hier spreche ich von Arbeiten in einem weiteren Sinn. Treffendere Wörter wären Beschäftigung oder Aufgaben. Hierunter fasse ich alle klassischen Arbeitsverhältnisse mit geregelten Zeiten und Gehältern, alle selbständigen oder (gegen Entgelt) „freien“ Tätigkeiten, alle freiwilligen oder ehrenamtlichen Engagements, jegliche Schul-/Aus-/Weiterbildung bis hin zu Funktionen wie „Hausfrau und Mutter“. Denn all diese Beschäftigungen haben eines gemeinsam: Sie bieten mir die Möglichkeit, den Großteil meiner Zeit sinnvoll zu nutzen und etwas zu tun, das nicht nur für mich selbst gut ist.

Ganz wichtig ist hierbei die „Work-Life-Balance“. Wirklich zufrieden kann ich nur dann sein, wenn meine Arbeit mich genügend ausfüllt (das heißt ich mich gerne mit ihr befasse) oder sie mir genügend freie Zeit und Energie für private Aktivitäten lässt, die mir einen Ausgleich zur Arbeitszeit bieten können.

Das zweite Element der Zufriedenheit ist für mich mein JOB – eine oder mehrere Beschäftigungen oder Aufgaben, die mir das Gefühl geben etwas Richtiges zu tun.

3. PEERS

Niemand möchte dauerhaft allein sein. Unser Leben wird bestimmt durch die Interaktion mit anderen Menschen. Um mich selbst (ein)schätzen zu können, muss ich mich mit anderen Personen austauschen und mich an ihnen messen. Und zwar physisch und direkt! Die besten Begriffe, die mir hierfür in den Sinn kommen, sind Real-Freunde, Real-Bekannte bzw. Real-Community.

Viele Beziehungen zwischen Personen werden im Internet-Zeitalter ausschließlich über soziale Netzwerke, Messenger oder Sprach-/Videodienste gepflegt. Diese rein virtuellen Beziehungen lasse ich hierbei ausdrücklich außen vor! Denn um zufrieden sein zu können, benötige ich Menschen mit gewissen Qualitäten in meiner physischen Nähe.

Es kann sich hierbei um wirkliche Freunde handeln, mit denen ich sehr vieles teile (vor allem Zeit und persönliche Gedanken), um Bekannte, mit denen ich mich unregelmäßig treffe oder gemeinsam etwas unternehme, um Menschen, mit denen ich nur ganz spezifische Interessen teile und mich hierzu nur bei Bedarf mit ihnen austausche, ihnen helfe oder mir von ihnen helfen lasse, oder um Gruppen von Menschen, mit denen ich all dies tun oder teilen kann. Idealerweise gibt es einen ausgewogenen Mix aus allem, doch wichtiger ist mir dass ich diese Personen ohne großen Zeitaufwand real erreichen kann (bzw. sie mich).

Das dritte Element der Zufriedenheit sind für mich meine PEERS – Menschen in meiner Nähe, die mir das Gefühl geben in Gemeinschaft zu sein.

4. MILIEU

Der individuelle Alltag wird stark dadurch geprägt, in welcher Umgebung man sich befindet. Im Gegensatz zum ersten Element spreche ich nun vom Makrokosmos, in dem wir uns täglich bewegen. Hierzu zählen die Optik und Atmosphäre des Umkreises, in dem sich der persönliche Lebensmittelpunkt (HOME) befindet, die Menschen die innerhalb dieses Umkreises leben sowie die vorhandene Infrastruktur – sprich Verkehrsanbindung, Versorgung (Lebensmittel, Medizin usw.) und Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung.

Um zufrieden mit meiner Umgebung zu sein und mich in ihr wohl zu fühlen, muss sie zu mir passen. Sie sollte mir einen grundsätzlich angenehmen Rahmen für mein Zuhause bieten, und ich möchte mich gerne in ihr aufhalten oder in sie zurückkehren.

Das vierte Element der Zufriedenheit ist für mich mein MILIEU – eine Umgebung, die mir das Gefühl gibt hier heimisch und gut versorgt zu sein.

Ich glaube, dass eine Erfüllung diese vier Elemente ausreicht, um mir eine grundlegende Zufriedenheit zu geben. So mancher dürfte dabei nun wohl den Faktor Lebenspartner(in)/Familie vermissen. Deshalb will ich ihn mal nicht außen vor lassen. Auch aus einer Partnerschaft bzw. Ehe und familiären Beziehungen lässt sich Zufriedenheit gewinnen.

Ich stelle mir die Elemente bildlich als Säulen vor, die meine Plattform der Zufriedenheit tragen. Partner(in) und Familie können sehr gut als Ergänzung dienen, den Raum zwischen den Säulen ausfüllen und das Bild quasi perfekt machen. Allerdings glaube ich, dass sie allein keines meiner vier Elemente ersetzen und eine eigene Säule bilden könnten.

Ich freue mich schon sehr auf den Tag, an dem ich sagen kann:

Ja, meine vier Elemente sind da und im Gleichgewicht.
Ich bin zufrieden.

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Manchmal zahlt sich Planung aus, und manche Dinge lassen sich nicht planen… wie sich heute wieder einmal gezeigt hat. Den Besuch bei einem Freund in Wuppertal wollte ich mit einer Radtour verbinden, und die war gut vorbereitet!

Ein Blick auf Google Maps führte zu Tage, dass von Recklinghausen bis Wuppertal-Oberbarmen ca. 45 bis 50 Kilometer (je nach Route) zurückzulegen sind. Im Grunde also eine Strecke, die sich bei mittelschnellem Tempo und ohne Pausen locker in 3 Stunden abfahren lässt. Doch welche Route ist die beste? Es muss nicht unbedingt immer die kürzeste sein, denn beim Radfahren sind Steigungen ein nicht gerade unwichtiger Faktor, und wenn man sich nicht absichtlich verausgaben will, gilt es sie in der Planung zu minimieren.

Als Basis nahm ich eine der von Google Maps vorgeschlagenen Routen, allerdings nicht die erste, denn die hätte mich direkt durch die Bochumer Innenstadt geführt. Ich wählte einen Weg über Wanne-Eickel, Bochum-Hamme und Hattingen. Ein Blick auf eine Radwege-Karte rettete mich im Nachhinein betrachtet wahrscheinlich vor der totalen Überanstrengung. Denn wie sich herausstellte, gibt es einen Radweg von Hattingen über Sprockhövel nach Wuppertal, der über eine alte Bahntrasse verläuft. Und das ist im Bergischen Land ein enormer Vorteil! Die Route verlängerte sich dadurch um ca. 5 km, aber ich bin in dem Fall froh, den weiteren Weg gewählt zu haben.

Bis Hattingen nahm ich vorher ausgedruckte Kartenausschnitte zu Hilfe, um den richtigen Weg zu finden. Das funktionierte ausgezeichnet! Bei vergangenen Touren hatte ich nur Routenbeschreibungen als Text – und für den Notfall die Navi-Funktion des Handys – dabei. Und jedes mal hatte ich mich verfahren. Diesmal nicht! Nur einmal warf ich unterwegs einen kurzen Blick in Google Maps, um sicher zu gehen dass ich in die richtige Straße abbog, weil diese nicht beschildert war.

Als Hattingen hinter mir lag, wurde es idyllisch. Der Radweg verlief tatsächlich mehr oder weniger eben auf Dämmen und durch Gräben, während links und rechts von mir die Straßen (wie im Bergischen Land üblich) ein ständiges Auf und Ab zeigten. Eine Wohltat!

Leider machte bei Sprockhövel die Gangschaltung meines Fahrrads Stress. Die Kette sprang vorne auf den falschen Zahnkranz und ließ sich mit der Schaltung nicht mehr zurück befördern. Diese hatte sich offenbar irgendwie verkeilt, so dass die Kette anfing zu rattern und hin und wieder komplett von den Kränzen heruntersprang. Da ich kein Werkzeug dabei hatte, zweckentfremdete ich meine Wasserflasche aus Aluminium als Hammer und konnte so die Schaltung erst einmal wieder in Position bringen.

Kurz vor Wuppertal endete der Bahntrassen-Abschnitt des Radwegs, und sofort wurde der Weg hügelig. Zunächst ging es nur steil bergab, was natürlich angenehm war. Doch nahe eines Golfplatzes ging es plötzlich steil nach oben, und der Weg war mit furchtbaren Pflastersteinen belegt, welche die Schaltung wieder völlig durcheinander brachten. Sie war schon wieder ganz verschoben, und zusätzlich hatte sich einer der Reflektoren am Hinterrad gelöst, der nun laute Geräusche verursachte. Ich hielt an der Zufahrt zum Golfplatz an und versuchte wieder, mit Hilfe der Aluflasche die Schaltung zu richten. Das führte dazu, dass das weiche Aluminium nachgab und plötzlich Löcher im Flaschenboden waren, durch die das Wasser herauslief. Die Flasche war damit nutzlos und wurde geopfert, nachdem ich noch ein paar große Schlucke aus ihr gezogen hatte. Die Schaltung ließ sich mit herum liegenden Aststücken wieder gerade stellen.

Der restliche Weg bis zum Ziel war mir schon vertraut, weil ich ihn mir vor der Abfahrt in Google Street View angesehen hatte. Mir wurde zum ersten mal bewusst, was für eine große Hilfe dieses Tool sein kann, wenn man Orte bereisen möchte, die man noch nicht kennt. Es kam mir tatsächlich so vor, als wäre ich die Strecke kürzlich erst gefahren, zumal wirklich alles noch genauso auszusehen schien wie an dem Tag, als das Google-Auto dort gewesen war.

Letztlich benötigte ich nur etwa 10 Minuten länger als die geschätzten drei Stunden zur Bewältigung der Strecke. Es waren ziemlich genau 51 Kilometer. Und trotz der nicht planbaren Komplikationen hat die Tour richtig Spaß gemacht!

Es war eindeutig einer dieser Tage. Das konnte ich schon behaupten, bevor er richtig angefangen hatte.

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Eigentlich hatte es keine Vorboten oder bestimmte Voraussetzungen gegeben. Wie auch immer… Das Folgende ist mir heute widerfahren:

Aufstehen wollte mein Körper nicht so recht, als der Wecker um 6:30 piepte. An sich nichts Ungewöhnliches, zumal mein Schlaf eher unruhig und die Träume eher verwirrend gewesen waren. Wie gewohnt ging ich ins Bad, machte den üblichen morgendlichen Durchlauf, zog mich an und war bereit für den Weg zur Arbeit – fast! Der reflexartige Griff nach dem wichtigsten Objekt des zivilisierten Menschen – der Brieftasche, dem Geldbeutel, dem Portemonnaie, wie auch immer man es nennen will – führte ins Leere. Ich würde mich als Gewohnheitstier bezeichnen, und eben deshalb war die Situation schon ungewöhnlich. Zu 90 Prozent finde ich mein Portemonnaie morgens an einem von zwei Orten vor: auf dem Esstisch oder in der Jackentasche. Wenn es dort nicht ist, habe ich meine Kreditkarte oder ähnliches am Abend davor gebraucht, und es liegt in der Nähe des Computers. Nichts davon war heute der Fall. Das genügte schon um mich ziemlich unruhig werden zu lassen. Auch ein Durchkämmen der unwahrscheinlicheren Plätze in der Wohnung führte nichts zu Tage. Der nächste logische Schritt war meinen Freund anzurufen, der gestern Abend hier gewesen war. Vielleicht hatte er eine Idee wo das Teil abgeblieben sein könnte. Doch nach ein paar mal Tuten kam ein Besetztzeichen, und bei den nächsten Anrufversuchen nur noch eine nervige Ansage, der Teilnehmer sei nicht erreichbar. Fast hätte ich das Handy quer durchs Zimmer geworfen. Einen Moment lang kam das Gefühl auf, ich wäre noch am schlafen und das ganze nur ein Traum. Ich zwang mich zum Fokussieren und überlegte wann und wo das Portemonnaie das letzte mal zum Einsatz gekommen war. Im Bus natürlich, beim Vorzeigen der Fahrkarte, gestern Abend auf dem Heimweg. War es mir dort irgendwie aus der Jacke gefallen? Man könnte ja mal nachfragen ob es gefunden worden war. Die Vestische Straßenbahnen GmbH hat ein Fundbüro, und dieses ist von 13 bis 15 Uhr Montags bis Donnerstags besetzt. Tolle Arbeitszeiten, echt. Natürlich ging unter der angegebenen Nummer niemand ans Telefon. Und auch die liebe Nachbarin meines Freundes, die mir zumindest etwas seelischen Beistand hätte leisten können, war gerade nicht zu erreichen.

Um kurz vor 8 rief ich erstmal meinen Chef an, um die Lage kurz darzustellen und ihn wissen zu lassen dass ich nicht wusste ob und wann ich heute zur Arbeit erscheinen könnte. Denn ohne Zugfahrkarten, Geld, EC-/Kreditkarte und Ausweis ist man in der Tat ziemlich aufgeschmissen und fühlt sich tatsächlich irgendwie seiner Identität beraubt! Ein paar Minuten später ließ Vodafone mich via SMS wissen, dass mein Gesprächspartner nun wieder per Handy erreichbar sei. Also rief ich meinen Freund sofort zurück, der mir erzählte er hätte sein Handy verloren und sei bei der Suche in seinem Auto nicht nur auf das Handy – mit zwischenzeitlich leerem Akku – sondern auch auf mein Portemonnaie gestoßen. Wie es dort hin gekommen war, konnte keiner von uns nachvollziehen, zumal ich das Auto gestern nicht betreten hatte. Egal… Ich war in Recklinghausen, das Auto in Essen. Etwa eine dreiviertel Stunde später war das Auto dann in Recklinghausen und auch das vermisste Portemonnaie. Okay so weit – erstes Ziel erreicht!

Da ich nun sowieso mindestens zwei Stunden später erst auf der Arbeit hätte sein können, lag der Entschluss nahe kurzerhand den Vormittag komplett frei zu nehmen und die damit gewonnene Zeit für Erledigungen zu nutzen, die nach Feierabend oder am Wochenende nicht möglich sind. Im aktuellen Fall ging es um einen neuen Reisepass, den ich für den anstehenden Urlaub im September noch brauche. Mit einem kurzen Anruf beim Chef war der Weg für den nötigen Amtsgang – zumindest theoretisch – frei.

Den Besuch eines Fotostudios halte ich bei Reisepass-Bildern für unnötig und vor allem zu teuer, zumal es sich aufgrund der Vorgaben nicht mal um schöne Bilder handelt. Deshalb hatte ich schon in einer „privaten Session“ ein passendes digitales Foto vorbereitet, das nur noch auf Fotopapier gebracht werden musste. So etwas hatte ich schon einmal bei dm erledigt, allerdings nicht im Passbild-Format. Aber einen Versuch war es wert, und ich wusste wo in meiner Stadt ein dm zu finden ist. Dort angekommen fand ich dann auch ein paar Foto-Kioske von Kodak vor, wählte einen aus und wühlte mich durchs Menü. Ein Passbild-Format konnte ich auf Anhieb nicht entdecken, lediglich eine Option für Mini-Fotos oder so ähnlich. Ich dachte mir, das würde schon in etwa hinkommen und ließ einen Bogen dieser Mini-Abzüge produzieren – für günstige 27 Cent! Aber mir schwante schon Böseres…

Zum Bürgerbüro der Stadt war es nicht weit. Es befindet sich in einem anderen Gebäude als noch vor ein paar Monaten, aber das war mir zum Glück vorher bekannt gewesen. Es war fast nichts los und damit keine Warterei nötig. Ich hielt den Mitarbeitern ohne lange Rede die Abzüge von dm unter die Nase und fragte ob man damit etwas anfangen könnte. Ein Einpassen in ein Stanzgerät für Passbilder ergab, dass die Mini-Fotos von dm zu schmal und damit unbrauchbar waren. Also musste ich erstmal unverrichteter Dinge wieder abziehen und überlegte, wo sonst noch digitale Sofortabzüge zu bekommen sind. Die Frage beantwortete sich quasi von selbst, denn direkt gegenüber prangte der unübersehbare rote Schriftzug MediaMarkt. Stimmt, dort hatte ich auch schon solche Automaten gesehen. Also schnell rüber ins Löhrhof-Center und die Rolltreppe hoch… zu verschlossenen Toren. Man öffnet eben erst Punkt 10 Uhr, und bis dahin waren es noch ein paar Minuten. Unten hatte ich im Vorbeigehen eine dieser Foto-Fix-Kabinen gesehen. Wäre ja auch eine Alternative, und ich müsste nicht warten bis der MediaMarkt öffnet. Also nahm ich mir das Ding mal vor und ging hinein. Ein Satz Passfotos, EU-konform: 6 Euro. Naja… und ach: „Der Automat gibt kein Wechselgeld“. Mit meinem 20er-Schein und bisschen Kleingeld kam ich da nicht weiter. Also doch wieder die Rolltreppe hoch, und noch ein wenig gewartet. Das Tor wurde pünktlich geöffnet, und ich lief gezielt zur Foto-Abteilung. Dort standen sie, die bekannten Kodak-Automaten (leider nicht die erhofften von CeWe). Sie ähnelten sehr denen bei dm, aber an der Wand dahinter war etwas von Passbildern im Sofortdruck zu lesen. Und in der Tat fand sich auf dem Touchscreen ein entsprechender Menüpunkt. Die Bedienung gestaltete sich extrem mühselig. Auf mein beständiges Tippen auf die angezeigten Buttons reagierte der Automat oftmals gar nicht. Bei der (meiner Meinung nach sinnfreien) Einstellung der Begrenzunglinien für das Gesicht auf dem Foto behauptete er ständig, die Passbilder ließen sich so nicht produzieren. Dann wechselte er auf ein nutzloses quadratisches Format und zoomte das Bild auf eine völlig blödsinnige Größe. Bis ich ihm beigebracht hatte mein Foto annähernd in der Form zu platzieren in der ich es vorbereitet hatte waren einige Minuten vergangen. Und der Bogen mit 6 Bildern kostete dann 2,99 €. Warum ein gleich großes bedrucktes Blatt Fotopapier mit den nutzlosen Bildformaten nur 27 Cent kostet, erschließt sich mir nach wie vor nicht. Immerhin war es trotzdem deutlich billiger als so ein Foto-Fix, geschweige denn ein Foto-Studio.

Mit den neu gedruckten Bildern ging es zurück zum Bürgerbüro, und diesmal schien das Format zu passen. Die Mitarbeiterin benötigte allerdings zwei Stanz-Versuche, bis laut Schablone alles in Ordnung war. Ich sollte dann eine Nummer ziehen, obwohl sonst niemand im Wartebereich war, und kam logischerweise sofort dran. Die zweite Mitarbeiterin war auch ziemlich freundlich und fertigte mich zügig ab. Sie wollte sofort die 59 Euro Gebühr einkassieren, die ich nicht dabei hatte (zahlt man die nicht andernorts erst bei der Abholung?). Kartenzahlung wurde laut deutlicher Hinweisschilder auf dem Gang nicht angeboten. Also musste ich nochmal zum Geldautomaten und wieder zurück. Das war zum Glück innerhalb weniger Minuten erledigt. Ich bekam noch eine Quittung. Zweites Ziel erreicht!

Auf dem Rückweg nach Hause lag die örtliche Apollo-Filiale. Die Gelegenheit, dort noch einmal die Bügel meiner neuen Brille nachjustieren zu lassen, blieb nicht ungenutzt. Und beim Back-Werk noch schnell mein Mittagessen besorgt. Mir blieb danach nicht viel Zeit zuhause, bis ich mich schon wieder auf den Weg zum Bahnhof machen musste, um zur Arbeit zu gelangen.

Die Zugfahrt war ruhig. Auf dem Weg vom Bahnhof Bösensell zur Firma gab es eine Radarkontrolle, und ich wurde mit meinem Roller (!) von den Herren Polizisten raus gezogen. Sie hatten kein „Glück“ bei mir. Zu schnell gefahren war ich offenbar eh nicht (50 km/h waren erlaubt), meine Papiere waren in Ordnung, und auch sonst fiel ihnen wohl nichts auf. Pure Zeitverschwendung also. Führte nur dazu dass ich in noch flattrigerem Zustand im Büro ankam.

Der halbe Arbeitstag war dann zumindest nicht unangenehm, die nachfolgende Zugfahrt wurde dank ausländischer Familien mit Säuglingen und einer riesigen Horde Rentner mit Fahrrädern etwas nervig, aber dafür erreichte ich noch den direkten Anschluss an den Bus, da dieser leicht verspätet war.

Und nun hoffe ich dass dieser Tag schnell zu Ende geht, nichts besonderes mehr passiert und der morgige etwas einfacher wird.

Scheiße. Ganz große Scheiße. Das muss erst einmal gesagt werden.

Was ist da heute passiert in Duisburg? Die Loveparade? Tja, das was sie werden sollte. In den Augen der Organisatoren sicherlich eine friedliche Großveranstaltung besonderen Ausmaßes. Das tatsächliche Ausmaß bekam man in den letzten Stunden auf vielen Kanälen zu sehen und zu hören. Ich ringe um Fassung. Bilder, die mir gestern durch den Kopf gegangen waren (nachzulesen in meinem vorherigen Blog-Eintrag) sind fast genau so eingetreten! Das Augenzwinkern, das den Vergleich mit dem Fleischwolf ohne Lochscheibe begleiten sollte, ist beinahe Tränen gewichen. Und ich verstehe nicht, warum kein Verantwortlicher ahnen konnte was heute passiert ist. Ich war bei weitem nicht der einzige, der in den letzten Tagen berechtigte Kritik an der Raumplanung der Veranstaltung geübt hat. Wir sollten uns jetzt wirklich nicht in Sätzen à la „hab ich’s doch gewusst“ ergehen. Wir als einfache Meinungsäußerer hätten nicht die Macht gehabt, die Tragödie zu verhindern. Aber verdammt noch mal – es sind weit mehr als ein Dutzend Menschen zu Tode gekommen und noch viele mehr verletzt worden! Und jetzt werden noch etliche Kritiker die Stimmen erheben. Die Wellen werden unglaublich hoch schlagen. Momentan finde ich das gut so. Eine so kolossale Fehlplanung gehört öffentlich angeprangert und bis ins letzte Detail ausgeschlachtet. Ja, es sollen Köpfe rollen. Natürlich werden sich die Bürokraten nun gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben, und wie immer will es keiner gewesen sein. Sollen sie nur machen. Es sollte nachzuverfolgen sein, wer in der Planung des Geländes und der Besucherwege involviert war. Und jeder einzelne, der in der Lage gewesen wäre einen wirksamen Einspruch zu erheben, trägt nun die Verantwortung für die Vorfälle im verhängnisvollen Tunnel bzw. um diesen herum. Egal wer letztlich dazu verurteilt wird eine hoffentlich angemessene Strafe zu verbüßen – ich wünsche allen eben beschriebenen Personen dass sie sich ihrer Schuld bewusst werden.

Ja, ich war auch in Duisburg am Tag der Veranstaltung. Und habe genug gesehen, um früh genug den Rückzug anzutreten. Entgegen der über die Medien ausgesprochenen Empfehlungen nutzten wir das Auto zur Anreise. Wir hatten uns kurz vorher online über Parkmöglichkeiten informiert und den Bereich um die MSV-Arena ausgewählt. Diesen erreichten wir um ca. 13:30 Uhr ohne größere Probleme. Die Straßen inklusive der A3 waren relativ gut befahrbar, und auch ein Parkplatz war zügig gefunden. Wir folgten dem nicht allzu dichten Menschenstrom unter der gesperrten A59 hindurch und die Düsseldorfer Straße entlang bis etwa zur Straßenbahnstation Karl-Jarres-Straße. Ab dort war schlagartig kein Weiterkommen mehr möglich. Man erblickte im weiteren Verlauf der Düsseldorfer Straße eine geschlossene Menschenmenge, die nicht wirklich in Bewegung war. Die Stimmung war relativ ausgelassen, und die meisten Anwesenden erweckten nicht den Eindruck als hätten sie es sehr eilig auf das Festivalgelände zu gelangen. Bis zu dessen Eingang wären es von unserem Standort aus noch ca. eineinhalb Kilometer Fußweg gewesen. Die Entscheidung diesen Weg nicht zu wählen war ziemlich schnell gefallen. Einerseits drängten sich mir unwillkürlich wieder die Fleischwolf-Assoziationen auf, andererseits machte mir meine Blase einen Strich durch die Rechnung, und in Richtung Güterbahnhofsgelände war kein Toilettencontainer zu sehen. Also drehten wir wieder um, bevor allzu viele heran strömende Menschen uns von hinten einkesseln konnten, und wanderten zurück in Richtung Parkplatz. Den restlichen Nachmittag verbrachten wir relativ entspannt im Landschaftspark Duisburg-Nord und im Oberhausener CentrO .

Was die Zukunft der Loveparade betrifft, gehe ich momentan davon aus dass es sie nicht geben wird. Die legendäre Serienveranstaltung wird nun hoffentlich zusammen mit ihren Opfern zu Grabe getragen – endlich! Es ist ein trauriger Abschied, aber ein notwendiger. Man hat nun auf die harte Tour erfahren, dass etwas das in Berlin lange Zeit funktionierte im Ruhrgebiet von vorn herein deplatziert war.

Die Loveparade ist tot – und das ist auch gut so.

1999 – ach jaaa, das war noch was, damals… Ich war gerade mal 18 und das allererste mal in Berlin. Es war eine relativ spontane Aktion. Sie passte irgendwie in die späten 90er Jahre und ins späte Teenager-Alter. Einmalig, unwiederholbar und absolut prägend.

Wir hatten von dieser bekannten Veranstaltung namens Loveparade gehört, die jeden Sommer irgendwo in Berlin stattfand. Und was wussten wir von Berlin? Hauptstadt halt, irgendwie ziemlich groß, ziemlich weit weg „so da oben rechts“, aber viel mehr dann auch nicht. Immerhin – es waren Sommerferien, das Wetter war gut, es gab keine Verpflichtungen denen wir nachkommen mussten und niemanden der uns aufhalten konnte. Die Deutsche Bahn hatte noch „Guten-Abend-“ und „Schönes-Wochenende-Tickets“ im Angebot, die erschwingliche Fahrten kreuz und quer durch die Republik ermöglichten. Wir waren zu zweit – mein Cousin und ich – und hatten uns vorgenommen mal nach Berlin auf die Loveparade zu gehen.

Zur Fortbewegung die Bahntickets, zum Schlafen ein geliehenes Zelt – an mehr dachten wir tatsächlich damals nicht. Und es funktionierte! Einmal vom Westerwald nach Berlin und zurück, ohne großen Plan, einfach so. Probleme entstehen eben meistens nur dann wenn man Zweifel hat. Wir kamen erst tief in der Nacht in Berlin an, am Bahnhof Zoo natürlich. Der war uns ein Begriff, und deshalb war es aufregend plötzlich mittendrin zu stehen. Wir brauchten die „Bändchen“, so viel wussten wir. Mit denen konnte man das ganze Wochenende über alle öffentlichen Verkehrsmittel im Bereich der BVG nutzen. Und wir wollten auf keinen Fall die restliche Nacht in diesem berüchtigten Bahnhof verbringen. Vor dem Ausgang wuselten aber einige mobile Verkäufer herum, bei denen man die begehrten Bändchen und diverse Fressalien bekommen konnte.

Der Rest ist Geschichte, und die werde ich niemals vergessen. Morgens wildes Campen am Rand der Metropole, ab mittags 1 Million Menschen im Tiergarten, strahlender Sonnenschein, Durst, am Abend ganz vorne stehen direkt unterhalb der kleinen DJ-Kapsel, Bewegung, Licht, Bässe, zum Schluss an- und abschwellendes weißes Rauschen. Das war die Loveparade, das war Berlin, das waren wir.

Auf die beschwerliche Rückreise will ich jetzt nicht eingehen, wohl aber auf den gescheiterten Versuch die Erfahrung zu wiederholen. Es müsste 2002 gewesen sein, wir waren diesmal zu dritt – mein Bruder war mit von der Partie. Wir traten im Partnerlook auf: Rote Klamotten und rot gefärbte Haare, die irgendwie nach oben gestylt waren, nach Nuller-Jahre-Manier. Das erwartete Feeling wollte sich aber nicht so recht einstellen. Für die Hin- und Rückfahrt hatten wir Plätze in einem speziell gecharterten Reisebus gebucht. Die meisten Insassen waren jünger und schienen eine andere Partykultur zu haben als wir. Die Fahrten/Übernachtungen im Bus waren langatmig und nervig, Berlin war für uns nix Neues mehr, es waren viel zu wenige Leute da, und irgendwie war auch das Wetter nicht so toll. Selbst die geschossenen Fotos waren nur noch was für die Tonne, da die (analoge) Kamera wohl vorher schon was abbekommen hatte. Alles in allem bot die Loveparade in jenem Jahr nichts was bei mir intensive Erinnerungen hinterlassen hat.

Irgendwann kam das Aus für Berlin… Und dann war auf einmal die Rede vom Ruhrgebiet. Ich hatte das Thema Loveparade für mich schon abgehakt und nicht weiter verfolgt. Deshalb erreichten mich 2007 die Informationen über das Revival in Essen erst ziemlich spät. Ich war jobmäßig gerade neu in Düsseldorf angekommen, und mein damaliger Vorgesetzter hatte in unserem Büro ein Plakat angebracht, das ich zwar nebenbei registriert aber nicht näher studiert hatte. Irgendwann fiel mein Blick dann doch einmal etwas länger darauf, und eine kurze Recherche im Internet führte zu Tage dass der Termin für die Loveparade 2007 am darauf folgenden Samstag war und das ganze in Essen stattfinden würde. Ähnlich spontan wie beim ersten mal entschied ich, mir die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Durch die geografische Nähe war außerdem keine wirkliche Planung nötig.

Diesmal war ich allein unterwegs. Mit dem Zug nach Essen zu kommen war kein großes Problem, und es war mein erster Besuch in dieser Stadt. Tatsächlich war wieder ein Quäntchen des 99er-Gefühls zu spüren, weil sich ein paar Dinge wiederholten. Das Wetter war in etwa das gleiche, die Besucherzahl wurde sogar noch übertroffen, und es kam sogar ein wenig Rave-Atmosphäre auf. Ich hatte erwartet dass die Veranstaltung einen völlig anderen (vor allem kommerzielleren) Charakter haben würde als seinerzeit in Berlin, wurde jedoch angenehm überrascht. Natürlich war das Bühnengebilde übertrieben und irgendwie größenwahnsinnig, aber nicht weniger beeindruckend. Die Musik, die zur „Abschlusskundgebung“ über den Berliner Platz schallte (Nomen est Omen!), hatte nicht viel kommerzielles und erinnerte an die alten Elektro-Zeiten. Leider konnte ich nicht bis zum Ende bleiben. Aber ich erfuhr am eigenen Leib, warum eine Berliner Veranstaltung sich nicht mal eben so an einen anderen Ort verlagern lässt. Die Platzverhältnisse sind einfach zu unterschiedlich. Mangels Alternativen nutzten fast alle Besucher den Essener Hauptbahnhof zur An- und Abreise. Dieser war für das Menschenaufkommen an diesem Tag rein architektonisch alles andere als geeignet. Man hatte das Gefühl in einem großen Fleischwolf zu sein. Von einer Seite strömte alles trichterförmig in einen engen Tunnel hinein und aus mehreren noch engeren Öffnungen in mehr oder weniger zerdrücktem Zustand wieder hinaus. Ich war heilfroh wieder in einem Zug zu sitzen, der mich an einen anderen Ort bringen konnte, auch wenn ich wahrscheinlich den besten Teil der Veranstaltung verpasst hatte.

Ein Jahr darauf war Dortmund dran, ein Besuch der dortigen Loveparade war von mir fest eingeplant, und ich hatte sogar wieder einen Mitstreiter. Im Vorfeld war zu lesen gewesen dass man die Verkehrssituation diesmal systematisch entschärfen wollte, indem Bahnreisende je nach Abfahrtsort über verschiedene Bahnhöfe geschleust werden sollten. Wir wollten besonders schlau sein und stellten das Auto im nahe gelegenen Hagen ab, um von dort aus per Bahn in den Hexenkessel zu fahren. Die Züge aus Hagen landeten aber ausgerechnet im Dortmunder Hauptbahnhof, wo natürlich die Hölle los war. Entsprechend überlastet waren die Bahnstrecken, so dass man zeitweise im völlig überfüllten Zug festsaß, während dieser darauf wartete weiterfahren zu dürfen. Das Wetter war leider sehr wechselhaft. Als wir gerade vor den Westfalenhallen angekommen waren gab es einen Wolkenbruch sondergleichen, der den ohnehin nicht richtig aufkommen wollenden Spaß komplett vernichtete. Die B1 als geplantes Äquivalent zur Straße des 17. Juni konnte nicht überzeugen. Man fühlte sich permanent gefangen, weil es praktisch keine Ausweichmöglichkeiten gab und die Bundesstraße bis auf wenige Zugänge hermetisch abgeschirmt war. Auf dem Messegelände verlief sich die Menge ein wenig, aber das ganze Areal war sehr unübersichtlich. Reichlich gefrustet machten wir uns schon am Nachmittag wieder auf den Heimweg. Wir hatten Glück gerade einen passenden Zug zu erwischen und einer vorübergehenden Komplettsperrung des Hauptbahnhofs zu entgehen. Die Abschlusskundgebung konnten wir noch teilweise am Fernseher verfolgen. Die Show war für meinen Geschmack nicht übel. Ein Bekannter, der sie bis zum Ende vor Ort verfolgt hatte, erzählte mir später dass die Stimmung noch richtig gut geworden war.

Tja, und nach dem Bochumer Aussetzer in 2009 steht nun die Duisburger Version der Loveparade unmittelbar bevor. PR-mäßig ist sie schon vorher ein Erfolg gewesen. Lange genug stand sie offiziell auf der Kippe, um dann schließlich doch mit Hilfe der „Community“ gerettet zu werden. Man fragte sich indessen, wo um alles in der Welt man in Duisburg den Platz für eine solche Riesenveranstaltung schaffen wollte, nachdem sich die beiden Vorgänger im Ruhrpott glimpflich geschlagen hatten. Mein erster spontaner Einfall war eine gesperrte A59 für die „Floats“ und eine Abschlusskundgebung im Innenhafen oder dergleichen. Denkbar, aber offenbar nicht realisierbar. Irgendwann geisterte die Meldung durch die Medien, ein Gelände in der Nähe des Hauptbahnhofs sei nun für das Event vorgesehen. Aha, Hauptbahnhof also. Macht logistisch betrachtet Sinn, weil die Massen dann nicht durch die halbe Innenstadt geschleust werden und dafür etliche Straßen und Wege gesichert werden müssen. Macht wirtschaftlich betrachtet Sinn, weil das Duisburger Stadtzentrum mit seiner Königstraße quasi sauber von der Großveranstaltung getrennt und der normale Shoppingbetrieb munter weiter gehen kann, während die Raver in ein abgeriegeltes Gelände gepresst werden. Sozusagen in einen Fleischwolf ohne Lochscheibe. Wenn man sich das bildlich vorstellt, möchte man sich gar nicht vorstellen wie es sich anfühlt. Angesichts der Tatsache, dass laut offizieller Aussage des Veranstalters das Gelände maximal 500.000 Menschen fassen kann und bei gutem Wetter mindestens die doppelte Anzahl erwartet wird. Ach ja, und offenbar gibt es nur einen einzigen Ein- und Ausgang. Was wäre wenn es auf dem Gelände zu einem Vorfall käme, zum Beispiel gewalttätiger Art? Eine Massenpanik benötigt keinen großen Auslöser. Da die Organisatoren dies ja mit Sicherheit bedacht haben, kann man damit rechnen dass es entsprechend strenge Zugangskontrollen geben wird. Und wenn man schon mal dabei ist die Besucher auf Waffen und Ähnliches zu filzen kann man auch direkt sämtliche mitgebrachten Getränke aus dem Verkehr ziehen.

Womit die Loveparade schließlich zu einem von vielen Open-Air-Festivals mutiert ist. Keine Floatstrecke über breite Straßen mehr, kein Chillen im Grünen wenn man müde vom Tanzen ist. Stattdessen ein trostloses, mal eben auf die Schnelle mit grobem Schotter geplättetes ehemaliges Güterbahnhofsgelände abseits der City, auf das die feiernde Gemeinde abgeschoben wird. Vor ein paar Tagen konnte ich vom Zug aus einen kurzen Blick auf das Gelände werfen und möchte dazu nur sagen: Es sah provisorisch, armselig und vor allem viel zu klein aus. Es schien komplett von Bauzäunen umgeben zu sein und hatte schon rein optisch absolut gar nichts mit den Locations zu tun, an denen bisher die Loveparade stattgefunden hat.

Sollte ich morgen den Weg nach Duisburg finden und tatsächlich auf dem eben beschriebenen Gelände landen, werde ich zumindest davon garantiert enttäuscht sein. Was nicht heißen muss dass es den meisten Besuchern so gehen wird. Ich könnte mir gut vorstellen dass die heutige U-20-Generation Veranstaltungen wie die Original-Loveparade nie erlebt hat und an Festivals mit Absperrungen, Einlasskontrolle und Getränkeverbot gewöhnt ist. Und genau diese Generation wird vermutlich den größten Teil der Besucherschaft ausmachen.

Dass unser guter Herr Lenz (aka Westbam) bis zu diesem Jahr gewartet hat um sein Abschiedsständchen zu geben, ist mehr als unglücklich. Aber irgendwann muss er diesen Schritt schließlich gehen, und es kann eigentlich nur noch schlimmer werden für ihn. Die Generation, die ihn zu seinen besten Zeiten begeistert gefeiert hatte, sitzt heute größtenteils im Büro oder bei der Familie und ist zu Silbermond, Unheilig oder ähnlichem Seicht-Rock konvertiert. Eigentlich möchte ich mir Westbams Abschiedsfeier gar nicht live ansehen, allein schon aus Angst vorm Fremdschämen. Ein Techno-Veteran, der sich vor einem Publikum, das ihn womöglich gar nicht kennt, um Beachtung bemüht – das wollen wir nicht wirklich sehen. Ich hoffe für ihn, dass seine Euphorie über das ganze Brimborium um seine Person ihn das nicht bemerken lässt…

Ja ja, die Loveparade – wo ist sie hin? Ein Teil von ihr bleibt bestehen… in meinen Erinnerungen an den Sommer ’99.

Am vergangenen Wochenende bin ich viel unterwegs gewesen und habe dabei was für meine Kondition getan. Angesichts der anstehenden Reise durch Südwest-Afrika kann ein bisschen Training auch bestimmt nicht schaden. Nachdem die Gelbfieber-Impfung mich für ein paar Tage außer Gefecht gesetzt hatte, tat es außerdem ganz gut sich mal wieder ausgiebig zu bewegen.

Am Freitag wollte ich mir noch einige nützliche Gegenstände fürs Reisegepäck besorgen, an die man hier in Düsseldorf leider nur schwierig kommt. Aber Köln ist ja nicht weit, und dort gibt es den größten Outdoor-Fachmarkt der Nation. Da ich nun keine BahnCard 100 mehr besitze und sich die Anschaffung einer Monatskarte für den VRR momentan für mich nicht lohnt, hätte die einfache Fahrt in die Domstadt satte € 9,30 gekostet. Eine Anmerkung am Rande: Ab Langenfeld-Berghausen – nur einen Steinwurf von der Düsseldorfer Stadtgrenze entfernt – zahlt man bloß € 4,10 (nachzusehen beim VRS-Tarifberater)! Nach Feierabend fühlte ich mich jedenfalls noch fit genug um mir zumindest einen Teil der Ticketkosten zu sparen. Und radelte los in Richtung Köln.

Mein Navi versagte nach weniger als einer dreiviertel Stunde mangels Akkuleistung den Dienst. Aber es wollte mich sowieso sinnloserweise mit der Fähre über den Rhein schicken. Als Orientierung war der Fluss ganz nützlich und hätte das Navigationssystem eigentlich überflüssig gemacht. Es gibt viele Radwege hier in der Gegend, die relativ gut beschildert sind. Leider nicht immer präzise genug, und so nahm ich irgendwo bei Leverkusen einen falschen Weg und bescherte mir einen anstrengenden Umweg. Ein hartnäckiger Krampf in der rechten Wade tat das Übrige. Aber es hätte an der Stelle nur noch wenig Sinn gemacht den nächsten Bahnhof anzusteuern. Und so kämpfte ich mich bis in die Kölner Innenstadt. Auch wenn die letzten 10 km (zum Teil dank des Mistwetters) eher Quälerei waren, erreichte ich das Ziel ohne vorher komplett zusammen zu brechen. Den Weg zurück nach Hause musste ich zum Glück nicht auf die gleiche Art bewältigen. Ca. 40 km Rad fahren ohne Pausen reichten erst mal!

Am Sonntag war das Wetter erstaunlich gut und lud zu Outdoor-Aktivitäten ein. Was lag also für mich näher als wieder auf den Drahtesel zu steigen… Diesmal ohne Ziel und Navi, sondern nur mit einer groben Richtung: Weg von Düsseldorf nach Osten. Dort beginnt sofort das Bergische Land. Wie der Name schon sagt muss man sich dort auf Steigungen einstellen. Nach etwas Kurverei durch Wald und Wiesen erreichte ich Hochdahl und schaffte es erst mal nicht diesen Ort wieder zu verlassen, weil er irgendwie nicht aufhören wollte. Aber ich nahm mir vor zumindest noch Solingen zu erreichen und tat es schließlich auch.
Was für eine sonderbare Stadt! Ich versuchte kramphaft das „Zentrum“ zu finden und landete immer wieder an einer Straße, die man ausschließlich mit KFZ befahren darf. Schließlich wurde es mir zu blöd und ich fuhr wieder zurück in den Stadtteil Ohligs, durch den ich vorher schon geradelt war. Es irritierte mich ein wenig dort den Hauptbahnhof vorzufinden, so weit entfernt vom Stadtzentrum. Aber Solingen scheint mir ohnehin eine „andere Sorte“ Stadt zu sein als man gewohnt ist.
Zurück ging es über Hilden. Und schon wieder waren es alles in allem mehr als 40 km . Eine gute Strecke für eine Radtour. Eigentlich sollte ich sowas öfter machen. Mal sehen…

Wo liegt die Grenze zwischen Privat- und Berufsleben? Gibt es da einen ethischen Richtwert? Muss es überhaupt eine solche Grenze geben?

Ich schätze, im Endeffekt kann das jeder für sich selbst entscheiden – und sollte das auch! Es scheint ein häufiges Phänomen der urbanen Gesellschaft zu sein, dass man den Kreis seiner Kollegen als Ersatzfamilie betrachtet. Dieser Begriff weist sicherlich in keine falsche Richtung, doch würde ich eher von Familienersatz sprechen. Wenn man weit mehr als vierzig Stunden in der Woche an seinem Arbeitsplatz verbringt, kommt man nicht umhin sich mit den anderen Menschen zu arrangieren, die sich zur gleichen Zeit dort aufhalten. Grundsätzlich ist der Mensch ein soziales Wesen. Wenn er nicht seine leibliche Familie um sich hat, interagiert er irgendwann immer mit anderen Individuen in seiner Umgebung. Und das ist gut so! Soziale Interaktion ist schließlich gut für den Charakter. Mit etwas Glück gerät man sogar an freundliche Menschen an dem Ort an dem man die meiste Zeit des Tages verbringt. Wenn dem so ist, hat man einen Grund sich gerne dort aufzuhalten.

Aber was ist nun mit dem Privatleben? Gehen wir von 50 Stunden aus, die man von Montag bis Freitag auf der Arbeit verbringt (inkl. Pausen). Eine Woche hat logischerweise weit mehr als 50 Stunden. Es sind 7 mal 24, also genau 168. Zieht man 8 pro Nacht zum Schlafen ab, kommt man auf 112. Minus die 50 „Arbeits“-Stunden: 62. 1 Stunde pro Tag um von der Wohnung zum Arbeitsplatz und wieder zurück zu gelangen. 57.
57! Das sind 7 mehr als 50!! Auf eine ganze Woche bezogen hat man nach diesem Beispiel also immer noch etwas mehr Zeit für sein Privatleben als für seinen Beruf. Allerdings entfallen davon 32 Stunden (oder ca. 56 Prozent) auf Samstag und Sonntag. Und das rechnerisch in zwei 16-Stunden-Blöcken. Die restlichen 25 Stunden bilden die Zeit zwischen Aufstehen und Arbeitsbeginn sowie die Zeit zwischen Feierabend und Schlafengehen ab. Für ausgiebige Aktivitäten (oder Hobbys) findet sich dort im Grunde keine Gelegenheit, da diese Zeiträume einerseits zu kurz sind um sich ernsthaft mit einer Sache zu befassen und man andererseits einen Großteil davon für notwendige Handlungen wie Nahrung zubereiten/einnehmen und Haushaltsführung benötigt.

Somit bieten in der Tat nur die Wochenenden Zeit für das „echte“ Privatleben. Nun mag es Menschen geben die dies nicht brauchen. Man erkennt sie daran dass sie sich in ihrer Freizeit hauptsächlich in ihrer eigenen Wohnung aufhalten und gerne bereit sind berufliche Aufgaben mit nach Hause zu nehmen, um sich dort damit zu beschäftigen. Ich möchte dieses Verhalten hier keineswegs bewerten oder kritisieren! Allerdings zähle ich mich nicht zu der gerade beschriebenen Gruppe von Menschen. Man könnte zwar behaupten ich hätte keine „richtigen“ Hobbys, jedoch bildet die Möglichkeit regelmäßig Abstand von meiner beruflichen Tätigkeit nehmen zu können bei mir eine essenzielle Grundlage allgemeiner Zufriedenheit und Ausgeglichenheit. Optimaler Ausgleich zum Berufsleben – und damit Erholung – ist genau dann gegeben wenn ich zwischen Freitag Feierabend und Montag Morgen keinen Augenblick an meine Arbeit denke.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal die lieben Kollegen ins Spiel bringen. Es ist nicht ungewöhnlich dass es unter solchen zu Freundschaften kommt, die sich üblicherweise nicht auf die Zeit beschränken, die man an seinem gemeinsamen Arbeitsplatz verbringt. Während man also mit seinen Kollegen privaten Kontakt pflegt, ist damit unwillkürlich eine Verbindung zum Berufsleben hergestellt. Um dazu dennoch ein angenehmes Maß an Ausgleich zu erlangen ist es wichtig dass gemeinsame Aktivitäten und Unterhaltungen thematisch niemals in Bezug zum Beruf stehen. Voraussetzung dafür ist dass man sich gegenseitig auf persönlicher Ebene gut kennt.
Wem ist nicht schon aufgefallen dass sich auf Betriebsausflügen und ähnlichem die meisten Gespräche mehr oder weniger um die Arbeit drehen? Was vollkommen verständlich ist, zumal sie die einzige Verbindung zwischen allen Teilnehmern ist. Finden organisierte Unternehmungen dieser Art (zumindest größtenteils) während der Zeit statt, die man normalerweise in der Firma verbracht hätte, ist dagegen nichts einzuwenden. Schließlich bleibt nach wie vor das Wochenende, um sich zu erholen. Problematisch wird es wenn eine betriebliche Unternehmung genau dann stattfindet. Zeit mit Kollegen zu verbringen, mit denen man außerhalb der Arbeitszeit keinen Kontakt pflegt, „fühlt“ sich einfach nicht wie Privatleben an. Und man stellt nach einem solchen Wochenende unter Umständen fest, dass man sich mehr Ausgleich gewünscht hätte. Die darauf folgende Woche ist als Konsequenz eher von schlechter Laune geprägt.

Ich ziehe aus all dem den Schluss, dass für mich die Wochenenden „heilig“ und ausschließlich für Dinge ohne Bezug zu meinem Beruf reserviert sind. Eine konkrete Auswirkung davon: Betriebsausflüge an Sams- oder Sonntagen sind tabu!