Diagnose erhalten, aber wie geht es weiter?

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Vor ein paar Tagen habe ich einen fachärztlichen Bericht erhalten, in dem das Asperger-Syndrom bei mir diagnostiziert wird. Für alle, die damit noch nichts anfangen können: Es handelt sich dabei um eine Form des Autismus, die sich vor allem durch „merkwürdiges“ Verhalten gegenüber anderen Menschen bemerkbar macht. Dadurch werden zwischenmenschliche Beziehungen und Freundschaften sehr erschwert. Asperger-Autismus ist angeboren und nicht heilbar oder „wegtherapierbar“.

Auch wenn der Verdacht, dass ich von dieser Entwicklungsstörung betroffen bin, schon seit einigen Jahren bestand und immer wieder im Familien- und Bekanntenkreis geäußert wurde, bedeutet die offizielle Diagnose nun zweifellos einen wichtigen Schritt in meinem Leben. Welche Auswirkungen sie haben wird und wie sehr sie mein weiteres Leben verändern oder verbessern kann, ist für mich im Moment noch nicht einschätzbar.

Hier ein Auszug aus dem Arztbericht:

Er hat Schwierigkeiten, nonverbale Signale zur Kommunikation zu verwerten, hat große Schwierigkeiten, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzunehmen mit gemeinsamen Interessen, Aktivitäten und Gefühlen, hat einen deutlichen Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit, kann sein Verhalten nicht spontan modulieren entsprechend dem sozialen Kontext, hat einen deutlichen Mangel, spontan Freude an der Interaktion mit anderen zu teilen. […] Er ist kaum in der Lage, die Intention seines Gegenübers zu verstehen. […] Er ist sehr angewiesen auf gleiche Abläufe, hat ansonsten Probleme, sich erneut zu orientieren. […]

Die Störung bedeutet eine deutliche Einschränkung im sozialen und beruflichen Leben. Er ist auf eine reizarme Umgebung mit möglichst klar strukturierten Abläufen und eine eindeutige verbale Kommunikation angewiesen.

Was mir mit dieser Diagnose nun definitiv zusteht, ist ein Schwerbehindertenausweis – laut Aussage des Arztes sogar mit einem Grad der Behinderung von 50 Prozent. Darum werde ich mich in den nächsten Tagen kümmern. Außerdem gibt es Angebote von auf Autismus spezialisierten Beratungs- und Therapiezentren, die ich nun grundsätzlich nutzen darf. Auch ambulant betreutes Wohnen (sprich Alltags-Unterstützung im eigenen Wohnumfeld) und Hilfe bei der beruflichen Eingliederung dürfte ich in Anspruch nehmen.

Zu sehen, was nach der Diagnose plötzlich theoretisch alles möglich ist, hat mich positiv beeindruckt. Was davon sich tatsächlich in die Tat umsetzen lässt, wird sich noch zeigen. Für mich ist nun auf jeden Fall klar, dass ich in Bezug auf meine berufliche Planung ziemlich umdenken möchte. Natürlich würde ich mich nach wie vor gerne im Freiwilligendienst engagieren, sehe es aber als dringlicher an, mir zunächst einmal konstruktiven Rat zu holen und dadurch einen Überblick zu verschaffen, welche beruflichen Chancen ich als Aspie längerfristig überhaupt habe und welche Förderungsmöglichkeiten es gibt.

Allerdings sehe ich mich nun auch mit einem Dilemma konfrontiert. Zum einen befinden sich – so weit ich es ersehen kann – die Therapiezentren und Beratungsstellen, die mir nun theoretisch zur Verfügung stehen, in Städten. Mein Wunsch war und ist es aber weiterhin, mich beruflich und privat weitestgehend aus den Städten zurückzuziehen. Zum anderen stellt sich mir die Frage, an welchem Ort ich die entsprechenden Angebote künftig überhaupt nutzen soll. Diese sind – wie so vieles – an den Wohnort gebunden. Soll heißen: Sie richten sich logischerweise an Einwohner eines bestimmten Ortes und ggf. der direkten Umgebung und sind nur von ihnen nutzbar. Das Ziel der Beratung und Therapie soll schließlich die bessere Eingliederung an eben diesem Ort sein – auf beruflicher und sozialer Ebene und unter Einbeziehung der Mitmenschen, auf die es im Alltag ankommt.

Doch wo soll ich mich eingliedern? Wo will ich meinen Lebensunterhalt bestreiten und soziale Kontakte pflegen? Ein konkreter Ausgangspunkt würde mir bei dieser Entscheidung massiv helfen. An meinem derzeitigen Wohnort Essen sehe ich diesen Ausgangspunkt nicht. Ich hatte ihn vor ein paar Jahren als meine Wahlheimat auserkoren, weil ich das Ruhrgebiet und seine Menschen sympathisch fand. Aber er bietet mir leider keinen Familien- oder Freundeskreis in der unmittelbaren Umgebung, der mich auffangen kann. Er bietet mir zwar derzeit einen Job, in dem ich mich sicher und als der, der ich bin, akzeptiert fühle – aber nicht die Art von Job, die ich mir für mein weiteres Leben wünsche. Und zudem reicht mein momentan erzieltes Einkommen nur mit Ach und Krach für den Lebensunterhalt.

Eine berufliche und räumliche Veränderung erscheint mir weiterhin mittelfristig angemessen. Genau genommen bis Oktober, denn dann wird der Campingplatz schließen, auf dem mein Wohnwagen-Domizil momentan steht. Ich hoffe, dass sich bis dahin ein Ausgangspunkt in Form eines sicheren und für mich geeigneten Wohnorts gefunden hat, an dem ich mich eingliedern und die Weichen für mein weiteres Leben als Aspie stellen kann.

Warum ich nicht einfach von der Stadt aufs Land ziehen kann

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Vor ein paar Monaten hatte ich die Entscheidung getroffen, den urbanen Räumen ein für alle mal den Rücken zu kehren und nach etwa zwanzig Jahren des Stadtlebens zurück aufs Land zu ziehen. Sozusagen als „Vorbereitung“ hierauf habe ich seitdem viel Zeit im Münsterland verbracht und die Umgebung wie auch die Menschen auf mich wirken lassen. Daraus habe ich eine Erkenntnis gewonnen, die mich überrascht hat und mich dazu zwingt, meine Entscheidung zu revidieren. Nein, einfach in der Stadt bleiben und alles so belassen wie es zurzeit ist möchte ich auch weiterhin nicht. Aber alles der Reihe nach…

In den ersten Tagen, die ich auf dem Land verbrachte, fühlte ich mich dort pudelwohl und hatte gar keine Lust, zurück in die Stadt zu fahren. Das viele Grün, die Weite, die Gelassenheit und die Menschen, die mir dort begegneten (und bei denen ich aufgenommen wurde) übten einen starken Reiz auf mich aus. Die Anziehungskraft wurde nach kurzer Zeit so stark, dass ich mir vorstellen konnte in diese Gegend zu ziehen – und mich gedanklich schon darauf vorbereitete. Ich wurde Zeuge einiger ländlicher Bräuche, die mir nur zum Teil bekannt waren (wie das Osterfeuer) und fand diese eher charmant als befremdlich. Es machte mir Freude, sie zu beobachten oder daran teilzunehmen.

Ich habe außerdem einige neue Einblicke in den Alltag der „Landeier“ bekommen können und kann diese nun mit den schon vorhandenen Erfahrungen aus meiner Kindheit und aus einer vergangenen Beziehung vor ein paar Jahren vergleichen. Bislang war ich davon ausgegangen, dass ein dauerhafter Ortswechsel in eine ländliche Gegend und die damit einher gehende Integration in die dortigen sozialen Strukturen für mich kein Problem darstellen dürfte. Mittlerweile dämmert mir allerdings, dass es das sehr wohl tun würde! Der Grund dafür liegt in meiner persönlichen Lebensgeschichte.

Wie schon zuvor in diesem Blog beschrieben, habe ich die ersten 14 Jahre meines Lebens in einem kleinen Dorf in einer sehr ländlichen Gegend verbracht und bin daraufhin mit meiner Familie in eine Kleinstadt gezogen, was für mich zu einer Abwendung vom „ländlichen Lebensstil“ führte. Ich sehe im Grunde bei allen Menschen aus meinem Bekanntenkreis, die den kompletten Zeitraum von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter auf dem Land verbracht haben, eine Gemeinsamkeit: Und zwar, dass die Phase des Übergangs von der Kindheit und Jugend zum Erwachsensein für sie alle eine prägende Rolle bei ihrer heutigen persönlichen Bindung an den ländlichen Raum spielt. Viele andere haben sich – ähnlich wie ich – noch während dieser Phase dem „urbanen Lebensstil“ zugewandt und sind bis heute in diesem verblieben.

Ich stelle auf der Grundlage meiner eigenen Erfahrungen die These auf, dass sich für jeden Menschen, der die Übergangsphase ins Erwachsensein nicht auf dem Land erlebt hat, im Rest seines Lebens eine (Re-)Integration in die dort vorhandenen sozialen Strukturen sehr schwierig gestalten wird. Die Gründe hierfür liegen in dem besonders im ländlichen Raum sehr hohen Stellenwert kollektiver Einheiten – in Form von Vereinen und Clubs, Interessensvereinigungen oder Cliquen. Im Gegensatz zu Städten, in denen ein Individuum durchaus auch ohne das Eintreten in solche Kollektive in die örtlichen sozialen Strukturen integriert sein kann, ist dies auf dem Land äußerst unüblich, wenn nicht gar unmöglich. Und – so weit ich es aus Gesprächen mit „Landeiern“ beurteilen kann – findet der Prozess der Eingliederung in die Kollektive in der Zeit zwischen Kindheit und jungem Erwachsenenalter statt. Vor allem scheint es hierbei auch zu einer gewissen Festigung der gewählten Zugehörigkeiten zu kommen, zumal diese forthin lange bestehen bleiben und später meist keine neuen mehr hinzu kommen.

Wer die gerade beschriebene Phase nicht im ländlichen Raum durchläuft, verliert dort im wahrsten Sinne den Anschluss – und zwar nachhaltig. Denn es sind in erster Linie die gemeinsamen Erfahrungen in einer Gruppe, welche Menschen während des Erwachsenwerdens machen konnten, die ihnen auch später in den verschiedenen Kollektiven noch ein Gefühl des Zusammenhalts geben. Und es sind auch diese Erfahrungen, die Menschen dazu bewegen, ihrer ländlichen Heimat treu zu bleiben oder wieder in sie zurückzukehren, sollten sie sie doch einmal verlassen haben.

Mir fehlt in meiner Lebensgeschichte durch das Fortziehen aus meiner ursprünglichen Heimat im frühen Jugendalter diese signifikante Phase der Festigung und Eingliederung in die sozialen Strukturen des ländlichen Raums. Mit 14 Jahren war bei mir noch nicht der Punkt erreicht, an dem nachhaltige Erfahrungen im Kollektiv möglich gewesen wären. Und die nachfolgenden Jahre, bis ich Anfang 20 war, lebte ich ziemlich konsequent an diesen Kollektiven „vorbei“. Viele meiner Mitschüler wohnten in den umliegenden Dörfern der Kleinstadt, in die ich mit meiner Familie gezogen war. Ich hatte schon während dieser Zeit immer das diffuse Gefühl, irgend etwas zu verpassen. Ich lauschte vielen Gesprächen auf dem Schulhof, in denen von gemeinsamen Freizeit-Erlebnissen die Rede war. Mit den typischen Klischees à la Kegelverein bin ich dort nicht bewusst in Berührung gekommen, durchaus aber mit Cliquen, die sich offenbar regelmäßig für gemeinschaftliche Aktivitäten trafen. Aber weder mir selbst noch anderen gelang es, mich in irgend eine dieser Gruppen zu integrieren. Aus heutiger Sicht glaube ich, dass ich mich zu jener Zeit bereits stark mit dem urbanen „Lifestyle“ identifizierte, in dem Kollektive keine so große Rolle spielen, und mich von diesen deshalb bewusst oder unbewusst distanzierte. Zwar war ich des öfteren neugierig, was meine Mitschüler abends und an den Wochenenden so trieben, und bin mir sogar sicher, dass ich die eine oder andere Einladung zum „Schoppe beim Kuba“ [Insider] erhalten hatte, aber dennoch kam es nie dazu, dass ich mal an einem dieser „Events“ teilnahm. Einzig im Rahmen der Abitur-Feierlichkeiten, bei denen ich zumindest teilweise mitmischte, bekam ich einen vagen Eindruck davon, was ich in den Jahren zuvor verpasst hatte. Dieser Zeitpunkt markierte natürlich auch die Auflösung vieler Cliquen – und für viele ehemalige Mitschüler das Fortziehen in diverse Städte. Nur wenige von ihnen sind in ihren Heimatdörfern verblieben.

Zwei Konsequenzen, die wahrscheinlich maßgeblich mein Leben bestimmen, hatte der Umzug meiner Familie vom Land in die Kleinstadt im Jahr 1995:

  1. Ich habe den persönlichen Bezug zu der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, verloren. Zu einer „Festigung“ durch prägende Erlebnisse ist es bei mir nie gekommen. Eine Rückkehr in diese Gegend ist für mich undenkbar. Auch wenn die Orte mir noch irgendwie vertraut sind, sind mir die Menschen (mit Ausnahme meiner Verwandten, die dort noch wohnen) völlig fremd.
  2. Einen Bezug zum „Landleben“ als solches konnte ich nie wirklich gewinnen, weil ich die hierzu notwendige Phase in meinem Leben nie durchlaufen habe. Nachholen lässt sie sich nicht mehr, weil ich seit vielen Jahren erwachsen bin.

Diese Erkenntnisse sind mir in einem merkwürdigen Zusammenhang gekommen, nämlich als mir vor ein paar Tagen bewusst wurde, dass meine Lebensweise in vielen Aspekten eklatant von auf dem Land üblichen Gepflogenheiten abweicht. Das wahrscheinlich eingängigste Beispiel hierfür ist meine Art und Weise, von A nach B zu gelangen. Im konkreten Fall ging es darum, dass ich mit dem Auto vom Bahnhof abgeholt werden sollte, weil dieser etwa viereinhalb Kilometer von meinem Zielort entfernt liegt – was ja ein typischer Zustand in ländlichen Regionen ist. Nun hatte ich mich aber spontan entschieden, die Strecke zu Fuß zurückzulegen, was für mich einen dreiviertelstündigen Spaziergang bedeutete. Während ich an der Straße entlang marschierte, fühlte ich mich plötzlich als völliger Außenseiter. Denn praktisch niemand der dort wohnt, käme wohl auf die Idee, eine solche Distanz zu Fuß zu gehen, wenn er die Möglichkeit hat, mit dem Auto zu fahren oder gefahren zu werden. Das Klischee, dass man auf dem Dorf sogar den Weg zum Briefkasten oder Zigarettenautomat auf vier Rädern zurücklegt, entspricht weitestgehend der Realität, was viele meiner Beobachtungen bestätigen. Mir fällt aus meinem Bekanntenkreis auch auf Anhieb niemand ein, der auf dem Land lebt und kein Auto zur Verfügung hat! Wenn ich dort also ohne Auto aufkreuze und zudem noch auf die Idee komme, Besorgungen zu Fuß zu erledigen, werde ich erst einmal beäugt als wäre ich ein Alien. Und in etwa so fühle ich mich auch bei allen meinen Besuchen auf dem Land.

Städte haben in den vergangenen zwanzig Jahren unverkennbar meinen Lebensstil und meine persönlichen Prinzipien geprägt. Es gehören auch Prinzipien dazu, die ich vehement verteidige und schon als Teil meines Charakters definiere. Das Thema Mobilität ist hier das prominenteste Beispiel. Deshalb wehre ich mich dagegen, diese Prinzipien aufzugeben – aus Angst mich selbst damit aufzugeben. Das Dilemma, mit dem ich mich nun konfrontiert sehe, liegt somit auf der Hand:

  • Belasse ich meinen Lebensmittelpunkt in der Stadt, werde ich (wie zuvor hier im Blog dargestellt) ein Getriebener bleiben, der mit seiner Umgebung überlastet ist und nie zur Ruhe kommt.
  • Versuche ich meinen Lebensmittelpunkt aufs Land zu verlagern, sehe ich mich gezwungen, mich charakterlich stark zu verändern und womöglich einen Teil meiner selbst aufzugeben. Wohl wissend, dass mir eine komplette Integration in die sozialen Strukturen des ländlichen Raums in diesem Leben ohnehin nicht mehr möglich sein wird.

Zu einem Fazit oder einer Lösung für das Dilemma kann ich zum momentanen Zeitpunkt nicht kommen. Ich habe aber immerhin die Hoffnung, dass noch weitere Erkenntnisse und vielleicht Ideen bzw. Impulse von Mitmenschen kommen werden, die mir helfen mein Leben weiter zu organisieren und bestenfalls einen Ort zu finden, an dem ich mich heimisch fühlen und zur Ruhe kommen kann.

Gedanken zu meinem Leben, meinem Umfeld und meinem Horizont

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Dieses Jahr werde ich 34. Das ist nach den Maßstäben unserer Gesellschaft kein hohes Alter. Aber jung bin ich damit auch nicht mehr, sondern „irgendwo mittendrin“ halt. Wenn ich cheap cialis 20mg mir andere Menschen in diesem Alter in meinem Umfeld betrachte, wirken diese auf mich sehr beschäftigt. Sie haben sich „etwas aufgebaut“ oder sind noch dabei es zu tun. Sie haben sich zu einem kleinen Teil von etwas größerem gemacht und agieren innerhalb ihres selbst geschaffenen Mikrokosmos, gut integriert in den übergeordneten Makrokosmos. Sie denken in einem großen zeitlichen Radius und streben keine signifikanten Veränderungen an. Sie arbeiten daran, mit Hilfe dessen was sie schon erreicht haben eine langfristige Stabilität und Gleichmäßigkeit zu erlangen beziehungsweise beizubehalten. Sie ziehen größere Veränderungen für sich selbst nur dann in Betracht, wenn äußere Umstände sie erforderlich machen – durch Krankheiten, Unfälle, Todesfälle, Insolvenzen oder Ähnliches. Doch sie treffen selbst für solche Umstände meist Vorsorge, um die eventuellen Auswirkungen so gering wie möglich zu halten. Ihr Hauptanliegen ist ganz klar die Stabilität.

Wenn ich mir das bewusst mache, erscheint es mir als hätte ich irgendwann den Anschluss verpasst. Ich erinnere mich noch vage an Zeiträume, in denen auch ich nach Stabilität trachtete, aber letztlich ist dieses Ziel immer wieder aus meinem Fokus gerutscht. Und beim Nachdenken über das Warum erscheint es mir als wären die Wege nie die richtigen gewesen. Noch viel mehr erscheint es mir als wäre ein Weg für mich stets wichtiger als ein Ziel. Während ich mich auf das Beschreiten des Weges konzentriere, entgleitet mir das Ziel schon wieder. Aber möchte ich überhaupt irgendwo ankommen? Oder kann ein Weg mich so sehr ausfüllen, dass ich auch ohne Ziel die Motivation behalte, ihn weiter zu gehen?

In den letzten Jahren habe ich einige Wege eingeschlagen und dann nicht weiter verfolgt. Ein jeweiliges Ziel war schnell wieder verschwunden oder gar nicht erst vorhanden. Und die Wege als solche füllten mich nicht in einem Maß aus, das sie motivierend machte. Was motiviert mich denn? Ganz allgemein betrachtet sind es Dinge, die ich selbst tun kann, ohne auf andere Dinge angewiesen zu sein. Demotivierend ist es für mich hingegen, auf etwas warten zu müssen. Daraus lässt sich folgern, dass ein für mich sinnvoller und nachhaltiger Weg weitgehend nur durch meine eigenen Aktionen funktionieren müsste – und nicht durch die anderer Menschen oder durch äußere Umstände.

Mir fällt gerade massiv auf, dass mein Lebensalltag in hohem Maß von anderen (Menschen und Institutionen) bestimmt wird. Möglichkeiten zur Selbstbestimmung scheine ich zur Zeit fast gar nicht auszuschöpfen. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich durch eine „freiberufliche“ Tätigkeit – meine Arbeitszeiten bestimmen dennoch andere. Die finanzielle Lücke und die teure gesetzliche Krankenversicherung füllt das Jobcenter aus – und droht mit Sanktionen, wenn ich mich nicht um andere Arbeitsplätze bemühe. Ein vor zweieinhalb Jahren begonnenes Studium kann ich nicht nach meinen Vorstellungen abschließen – weil die Universität starre Regeln beibehält, die damit nicht vereinbar sind. Meine Familie und mein Partner leben zwischen 70 und 300 Kilometern von meinem derzeitigen Wohn- und Arbeitsort entfernt – und sind aufgrund ihrer eigenen Umstände nicht in der Lage mich zu besuchen. Meine kleine Mietwohnung ist seit meinem Einzug vor 10 Monaten in noch fast dem gleichen chaotischen Zustand – weil die Hausverwaltung mir keinen Kellerraum zur Verfügung stellen kann und mir aufgrund einiger schon genannter Punkte bisher die Motivation gefehlt hat, die Wohnung dennoch wohnlich herzurichten.

Der letzte Absatz klingt auch für mich nach Klagen auf hohem Niveau, wenn ich ihn noch einmal durchlese. Er beschreibt jedoch meinen realen Status quo. Dass ich mit diesem unzufrieden bin und er für mich keinen Weg ebnet, den ich auf längere Sicht weiter gehen möchte, dürfte nach allem hier bereits Gesagten den meisten Lesern einleuchten. Mein Gefühl deutet mir an, dass es mühseliger wäre zu versuchen den Status quo zu „reparieren“ – allein aufgrund der zahlreichen „Baustellen“ – als einen kompletten und ernsthaften Neuanfang zu wagen und dabei die Maxime der weitestgehenden Selbstbestimmung im Blick zu behalten.

Mir ist bewusst, dass es ohne eine Erweiterung des Horizonts kaum möglich erscheint, einen solchen Weg erfolgreich zu beschreiten. Ich bin mir sicher, dass viele Leser meine Gedanken schon jetzt für unrealistisch halten. Und ich sage noch einmal: Horizont! Realistisch ist, dass jeder Mensch Dinge zum Leben benötigt – und einen Lebensunterhalt, um diese Dinge erhalten zu können. Konstruktiv ist es nun für mich, einen Weg zu finden, mit dem ich meinen Lebensunterhalt bestreiten und mich zugleich von allen externen Faktoren unabhängig machen kann, die zur Zeit noch meinen Lebensalltag (mit)bestimmen. Ich lasse mir von niemandem einreden, dass dies nicht möglich wäre! Zugegebenermaßen bietet unsere eingangs erwähnte Gesellschaft mir tatsächlich kaum entsprechende Chancen. Wer ein Teil von ihr sein will, wird gezwungen ihr etwas zu geben, macht sich dadurch aber zu einem hohem Grad von ihr abhängig und kann nicht frei und selbstbestimmt agieren.

Mir fällt ad hoc nur eine einzige Berufsgruppe in der mittel- und westeuropäischen Gesellschaft ein, die diesen Regeln relativ wenig unterworfen ist und dennoch – mit etwas Glück – fähig ist ihren Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften. Es handelt sich dabei um die freischaffenden Künstler, die keine Auftragsarbeiten machen. Wer es geschafft hat, sich „einen Namen zu machen“ und zuverlässige zahlende Abnehmer für die eigenen Werke zu haben, ohne Vorgaben von diesen Abnehmern zu erhalten, ist in der Lage relativ frei und selbstbestimmt den eigenen Lebensalltag zu gestalten. Ich stelle mir den Weg zu diesem Dasein allerdings mühselig vor. Zudem sind natürlich ein hohes Maß an Kreativität und Leidenschaft sowie gewisse Werkzeuge vonnöten, um überhaupt in der Lage zu sein künstlerische Werke zu erstellen.

Erst wenn ich mich gedanklich von meinem derzeitigen Lebensumfeld löse, fallen mir weitere „Berufe“ ein, über die sich selbstbestimmt ein Lebensunterhalt erwirtschaften lässt. Diese bewegen sich im Bereich der Agrarwirtschaft im kleinen Rahmen. Auch die Vorstellung der kompletten Selbstversorgung wabert hierbei als Extremform durch meinen Kopf. In unserer Gesellschaft scheint ein solcher Beruf aber nicht nach meinen Vorstellungen zu funktionieren. Agrarwirte sind in Europa und allgemein in Industrieländern nach meinem Wissen meist hochgradig abhängig, da sie ja praktisch ausschließlich Güter für andere erzeugen und diese Güter zudem staatlich reguliert sind. Selbst wer gar nicht den Anspruch hat, mit seinen Gütern im großen Stil zu handeln, muss sich wohl diesen Regularien unterwerfen und darf vieles nicht selbst bestimmen. Anders sieht es in Entwicklungsländern aus. Dort kann Landwirtschaft noch in kleinem Rahmen und unabhängig von staatlichen Institutionen funktionieren. Mir scheint, dass dort noch eine selbstbestimmte Existenz und ein Lebensunterhalt möglich sind, ohne zunächst viele Voraussetzungen schaffen zu müssen, wie es beim Künstler der Fall ist. Lediglich ein gewisses Maß an praktischem Wissen zum Anbau von Nutzpflanzen, zur Viehzucht oder Fischerei braucht man dazu – und natürlich die notwendigen Flächen.

Würde ich nun der Allgemeinheit mitteilen, dass ich plane Farmer in einem Entwicklungsland zu werden, wäre die harmloseste Reaktion wahrscheinlich ein großes ABER. Genauer gesagt Sätze, die etwa mit „Aber du brauchst doch…“ beginnen. Ja, ich brauche wie jeder Mensch gewisse Dinge zum Leben. Dabei handelt es sich grundsätzlich um Nahrung, einen Platz zum Schlafen, Kleidung, Licht und Wärme – und vielleicht ein kleines soziales Umfeld. Nicht lebensnotwendig sind in der Tat diverse Elektrogeräte sowie jegliche materiellen Güter oder „Accessoires“. Vermutlich halten so ziemlich alle Menschen in meinem momentanen Umfeld den Verzicht auf alles außer den absolut lebensnotwendigen Dingen für unmöglich – und sprechen auch mir die Fähigkeit oder Bereitschaft hierzu ab. Ich gebe zu, dass es mich große Überwindung kosten würde, langjährige Gewohnheiten aufzugeben. Doch es handelt sich dabei ja nicht um angeborene Bedürfnisse. Meine Umwelt und die Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin und mich heute bewege, haben diese Bedürfnisse überhaupt erst geweckt. Und ich bin fest überzeugt davon, mich von ihnen wieder distanzieren und schließlich auch lösen zu können. Gerade in einer Umgebung, in der gar nicht die Möglichkeit bestünde, viel mehr als die reinen menschlichen Grundbedürfnisse zu befriedigen, und damit auch keine Versuchung bestünde, sich mehr zu „gönnen“ als nötig.

Ich gehe so weit zu behaupten, dass selbst viele chronische Erkrankungen, unter denen Menschen aus „entwickelten“ Gesellschaften häufig leiden, durch die damit verbundene Lebensweise entstehen oder erst durch sie negative Auswirkungen haben. In meinem Fall ist es eine Refluxkrankheit, die sich nach Umstellung der Ernährung (zum Beispiel Trennkost und Verzicht auf hochgradig verarbeitete Lebensmittel) womöglich gar nicht mehr bemerkbar machen würde – ohne dass ich Medikamente einnehmen müsste. Meine Neigung zu Depressionen würde vielleicht zurück gehen, wenn der von außen kommende psychische Druck auf ein Minimum reduziert wäre. Meine Emetophobie würde mich nach Gewöhnung an eine naturverbundenere Lebensweise in einer nicht so „sterilen“ Umgebung sicherlich viel weniger belasten – ohne Durchführung einer weiteren Therapie. Und selbst das bei mir wahrscheinlich vorhandene, wenn auch noch nicht diagnostizierte, Asperger-Syndrom wäre in einem Alltag, der zum allergrößten Teil von mir selbst und nicht von anderen bestimmt wird, kaum relevant. Die Gesellschaft, in der ich mich gerade bewege, bietet mir zwar allerlei Mittel, die Auswirkungen all jener Erkrankungen zu reduzieren, jedoch zum Preis der Abhängigkeit von diesen Mitteln – und stets mit dem Ziel, mich wieder zu einem möglichst stabilen und produktiven Teil des Kollektivs zu machen. Genau das was – wie eingangs beschrieben – die meisten Menschen aus meinem derzeitigen Umfeld und meiner Altersgruppe anstreben. Ich aber nicht!

Hier schließt sich dann auch der Kreis meiner Gedanken. Mein Wunsch nach einem unabhängigen, maximal selbstbestimmten Leben ist präsent. Ich habe Ideen für mögliche Wege dorthin und keine Angst vor der Erweiterung meines Horizonts. Ich hoffe, bald aus dem Teufelskreis der Abhängigkeit auszubrechen und einen neuen Weg zu beschreiten. Einen Weg, der mich motiviert und zufrieden macht.

Mir ist schon klar dass die meisten jetzt erstmal lachen, weil sie denken dass man mit 30 Jahren noch keine Midlife-Crisis haben kann. Doch ich wüsste nicht wie man die Gesamtsituation, in der ich mich momentan befinde, besser betiteln könnte. Wenn man von der Dauer des produktiven Lebens ausgeht – das meiner Auffassung nach mit maximal 60 Jahren abgeschlossen ist – befinde ich mich eindeutig gerade in dessen Mitte. Und um ehrlich zu sein ist mir alles, was mir jenseits der 60 noch widerfahren könnte, aus der aktuellen Perspektive vollkommen gleichgültig.

Automatisch gerät man nach einer „Halbzeit“ ins Grübeln, überlegt sich was man während dieser Zeit erlebt und erreicht hat, macht sich bewusst was man noch erreichen möchte und ob bzw. wie dies überhaupt noch möglich ist. In meinem Fall gibt es eine ganze Reihe Faktoren, die ich in letzter Zeit hinterfragen musste und die mich letztlich in die Krise getrieben haben:

1. Beruf
2. Wohnort
3. Wohnung
4. Soziale Kontakte

1. Beruf

Der größte und wahrscheinlich entscheidende Knackpunkt ist meine Karriere. Hier habe ich beinahe zehn Jahre (sprich: ein Drittel meines bisherigen Lebens) dazu aufgewandt, mich in letzter Konsequenz in eine berufliche Sackgasse zu manövrieren. Meine Entscheidung, ein wirtschaftswissenschaftliches Studium zu beginnen, legte Ende 2001 bereits den Grundstein hierfür. Zu Beginn hätten mir theoretisch noch alle beruflichen Wege offen gestanden, doch im Lauf der Jahre wurde mein Fokus immer enger. Zunächst kristallisierte sich das Marketing als mein Lieblingsbereich heraus, was ich noch während der Studienzeit mit einem Praktikum und dem Thema meiner Bachelor-Thesis untermauerte. Meine Jobs trieben mich danach weiter ins Online- und Performance-Marketing. Meine Tätigkeiten wurden in den vergangenen Jahren so spezifisch, dass es immer schwieriger wurde anderen Menschen meinen Beruf zu erklären!

Mit der Zeit wurde mir immer mehr bewusst, dass mir die Tätigkeiten eines Online-Marketers nicht nur keinen Spaß bereiten sondern mich die dort angewandten Methoden und insbesondere der Fachjargon geradezu anwidern! In großen Teilen gilt dies für die komplette Welt des Marketings, der Werbung und der Mediaplanung. Ich finde mich dort einfach nicht wieder und habe eine Abneigung gegen viele Menschen, die sich im Job damit beschäftigen, insbesondere gegen diejenigen die es als ihre Berufung betrachten.

Das Fatale an der Sache ist, dass sich mein gesamtes Berufsleben nach dem Studium in diesen Bereichen abgespielt hat. Meine Bewerbungsunterlagen stempeln mich als Experten im Online-Marketing ab, also im Grunde als einen 1A-Fachidioten. Als Konsequenz hieraus werden mir von allen Seiten Arbeitsstellen im Online-Marketing angeboten, da ich ausschließlich hierfür nachweislich qualifiziert bin. Niemand fragt danach, ob ich überhaupt eine weitere Karriere in diesem Bereich verfolgen möchte. Hinzu kommt, dass man in solchen Jobs in der Regel nicht allzu schlecht verdient, wodurch natürlich erst recht niemand auf die Idee kommen würde mich in einen anderen Tätigkeitsbereich zu platzieren, da mein aktuelles Einkommen (sprich Arbeitslosengeld) „zu hoch“ ist.

Die Aufnahme eines neuen Jobs in einem anderen Bereich macht demnach erst wieder Sinn, wenn die jetzt noch verbleibenden 9 Monate, in denen ich Anspruch auf ALG habe, vorüber sind. Auf der beruflichen Ebene zeichnet sich also eine längerfristige Pause ab.

2. Wohnort

Bedingt durch mein Studium und meine Beziehungen bin ich in den letzten zehn Jahren extrem oft umgezogen. Das war nicht nur anstrengend sondern brachte auch typische Nachteile mit sich, wie z. B. einen ständig wechselnden und weit verstreuten Bekanntenkreis. Mein Ziel war (und bleibt) es deshalb, irgendwann mal an einem Ort anzukommen, der mir alles bieten kann was ich für ein erfülltes Leben brauche, und vor allem keinen Grund ihn allzu bald wieder zu verlassen!

Seit ich ins Ruhrgebiet gezogen bin, habe ich mich sehr an diese Region geklammert und wollte eigentlich bis auf weiteres nicht wieder dort weg. Einerseits um nicht schon wieder einen anstrengenden Umzug vor mir zu haben, andererseits weil es mir im Pott wirklich gut gefällt. Erst auf die harte Tour musste ich in den letzten Wochen feststellen, dass ich dort komplett auf mich allein gestellt bin und keinen Freundeskreis vor Ort besitze, auf den ich gerade in schwierigen Zeiten (z. B. während der Arbeitslosigkeit) zählen könnte. So bitter die Erkenntnis und die Konsequenzen sind – selbst der schönste Ort der Welt kann zur persönlichen Hölle werden, wenn man dort vereinsamt.

Diesen Teil der Krise versuche ich durch einen kurzfristigen Umzug nach Mainz zu bewältigen, wo ich zumindest meine Familie in der Nähe habe.

3. Wohnung

Meine aktuelle Wohnung befindet sich im Souterrain eines 3-Parteien-Hauses in einem relativ ruhigen Viertel am Stadtrand. Ich bin im März 2010 eingezogen, wohne dort also noch keine eineinhalb Jahre. Für eine Singlewohnung ist sie mit ca. 70 m² relativ groß, ist aber gut geschnitten und hat ein sehr geräumiges Wohnzimmer und eine voll ausgestattete Küche. So lange ich von Montag bis Freitag arbeiten ging, fühlte ich mich dort ausgesprochen wohl und war froh seinerzeit diesen vermeintlichen Glücksgriff schon beim ersten Versuch gelandet zu haben. Gerade jetzt im Sommer werde ich von vielen um die kühlen Temperaturen beneidet, die man im Souterrain genießen kann, selbst wenn draußen mehr als 30 Grad herrschen.

Doch kaum war ich in die Lage geraten, den Großteil meines Alltags in diesen Räumen verbringen zu müssen, entpuppten sie sich nach und nach als düsteres Kellerloch. Ich fühlte mich zunehmend von der Außenwelt abgeschnitten, da aus den Fenstern meiner Wohnung lediglich eine Mauer und eine Böschung zu sehen sind und man von dem Leben in der Nachbarschaft praktisch nichts mitbekommt. Diese Tatsache dürfte den größten Teil zu meinem momentan sehr depressiven Zustand beigetragen haben.

Gerade deshalb verfolge ich nun mit höchster Priorität den Auszug aus dieser Wohnung und bemühe mich um ein helles möbliertes Zimmer mit möglichst guter Aussicht.

4. Soziale Kontakte

Im Ruhrgebiet gelandet bin ich im Grunde durch meine letzte Beziehung, die vor gut einem halben Jahr zu Ende ging. So lange man sich in einer funktionierenden Partnerschaft befindet, ist der Anreiz den eigenen Bekanntenkreis zu vergrößern nicht allzu groß. Erst als ich mich wieder ins Singleleben zurück katapultiert fand, wurde mir so richtig bewusst, dass an dieser Stelle etwas fehlte. So lange ich noch arbeiten ging, hatte ich durch den Umgang mit den Kollegen ausreichend soziale Kontakte. Erst als auch das weg fiel, wurde die Lage kritisch.

Der Mensch ist nun mal grundsätzlich ein soziales Wesen, und die Interaktion mit anderen macht einen Großteil seines Lebens aus. Dass dies so ist wird selbst notorischen Einzelgängern bewusst, wenn sie plötzlich ganz auf sich allein gestellt sind. Und es ist keine gute Erfahrung, wie ich lernen durfte.

Es ist ja nun nicht so dass ich überhaupt keinen Bekanntenkreis hätte. Doch die Personen, die sich darin befinden, sind für mich an meinem Wohnort nicht auf eine Art und Weise verfügbar, die in Zeiten einer Krise nötig wäre. Ganz konkret: Seit Beginn meiner Arbeitslosigkeit hatte ich so gut wie keinen Besuch in meiner Wohnung. Der Kontakt zu meinen Bezugspersonen findet zum allergrößten Teil via Online-Chat statt, in wenigen Ausnahmen (vor allem mit der Familie) per Telefon.

Um nicht komplett den Kontakt zur Außenwelt zu verlieren, blieb mir in den letzten Wochen also nichts anderes als mich vor den Bildschirm zu heften, denn dort kann ich mit meinen Leuten kommunizieren.

Einige Male fuhr ich für bis zu eine Woche ins Rhein-Main-Gebiet, um mich dort bei Familie und Freunden aufhalten zu können. In diesen Zeiträumen ging es mir einigermaßen gut. Doch während der Phasen, die ich im Ruhrpott verbrachte, bestanden etliche Tage nur noch aus Herumsitzen auf der Couch und Starren auf den Laptop-Bildschirm. Ich bin dann in einer Art Bereitschaftsmodus, in dem ich nichts anderes mehr tue als möglichst schnell auf Chat-Nachrichten zu reagieren. Und mich zwischendurch mit diversen Spielen zu beschäftigen. Meine Interaktion mit anderen Personen spielte sich an vielen Tagen ausschließlich übers Internet ab.

Fazit

Die Kombination aus all diesen Faktoren hat mich in eine tiefe Lebenskrise befördert. Ohne Bekämpfung der Depression werde ich sie nicht überwinden können. Immerhin konnte ich in den letzten Tagen einen teils noch groben, teils schon detaillierten Plan für die nähere Zukunft erarbeiten. Andernfalls wäre ich auch nicht in der Lage gewesen diesen Text zu schreiben.

Der Plan ist zum Teil eine Flucht, zum Teil eine Reihe von Kompromissen. Er kann mir wahrscheinlich keine Lebenswünsche erfüllen aber meinem Leben zumindest wieder einen Sinn geben. Ob und wie weit er sich in die Tat umsetzen lässt, wird sich noch zeigen…

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Berlin vs Ruhrpott – das Metropolen-Dilemma

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Seit ich 1999 das erste mal Berlin besuchte, bin ich ein großer Fan dieser Metropole und seitdem etliche Male dort gewesen. Und was mich immer wieder in Erstaunen versetzt ist die Tatsache, dass jede Ankunft in Berlin in mir ein Hochgefühl weckt und ich mit der Stadt sofort wieder vertraut bin. Was auch immer mich mit Berlin verbindet – es erscheint mir beinahe magisch!

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Doch im letzten Jahr hat es mich ins Ruhrgebiet verschlagen… naja, im Grunde sogar schon vorher. Während meiner 2 Jahre in Düsseldorf verbrachte ich nach und nach einen größeren Teil meiner Freizeit im nahe gelegenen Ruhrpott als an meinem Wohnort. Und die Gegend faszinierte mich schon von Beginn an. Der Kontrast zwischen dem immer noch vorhandenen Image des düsteren Kohlenpotts und der tatsächlich seit langem existierenden sehr attraktiven urbanen Landschaft spricht mich sehr an. Die einzigartige Industriekultur, die die Gegend prägt, trifft meinen Geschmack total. Mit der herzlich-bescheidenen und doch unverhohlenen Art der Ruhris (die natürlich oft einen leicht asozialen Touch hat) komme ich gut klar. Im Grunde habe ich in den letzten Monaten sogar ein kleines Herz für Ruhrpott-Assis entwickelt. 😉

Natürlich hat auch Berlin seine speziellen Reize… Es ist eine typische Hauptstadt mit allen Vorzügen, die im Grunde für jeden Geschmack das Passende zu bieten hat. Auch wenn das Stadtgebiet extrem weitläufig und für den Neuling ziemlich unüberschaubar ist, hat jeder Kiez seinen speziellen Charakter, und es gibt im Grunde kein einzelnes Stadtzentrum, das ganz Berlin repräsentiert. Ich mag die Berliner sehr – soll heißen diejenigen, die dort aufgewachsen sind. Sie haben eine sehr direkte Art, die mir gut gefällt, und einen witzigen Dialekt. Im Gegensatz dazu ist mein Eindruck von den Zugezogenen kein besonders guter. Die meisten Wahl-Berliner sind mit bestimmten Zielen, Hoffnungen oder Illusionen dort hin gezogen, die sich nicht immer erfüllen ließen. Und ganz ehrlich: Diejenigen, die es geschafft haben ihre Ziele in der Hauptstadt zu verwirklichen, sind mir unsympathischer als diejenigen, die auf der Strecke geblieben sind. Denn sie verändern durch ihre „mitgebrachten“ Einstellungen und Verhaltensweisen das gesellschaftliche Bild der Stadt… meistens nicht auf positive Weise. Wer hingegen in Berlin auf keinen grünen Zweig gekommen ist, passt sich entweder an oder verschwindet wieder – und ist mir daher gleichgültig.

Nun stellt sich die Frage: Was ist mit den Wahl-Ruhris? Und gibt es sie überhaupt?? Auf viele dieser Art bin ich bisher nicht gestoßen! Im Gegenteil – man trifft zwar überall auf der Welt gebürtige Ruhrpottler, die ihre Heimat verlassen haben, aber findet kaum jemanden der freiwillig z. B. nach Duisburg, Witten, Herne oder Marl gezogen ist. Und ich weiß woran das liegt, denn ich gehöre zu der seltenen Spezies derjenigen, die es trotzdem getan haben! Aber bereut habe ich es bisher keine Sekunde lang. Auch als nicht gebürtiger Einwohner fühlt man sich im Pott sofort integriert, sofern man mit der Mentalität seiner Mitmenschen klar kommt. Und es gibt so viel zu sehen und zu erleben! Eigentlich ist das Ruhrgebiet ein großes Abenteuerland oder ein Fundus von Geheimtipps, denn viele seiner Sehenswürdigkeiten sind außerhalb seiner Grenzen (noch) gar nicht bekannt. Jeder in Westdeutschland kennt wohl das CentrO in Oberhausen, die Veltins-Arena auf Schalke und vielleicht die Zeche Zollverein in Essen. Aber was ist mit dem Landschaftspark Duisburg-Nord, dem Tetraeder in Bottrop, der Halde Hoheward bei Herten oder der Festung Hohensyburg zwischen Dortmund und Hagen? Durch diese und weitere Highlights steht das Ruhrgebiet bei mir sehr hoch im Kurs, und ich fühlte mich schon mehrfach in der Rolle eines Ruhr-Botschafters, wenn ich bei Familie und Bekannten versuchte, meine momentane Wahl-Heimat anzupreisen.

Nochmal zurück zu Berlin… Auch dort gibt es viele schöne Flecken, die in keinem Stadtführer vertreten sind und erstmal entdeckt werden müssen. Der durchschnittliche Berliner – egal ob gebürtig oder zugezogen – kennt sich in seiner Stadt nicht wirklich gut aus, so zumindest mein Eindruck. Innerhalb seines Kiezes fühlt er sich wohl, pendelt auch unter Umständen ans andere Ende der Stadt, um zur Arbeit zu gelangen, doch wird seine Freizeit nur selten dazu nutzen neue Plätze in Berlin zu entdecken, die er noch nicht kannte.
Ein gewaltiger Unterschied zum Ruhrgebiet, denn dessen Einwohner sind im Allgemeinen ziemlich unternehmungslustig, fahren zum Einkaufen oder Spazieren gerne mal in eine der benachbarten Städte und kennen sich meist gut aus in ihrer Gegend.

Was das Fehlen eines einzelnen Zentrums angeht, sind sich der Pott und die Hauptstadt wiederum ähnlich, wobei ersterer mit mehr Vielfalt und letztere mit einer einheitlicheren Organisation (z. B. bei öffentlichen Verkehrsmitteln) punkten kann. Bei der Zahl der Einwohner und der Fläche liegt das Ruhrgebiet als Ganzes natürlich eindeutig vorn, doch Berlin hat den Hauptstadt-Vorteil. Verkehrstechnisch gibt es bei beiden Ballungsgebieten gleich viel oder wenig zu meckern. Flughäfen sind vorhanden (naja, auch wenn der Düsseldorfer genau genommen nicht im Pott liegt und Schönefeld in Brandenburg), Autobahnen und Bahnstrecken ebenfalls en masse. In beide Regionen oder dort weg gelangt man also problemlos. Nur innerhalb beider Metropolen ist bedingt durch deren Größe insbesondere das Autofahren stressig und unter Umständen sehr zeitraubend. Für Familienbesuche ist das Ruhrgebiet in meinem Fall deutlich näher als Berlin, genau genommen nur etwa halb so weit. Doch wenn man davon ausgeht dass solche Besuche nicht alle paar Tage vorkommen, macht es keinen großen Unterschied ob nun 250 oder 500 Kilometer überwunden werden müssen.

Ich könnte jetzt noch eine ganze Menge weiterer Vergleiche anstellen und immer weiter ins Detail gehen, doch ein klareres Bild würde sich dadurch wohl nicht ergeben. Für mich würde eine Entscheidung zwischen Ruhrgebiet und Berlin ein Dilemma bedeuten. Oder geht aus dem, was ich geschrieben habe, eine klare Tendenz hervor? 😉

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Portemonnaie Reloaded

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Ja, es ist so eine Sache mit dem wichtigsten Objekt der Konsumgesellschaft… Ohne unsere Portemonnaies fühlen wir uns in der Tat unserer Identität beraubt. Ohne Ausweis, Führerschein, EC- und Kreditkarten sowie ggf. Bargeld können wir uns eigentlich nicht sicher außerhalb unserer eigenen vier Wände bewegen. Ohne Ausweis keine Identifizierung vor öffentlichen Organen, ohne Führerschein keine Fahrerlaubnis für KFZ, ohne EC-Karte kein Bargeld, ohne Bargeld oder Bezahlkarte keine Lebensmittel, ohne Lebensmittel kein Leben! Die Aufzählung ließe sich ergänzen um diverse Fahr-, Versicherungs-, Schlüssel- und sonstige Karten, die wir in der Regel im Portemonnaie mit uns führen. Wen erschreckt es nicht, wenn er sich bewusst wird dass seine Existenz an einem Gebrauchsgegenstand (oder in manchen Fällen Modeaccessoire) hängen kann? Irgendwie finde ich es tragisch wenn ein so banaler Gegenstand zweifellos über die Selbstsicherheit einer Person entscheidet.

Lange Rede, kurzer Sinn. Heute morgen erfolgte gewissermaßen der Ausgleich für den Vorfall, der mich vor Kurzem in letzter Konsequenz einen halben Urlaubstag kostete (siehe hier). Als ich mich gerade auf den Weg zur Arbeit machen wollte und wie gewohnt nach meinem Portemonnaie griff, musste ich kurz an meinem Geisteszustand zweifeln. Ganz bestimmt war kein Restalkohol in meinem Körper, der mich alles doppelt sehen ließ. Und leblose Gegenstände vermehren sich nicht von selbst… obwohl das im Fall von Bargeld nebenbei bemerkt eine nette Sache wäre. Jedenfalls lagen dort zwei schwarze Objekte aus Leder vor meinen Augen. Nur eines davon stellte sich als mein Portemonnaie heraus, das andere wurde mittlerweile hoffentlich von seinem Besitzer sichergestellt. Sonst wäre es für diesen mangels Identität sicherlich ein Scheiß-Tag geworden. 😉

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Heute musste ich per Bahn nach Osnabrück, um mein bei der Firma Reno „geliehenes“ Auto zurück zu geben. Genau genommen stand das Gefährt schon seit gestern Nachmittag dort, weil ich es nicht mehr selbst zurück zu seinem rechtmäßigen Halter fahren wollte und diese Aufgabe zum Glück abgeben konnte.

Ich nahm um 7:19 die Regionalbahn von Haltern am See nach Münster und von dort die Westfalenbahn nach Osnabrück. Das klappte sogar erstaunlicherweise alles wie am Schnürchen. Gerade die Regionalbahn scheint wohl an anderen Tagen chronisch verspätet zu sein, wie ich von anderen Fahrgästen vernehmen konnte.

Da ich Osnabrück relativ früh erreichte, stieg ich nicht in einen Bus sondern machte mich zu Fuß auf den Weg zu Reno. Die gut 4 km legte ich in etwa 50 Minuten zurück, und dank Google Maps war die Orientierung kein Problem.

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Die Rückgabe des Wagens verlief auch reibungslos, wobei ich mir aufgrund der Sachlage etwas seltsam vorkam und froh war dass sich das Prozedere nicht zu sehr in die Länge zog. Eine Botenfahrerin brachte mich zurück zum Hauptbahnhof und war beauftragt mir dort ein Zugticket nach Düsseldorf zu kaufen. Ich steuerte erst einmal zielstrebig einen Automaten an und suchte dort die nächstbeste Verbindung heraus (um 10:37 per IC für 37 Euro). Da die Fahrerin aber mit Bargeld zahlen wollte, kamen mir Zweifel ob der Automat in dem Fall eine Quittung ausgespuckt hätte, die nun mal für die Abrechnung nötig war. Also gingen wir sicherheitshalber ins Reisezentrum zum Schalter. Der Bahn-Mitarbeiter bot mir die gleiche Verbindung wie der Automat an, allerdings für 34 Euro. Auf meine Bemerkung hin, warum die Fahrkarte nun am Schalter billiger sei, meinte er das könne gar nicht sein. Nun gut, mir war es im Grunde egal, die Fahrerin bekam ihre Quittung, und wir gingen getrennter Wege.

Bis zur planmäßigen Abfahrt des Zugs war es noch eine Weile, doch ich ging schon mal zum Bahnsteig. Dort erschien der IC 2113 bereits auf dem Display… mit 40 Minuten Verspätung. Ich machte auf dem Absatz kehrt und ging wieder zurück in die Halle. Auf der großen Anzeigetafel wurden alle Züge als pünktlich gelistet, außer dem IC 2113 von Hamburg nach Stuttgart. Eigentlich wunderte mich das nicht, denn diese äußerst problemanfällige Zugverbindung ist mir noch von früher bekannt. Und besonders eilig nach Düsseldorf zu kommen hatte ich es auch nicht. Also marschierte ich noch ein bisschen durch die Osnabrücker Innenstadt. Die Fußgängerzone ist wirklich ganz hübsch und sauber. Sie scheint auch gerade kürzlich renoviert worden zu sein.
Auf dem Weg zurück zum Bahnhof checkte ich noch einmal online die aktuellen Abfahrtszeiten, und nun sollte meine Zug schon 50 Minuten verspätet sein. Auf der Tafel in der Bahnhofshalle waren es dann noch 45 Minuten. Ich nahm es ausnahmsweise mal gelassen und hegte insgeheim schon die Hoffnung auf eine Entschädigung von der Bahn aufgrund von mehr als 60 Minuten Verspätung. Der Zug rollte schließlich ein und fuhr ca. 50 Minuten verspätet ab. Es war nicht leicht einen freien Sitzplatz zu finden. In einem der hinteren, alten Waggons hatte ich dann aber „Glück“.

Anzeigetafel in Osnabrück Hbf

Ich wollte die Fahrtzeit mit Musikhören überbrücken, was angesichts eines ziemlich lauten Kindes im selben Großraumabteil noch einen anderen positiven Effekt gehabt hätte. Leider stellte sich heraus dass mein neues Android-Smartphone bei jedem Starten der Musik-App abstürzte und sich zum Teil erst nach einem harten Neustart (Akku raus) wieder reanimieren ließ. Juhuuu! Lethargisch in die Luft zu starren und unter der Geräuschkulisse des hyperaktiven Kindes Aggressionen anzustauen kam nicht in Frage. Als Alternative blieb mir das Verfassen eines neuen Blog-Eintrags auf dem Smartphone. Kurz vor Bochum war leider der Akku leer. Das kleine Mädchen wechselte sein Verhalten vorübergehend von nervig auf amüsant, als es anfing mit dem Handy seiner Mutter Telefonate zu simulieren. Leider hielt dieser Zustand nicht allzu lange an.

Der Zug erreichte Düsseldorf mit immerhin noch 45 Minuten Verspätung. Als Begründung wurde übrigens ein defekter Triebwagen am Startbahnhof Hamburg-Altona genannt. Der IC 2113 endete heute außerplanmäßig in Köln.

Auf der Arbeit angekommen konnte ich erstmal Pause machen, weil ich den halben Tag frei genommen hatte und daher erst um kurz nach 14 Uhr anfangen musste.

Der heutige Tag markiert das Ende einer kurzen Ära, die mich einiges an Geld und Nerven gekostet hat. Das Geld bekomme ich nicht zurück, meine Nerven werden sich hoffentlich erholen.

Ach ja, die Tradition lässt mich nicht los… Der nikoblog entwickelt sich so langsam doch wieder zu einem reinen Bahn-Blog.

Heute war es aber wirklich wieder ungewöhnlich – in mehreren Beziehungen. Einerseits bin ich an diesem Tag wesentlich mehr Bahn gefahren als im Durchschnitt, andererseits kam es dabei (wie könnte es anders sein) zu Vorkommnissen.

Eigentlich ist es bei dem frühlingshaften Wetter eine Schande mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu fahren, wenn man ein Fahrrad besitzt. Doch da meines derzeit vorübergehend außer Betrieb ist, blieb mir heute nichts anderes übrig. Ich wollte etwas früher als sonst auf der Arbeit sein und war extra deshalb zeitiger aufgestanden. Um 8:14 sollte eine S-Bahn zum Hauptbahnhof fahren, also begab ich mich rechtzeitig dafür zum Bahnhof. Dort stand bereits ein Zug der Linie S11 (die ich nehmen wollte) auf dem Gleis, also beeilte ich mich etwas. Als ich eingestiegen war, schlossen sich kurz darauf alle Türen und es ertönte eine Durchsage, dieser Zug würde erst um 8:34 abfahren. Da ich wusste, dass es vorher noch zwei weitere Fahrtmöglichkeiten geben würde, wollte ich wieder aussteigen. Jedoch ließ sich die Tür an der ich stand nicht öffnen… Und auch die nächste nicht. Die wenigen anderen Menschen im Zug schien das alles nicht sonderlich zu interessieren. Ich habe allerdings ein massives Problem damit, gegen meinen Willen eingesperrt zu sein. Also probierte ich nach einander alle anderen Türen, bis ich am anderen Ende des Wagens angekommen war. Doch dort befand sich kein Zugführer, zumal der Zug noch einen vorderen Teil besaß. Scheiß Situation. Doch mir fiel eine Sprechanlage neben einer der Türen auf. Nach kurzem Zögern drückte ich den Knopf, worauf ein ‚Warten‘-Lämpchen aufleuchtete… Und dann meldete sich tatsächlich die Stimme, die kurz zuvor die Durchsage gemacht hatte. Ich sagte das Folgende: ‚Hallo? Können Sie bitte hinten die Türen freigeben? Wir sind hier eingesperrt.‘ Die Antwort war ein leicht patziges ‚Kann ich machen.‘ Der Knopf an der Tür begann grün zu leuchten, und sie ließ sich öffnen. Wieder auf dem Bahnsteig ertönte prompt die Ansage, die S-Bahn um 8:24 habe 10 Minuten Verspätung. Was will man mehr… Zum Glück gab es noch die RegioBahn, die beinahe pünktlich war – also nur ca. 3 Minuten verspätet. Im Zug wurden Tageszeitungen und Schokohäschen verteilt, was meine Laune etwas verbesserte. Für den Anschluss am Hbf um 8:35 reichte es natürlich nicht mehr. Und da bekanntermaßen um 8:40 keine S-Bahn fährt, erreichte ich erst um ca. 8:50 das Firmengebäude. Somit hatte der Weg zur Arbeit rekordverdächtige 40 Minuten gedauert. Die gut 15 Minuten, die ich mit dem Fahrrad dafür benötige, sollte man sich an dieser Stelle wieder einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Nachmittags lief es etwas besser. Ich musste kurz nach Hause, um eine Paketlieferung anzunehmen. Als der Fahrer anrief, wollte er eine halbe Stunde später da sein. Mir kam diese Zeitvorgabe recht knapp vor, doch ich gelangte relativ schnell zum Hauptbahnhof und erwischte dort noch eine verspätete RegioBahn, was einiges an Zeit sparte. Auf dem Rückweg hatte ich ähnliches Glück, da gerade sämtliche S-Bahnen verspätet waren, und ich sie sonst verpasst hätte. Die ganze Aktion dauerte so inklusive Wartezeiten und Fußweg vom Hbf zurück zur Arbeit mit kurzem Besuch in einer Apotheke nur etwa eineinviertel Stunden.

Das große Fiasko kam erst Abends. Ich wollte die gewohnte Verbindung nach Betzdorf nutzen (diesmal ohne Zwischenstopp in Langenfeld oder Solingen). Am Hbf wurden für den Regionalexpress nach Aachen 10 Minuten Verspätung durchgesagt, was kurz darauf auf 15 Minuten korrigiert wurde – Begründung: ‚Personen im Gleis im Raum Essen‘. Allerdings fuhr zwischendurch ein Intercity nach Köln ein, der kurzerhand für Nahverkehrstickets freigegeben wurde. Also stieg ich dort ein und freute mich, am Kölner Hbf genug Zeit zum Umsteigen zu haben. Zu früh gefreut! Auf der neuralgischen Hohenzollernbrücke – also unmittelbar vor dem Bahnhof – blieb der IC für mehrere Minuten stehen, aufgrund ‚kreuzender Züge‘. Es wurde durchgesagt, dass trotzdem alle Anschlüsse erreicht würden. Das beruhigte mich etwas, da es nun eigentlich zu spät fur den meinen war. Das Aussteigen war etwas langwierig, doch ich beeilte mich so gut es ging zu dem anderen Bahnsteig zu gelangen. Dort war mein Anschlusszug auf der Tafel nicht mehr aufgeführt, und ich konnte ihn nur noch gerade eben um die Kurve verschwinden sehen. Mir wurde sofort heiß und kalt, und ich hätte mal wieder am liebsten den ganzen verdammten Bahnhof in die Luft gesprengt. Nach etwas sinnlosem Herumirren versuchte ich noch die S-Bahn nach Au/Sieg zu erreichen, doch auch die fuhr mir vor der Nase weg. Wäre in jenem Moment irgend ein Zug wieder nach Düsseldorf gefahren, hätte ich ihn wohl genutzt. Aber auch das war nicht der Fall. So verließ ich den Bahnhof, setzte ich mich auf eine Bank auf der Domplatte und schrieb mir meinen Frust von der Seele. Der nächste Regionalexpress nach Gießen (über Betzdorf) stand schon sehr früh am Bahnsteig bereit, fuhr aber ca. 5 Minuten zu spät ab – wie sollte es auch sonst sein…? Die restliche Fahrt war nur mit lauter Musik zu erstragen. Um 22:40 war ich schließlich in Betzdorf.

In diesem Sinne… Frohe Ostern!