ESC 2017

Quelle: eurovision.tv

Es ist ein alljährliches Ereignis, an dem sich die Geister scheiden – und das wahrscheinlich zu Recht. Der paneuropäische Musikwettbewerb der European Broadcasting Union (EBU), präsentiert unter der bekannten Marke EUROVISION, bietet im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts mehr Triebfedern zum Polarisieren denn je. Er mobilisiert auf der einen Seite Fans, die sich im Fußball-Jargon locker als Ultras kategorisieren ließen, die zu den Austragungsorten reisen oder auf ESC-Partys unter ihresgleichen die Fernsehübertragungen verfolgen und den Tag der Finalrunde als ihren höchsten Feiertag betrachten. Auf der anderen Seite ruft er in schon vertrautem Turnus und in großer Zahl Kritiker und Stänkerer auf den Plan, die ihn in die Trash-TV-Ecke zu verbannen suchen und seine Anhänger teils weit unter der Gürtellinie verbal attackieren. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es – wie auch in vielen anderen Bereichen – eine große Masse, die sich entweder als völlig gleichgültig positioniert („ESC? Das ist doch die Taste oben links“) oder mehr oder minder intensiv den Wettbewerb und seine flankierende mediale Berichterstattung verfolgt, ohne sich einem der extremen Lager anzuschließen.

Doch gerade diese Masse ist es nun einmal, die maßgeblich – seit 2016 neben nationalen Jurys immerhin noch zur Hälfte – über die Punktevergabe und damit über die Platzierungen der teilnehmenden Länder bzw. deren Kandidaten entscheidet. Und auch bereits in den Vorentscheiden ist es innerhalb der jeweiligen Nationen in den meisten Fällen die breite Masse der Fernsehzuschauer, die per Abstimmung festlegt, welche Kandidaten in den europäischen Wettbewerb entsandt werden. Hier setzen seit dem Entstehen des Grand Prix Eurovision de la Chanson (wie er seinerzeit noch genannt wurde) im Jahr 1956 Medienwissenschaftler, Meinungs- sowie Trendforscher an und versuchen, ein Bild des europäischen Musikgeschmacks und seiner Entwicklung zu zeichnen. Mit ihren Prognosen haben sie dennoch nicht selten daneben gelegen.

Zweifellos hat sich in sechs Jahrzehnten einiges verändert in Europa – gesellschaftlich, kulturell, sprachlich und nicht zuletzt politisch, was an einigen neu entstandenen (Splitter-)Staaten zu sehen ist. Dies spiegelt sich im Wettbewerb selbst und in seiner medialen Verwertung wider. Neben vielen kleineren, teils vorübergehenden Tendenzen lässt sich als „Megatrend“ im ESC eine zunehmende Konvergenz, ein Zusammenwachsen der Kulturen, Sprachen und Stilrichtungen der einzelnen Teilnehmerländer feststellen. Gerade das wurde von den Veranstaltern (den nationalen Sendeanstalten als Mitgliedern der EBU) in den letzten Jahren besonders in den Vordergrund gestellt. Der allgemeine Tenor ist, dass jedes Land zwar seine Besonderheiten mit Stolz bewahren und nach außen hin präsentieren, sich aber zugleich einem großen Ganzen – also Europa – zugehörig fühlen und dessen Werte übernehmen soll. Das Motto 2017 („Celebrate Diversity“, zu Deutsch: „Die Vielfalt feiern“) schienen die Medien schon gar nicht mehr wirklich mit Bezug auf die unterschiedlichen Teilnehmerländer aufzufassen, sondern bezogen es eher auf die Vielfalt, die unter allen Europäern herrscht, wenn man sie als ein Volk ohne Landesgrenzen betrachtet.

Dieser große Trend hat die Klänge, die im Rahmen des Wettbewerbs über die Jahre zu hören gewesen sind, maßgeblich geprägt. In gleichem Maße aber auch die optischen Darbietungen während der Auftritte. Zu einem gewissen Grad sind die Veränderungen auch dem Regelwerk der EBU geschuldet. Bis Ende der neunziger Jahre durften die Kandidaten nur in ihrer Landessprache singen. Seitdem hat sich Englisch als Universalsprache der populären Musik ganz selbstverständlich auch beim ESC etabliert und es sind nur noch einzelne Ausnahmen zu finden (in den letzten Jahren jedoch wieder verstärkt, mehr hierzu später noch). Live dürfen nur noch die gesungenen bzw. eventuell gerappten oder gesprochenen Liedtexte dargeboten werden, während die instrumentale Begleitung als Playback eingespielt wird und etwaige Instrumente im Rahmen der Auftritte nur als Requisiten dienen. Hierdurch ist der Fokus zwangsläufig stärker auf den Show-Aspekt der Darbietungen gerückt, der in vielen Fällen sogar mittlerweile überwiegt und so beispielsweise die musikalische und gesangliche Qualität als maßgebliches Bewertungskriterium verdrängt hat. Es lässt sich wiederum eher mit dem oben beschriebenen Zusammenwachsen begründen, dass insbesondere Länder im östlichen Teil des EBU-Gebiets – in den letzten Jahren vor allem die Länder an dessen südöstlichem Rand (Kaukasus) – überdeutliche Anpassungsbemühungen an westeuropäische Hör- und Sehgewohnheiten angestellt haben. Diese spiegeln sich nicht nur in der konsequenten Verwendung von Englisch, sondern auch in zum Teil übertrieben aufwändig inszenierten Performances mit riesigen Kulissen und Lichtinstallationen wider, mit denen die Schwelle zum Kitsch für das ästhetische Empfinden eines typischen Westeuropäers oft eher überschritten als adäquat bedient wird (was Kritikern als Wasser auf ihren Mühlen dient). Einigen zentraleuropäischen Ländern des ehemaligen Ostblocks lässt sich zu Gute halten, dass sie sich aus dieser Phase des Experimentierens und der Demonstration von Leistungsvermögen offensichtlich wieder heraus bewegt und komplett in die Vorgaben des europäischen Mainstreams eingegliedert haben.

Oh, da war es gerade, dieses böse Wort – Mainstream! Um diesen kommt man aber leider nicht herum, wenn man sich mit einem „europäischen“ Musikgeschmack und dessen Wandel befassen möchte, so sehr negativ belastet der Begriff Mainstream auch heutzutage sein mag. Er beschreibt in diesem Kontext schlichtweg das, was an der Spitze einer Verteilungskurve stehen bliebe, wenn man die persönlichen Vorlieben eines jeden (EBU-)Europäers erfassen, in Kategorien packen und deren jeweilige absolute Häufigkeit grafisch darstellen würde. Der Mainstream als „Durchschnittsgeschmack“ ist grundsätzlich allen oben genannten gesellschaftlichen, kulturellen sowie politischen Einflüssen und Veränderungen unterworfen. Als aktuelles und viel diskutiertes Beispiel sei hier nur die große Zahl der Zuwanderer aus nicht-europäischen Gebieten genannt. Aber es gibt noch einen weiteren, immer entscheidenderen Faktor für den Verlauf des Mainstreams, und das sind die Medien. Denn ihre Reichweite erstreckt sich nicht nur in so ziemlich jeden europäischen Haushalt, sondern auch in mittlerweile so ziemlich alle Lebensbereiche. Somit besitzen sie auch die Macht, den Geschmack ihrer Nutzer zu steuern. Für die Musikindustrie sind die Medien der wichtigste Verbreitungsweg, weshalb es eine enge Zusammenarbeit zwischen den beiden gibt und es dabei natürlich auch um sehr viel Geld geht. Hier werden die Medien ihrem Namen als „Vermittler“ auch im wirtschaftlichen Sinn gerecht, um zwischen einer Branche und Verbrauchern zu vermitteln – oder besser gesagt, um Unternehmen aus jener Branche Kunden zu vermitteln, mit deren Konsumverhalten sie dann wiederum Gewinne erzielen können. Dass die Musikindustrie den Großteil ihres Profits nicht mehr aus dem Verkauf von Tonträgern erzielt, ist mittlerweile ein alter Hut. Mit Hilfe der Medien hat sie es daher geschafft, den Mainstream in einen Bereich zu verschieben, mit dem sich in Zeiten von iTunes und Konsorten noch ein gutes Geschäft machen lässt. An dieser Stelle möchte ich einen Satz aus der kurzen Dankesrede des ESC-Gewinners von 2017, Salvador Sobral aus Portugal, zitieren: „I want to say that we live in a world of disposable music – fast food music without any content.“ („Ich möchte sagen, dass wir in einer Welt aus Wegwerf-Musik leben – Fast-Food-Musik ohne jeden Inhalt.“). Damit hat er sehr plastisch und verständlich beschrieben, wo sich der Mainstream – dank der Bemühungen der Musikindustrie und der Medien – lange Zeit befunden hat. Über unzählige Castingshow-Formate werden immer wieder neue „Superstars“ ins Rampenlicht gehievt. Von teils anonymen „Musikfabriken“, teils von bekannten alten Hasen des Musikgeschäfts (à la Dieter Bohlen und Ralph Siegel) werden praktisch wie am Fließband Songs produziert, in denen keine neuen Ideen mehr stecken und die – wie die Produzenten sogar bisweilen offen zugeben – nur ausgegrabene und aufgehübschte Fundstücke aus der Mottenkiste sind, genauer gesagt aus dem Sammelsurium, das sich auf den Festplatten in ihren Tonstudios befindet. Und ginge es nach der Meinung der Plattenbosse, sollte sich daran auch am besten so schnell nichts ändern.

Wenn da nicht die Menschen wären, die diese Wegwerf-Musik konsumieren sollen, und – so wie es ja im Grunde auch in allen anderen Bereichen der Fall ist – früher oder später die Schnauze voll von dem Einheitsbrei haben, den sie in Form von immer neuen Stars mit dem gleichen Grinsen und immer neuen Songs mit irgendwie doch immer dem gleichen Sound, den gleichen wiederkehrenden Schlagworten (Menschen, Leben, Tanzen, Welt), dem gleichen Aufbau und den gleichen Bildern in routiniert zusammen geschnittenen Videoclips serviert bekommen. Irgendwie hat es ja doch den Anschein, dass sich wieder etwas bewegt beim Mainstream-Publikum, wenn auch nur zaghaft. Aber gerade der ESC ist trotz all seines schmalztriefenden Weglächelns ein guter Indikator für diese kleinen Bewegungen – wenn man denn etwas genauer hinschaut und hinterfragt. Wie kommt es, dass in der 2017er Auflage des Wettbewerbs ein Beitrag sowohl von den Juroren als auch vom Großteil des Fernsehpublikums in so vielen beteiligten Ländern die meisten Stimmen erhalten hat, der sich in jeglicher Hinsicht vom (Mainstream-)Durchschnitt aller anderen Beiträge abhebt? Und wenn auch nicht so deutlich wie jetzt, hat es seit dem Aufkommen der Wegwerf-Musik und ihrer Etablierung als Mainstream doch immer wieder mal ESC-Sieger gegeben, deren Darbietungen einen Kontrast hierzu darstellten.

ESC 2017

Foto: Andres Putting
Quelle: eurovision.tv

Wer das Finale des Song Contests 2017 im Fernsehen (oder vor Ort in Kiew) verfolgt hat, wird sich vermutlich rein optisch kaum an den Auftritt des portugiesischen Sängers Salvador Sobral erinnern können – im Gegensatz zu den Beiträgen der anderen Länder. Denn so sehr er die Menschen offensichtlich beeindruckt und infolgedessen zur Stimmabgabe motiviert hat, so schlicht und reduziert aufs Allerwesentliche war er auch. Der Auftritt fand nicht wie sämtliche anderen auf der großen, mit allen technischen Raffinessen ausgestatteten Bühne statt, sondern auf einer kleinen, runden Plattform, die sich wie eine Insel inmitten des wogenden Publikums in der Veranstaltungshalle des International Exhibition Centre von Kiew befand. Auf dieser Plattform waren während der gesamten Darbietung lediglich der Sänger (beim wiederholten Auftritt nach seinem Sieg zusammen mit seiner Schwester Luísa, die das Lied für ihn geschrieben hat) und ein Mikrofonständer zu sehen. Sonst nichts. Keine Kulissen, keine Requisiten, keine Effekte. Auf der LED-Wand im Hintergrund wurde lediglich das Bild eines Waldes gezeigt. Das vorgetragene Lied ist in seiner schlichten Einfachheit ebenfalls kaum zu schlagen. Es ist ein ganz simples Liebeslied mit dem Titel „Amar Pelos Dois“ („Lieben für zwei“), das mit einer unaufdringlichen instrumentalen Begleitung aus Klavier und Streichern auskommt und auf portugiesisch – also der Landessprache des jungen Sängers – vorgetragen wird. Auf jenen Sänger ist man somit unweigerlich fokussiert, weil es in der Tat nichts gibt, was von seiner Stimme und seinen Bewegungen ablenken kann. Und vielleicht fragt man sich dann, warum man trotz des fehlenden großen Show-Rahmens so beeindruckt von dieser Darbietung gewesen ist. Und merkt dann vielleicht, dass man ein Liebeslied gehört hat, auch wenn die Worte in einer fremden Sprache gesungen wurden, dass die Gesten des schmächtigen Mannes auf jener kleinen Insel, sein Gesang und die Musik aber die Botschaft des Liedes transportiert haben. Und wenn man dann noch ein bisschen weiter denkt, wird vielleicht klar, was Musik bewirken kann, warum es sie ursprünglich gibt. Ist sie es nicht vielleicht, die Dinge übermitteln kann, die durch Worte nicht zu beschreiben sind? Macht es keinen Unterschied, ob ein Liebesgeständnis nur ausgesprochen oder aufgeschrieben wird – oder ob es gesungen und mit Musik untermalt wird?

Einen Song Contest zu veranstalten, dürfte ursprünglich wohl auf diese Eigenschaft gesungener Lieder abgezielt haben. Nur um diese ging es dabei und um ihre Fähigkeit, emotionale Botschaften zu übermitteln. Ganz ohne große Show, nur durch Gesang, Gesten und Musik. Eben das, was alter Schlager und Chansons vermochten, mit denen der damalige Grand Prix und heutige ESC seine Anfänge nahm, und was in zeitgenössischer Wegwerf-Musik abhanden gekommen ist.

Wie sich aber zum Glück zeigt, ist den von Massenmedien beeinflussten Europäern der Sinn für die Kraft, die ein einfaches Lied ganz allein entfalten kann, nicht ganz verloren gegangen. So einsam, wie Salvador Sobral in der Finalshow da zu stehen, zu singen und Liebesschmerz zu erleiden schien – Millionen Menschen, die sein Lied berührt hat, standen für drei Minuten mit ihm auf dieser kleinen Insel im Strom. Und vielleicht helfen sie ihm und vielen anderen Künstlern seines Schlages, das zu erreichen, was er im weiteren Verlauf seiner Dankesrede noch gesagt hat: „I think this could be a victory for music with people that make music that actually means something. Music is not fireworks, music is feeling – so let’s try to change this and bring music back, which is really what matters.” (“Ich glaube, das hier kann auch ein Sieg sein für die Musik, für Menschen, die Musik machen, die wirklich etwas bedeutet. Musik ist kein Feuerwerk, Musik ist Gefühl – also lasst uns versuchen, hier etwas zu verändern und die Musik zurück zu bringen, denn das ist es, worum es hier geht.“)

//