In meiner Wahlheimat im Westen Deutschlands ist momentan wieder die Saison der Schützenfeste. Sie wechselt sich ja beinahe unmittelbar mit der alljährlichen Karnevalssession ab. In meiner ursprünglichen Heimat – dem Westerwald – findet in den Sommermonaten praktisch ständig irgendwo eine Kirmes statt. An Karfreitag und -samstag waren in den Dörfern statt Kirchenglocken klappernde Kinder zu hören, um die Tageszeit zu verkünden. In jeder ländlichen Gegend Deutschlands findet sich regionales Brauchtum in vielfältigen Ausprägungen. In den Städten ist davon kaum noch etwas erhalten geblieben – mit Ausnahme des Karnevals. Warum?

Im Grunde liegt es auf der Hand. Städte haben sich im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung während der vergangenen Jahrhunderte als kommerzielle Zentren gebildet. Große Teile der Bevölkerung fanden in ihnen Arbeit und damit sinnvolle Aufgaben. In Städten ist aufgrund der dort vorhandenen individuellen Beschäftigungsangebote (beruflicher wie kultureller Art) der Bedarf nach Anschluss an Kollektive nicht so groß. Brauchtum funktioniert indes nur in Kollektiven.

Die soziale Evolution der Menschheit führt wie eben beschrieben zu einer Konzentration der Bevölkerung in Ballungsräumen. So lange diese Tendenz nicht wieder abflaut, ist sie als Fortschritt zu sehen. Es lässt sich parallel dazu in entwickelten Ländern bereits seit Längerem ein Trend unter Städtern ausmachen, einen „ruhigen und idyllischen“ Wohnort auf dem Land zu wählen, während sich der Arbeitsplatz weiterhin in einer nahe gelegenen Stadt befindet. Ich spreche hierbei von „unechter Landbevölkerung“. Bei solchen Lebensentwürfen ist – bedingt durch das Pendeln – das persönliche Zeitbudget jedoch in der Regel nicht ausreichend für die Ausübung von Brauchtum. Oder es werden in der Freizeit wie gewohnt die Angebote der Städte genutzt, in denen man ohnehin noch den größten Teil des Alltags verbringt. Erst als Rentenbezieher könnte man sich dann ohne Verzicht auf Lebensunterhalt ausgiebig dem Erhalt regionaler Traditionen widmen. Doch ich unterstelle, dass die meisten ehemaligen Stadtbewohner hieran kein großes Interesse haben.

Nicht zu leugnen bleibt das im Vergleich zu Ballungsräumen viel größere zeitliche Kontingent der „echten Landbevölkerung“. Und die daraus resultierende Folgerung, dass Brauchtum von dieser noch ausgeübt wird. Warum es getan wird, lässt sich also mit dem Zeitfaktor erklären. Aber was wird getan und für wen wird es getan? Natürlich gibt es unzählige Bräuche, die sich von Region zu Region unterscheiden. Jedoch scheinen sie alle etwas gemeinsam zu haben: die Förmlichkeit. Egal ob es sich um die Zubereitung spezieller Speisen handelt oder um öffentliche Veranstaltungen – wer die Ausübung von Brauchtum als Außenstehender verfolgt, wird stets die Einhaltung rigider Abläufe oder eines optischen Erscheinungsbilds beobachten. Trachten, Uniformen, rituelle Handlungen und symbolträchtige Objekte spielen eine prägende Rolle. Spontanität, Variation oder gar Improvisation sind in aller Regel nicht erwünscht. Ohne auf einzelne Bräuche eingehen zu wollen, halte ich fest, dass die strikte Einhaltung von Form und Regeln sie alle verbindet.

Bleibt noch die Frage nach dem Nutzen des Brauchtums bzw. an wen es sich richtet. Hier kann ich als Außenstehender allerdings nur Hypothesen aufstellen. Ich beobachte, dass es viele öffentliche Veranstaltungen sowie Medienberichte gibt, in denen versucht wird, der Gesamtbevölkerung regionale Bräuche zu präsentieren – zum Beispiel im Rahmen von Märkten, Volksfesten oder „Heimatfernsehen“. Diese Angebote werden durch Konsumenten angenommen und vermutlich als „nette Abwechslung“ bewertet. Ich glaube, dass aber gerade Städter die ländlichen Bräuche eher belächeln als sie ernst zu nehmen, sie als amüsant aber altbacken betrachten und sich selbst davon eher distanzieren, so wie sie es auch mit der echten Landbevölkerung tun, weil sie sich fortschrittlicher als diese fühlen. Auch wenn ich die Perspektive eines Verfechters von Brauchtum nicht einnehmen kann, glaube ich dass ein Großteil der Bräuche sich gar nicht an Außenstehende richtet sondern im Rahmen regional begrenzter Kollektive stattfindet und nur ausnahmsweise an die Öffentlichkeit tritt. Dies ist vermutlich auch so gewollt.

Abschließend noch eine persönliche Bewertung: Brauchtum ist ein Indiz für ein gesättigtes Volk. In Notlagen, in denen man sich auf wesentliche Dinge konzentrieren muss, hätte es keinen Platz. Wer die Muße hat, in Trachten gekleidet Rituale zu vollziehen, der hat banal gesagt nichts Besseres zu tun. Ich empfehle an dieser Stelle eine Rückbesinnung auf die Nächstenliebe. Denn es gäbe durchaus Besseres zu tun. Statt sich dem Brauchtum hinzugeben und damit das eigene Wohl zu zelebrieren, könnte in der gleichen Zeit die Not anderer Menschen gelindert werden.

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