Diagnose erhalten, aber wie geht es weiter?

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Vor ein paar Tagen habe ich einen fachärztlichen Bericht erhalten, in dem das Asperger-Syndrom bei mir diagnostiziert wird. Für alle, die damit noch nichts anfangen können: Es handelt sich dabei um eine Form des Autismus, die sich vor allem durch „merkwürdiges“ Verhalten gegenüber anderen Menschen bemerkbar macht. Dadurch werden zwischenmenschliche Beziehungen und Freundschaften sehr erschwert. Asperger-Autismus ist angeboren und nicht heilbar oder „wegtherapierbar“.

Auch wenn der Verdacht, dass ich von dieser Entwicklungsstörung betroffen bin, schon seit einigen Jahren bestand und immer wieder im Familien- und Bekanntenkreis geäußert wurde, bedeutet die offizielle Diagnose nun zweifellos einen wichtigen Schritt in meinem Leben. Welche Auswirkungen sie haben wird und wie sehr sie mein weiteres Leben verändern oder verbessern kann, ist für mich im Moment noch nicht einschätzbar.

Hier ein Auszug aus dem Arztbericht:

Er hat Schwierigkeiten, nonverbale Signale zur Kommunikation zu verwerten, hat große Schwierigkeiten, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzunehmen mit gemeinsamen Interessen, Aktivitäten und Gefühlen, hat einen deutlichen Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit, kann sein Verhalten nicht spontan modulieren entsprechend dem sozialen Kontext, hat einen deutlichen Mangel, spontan Freude an der Interaktion mit anderen zu teilen. […] Er ist kaum in der Lage, die Intention seines Gegenübers zu verstehen. […] Er ist sehr angewiesen auf gleiche Abläufe, hat ansonsten Probleme, sich erneut zu orientieren. […]

Die Störung bedeutet eine deutliche Einschränkung im sozialen und beruflichen Leben. Er ist auf eine reizarme Umgebung mit möglichst klar strukturierten Abläufen und eine eindeutige verbale Kommunikation angewiesen.

Was mir mit dieser Diagnose nun definitiv zusteht, ist ein Schwerbehindertenausweis – laut Aussage des Arztes sogar mit einem Grad der Behinderung von 50 Prozent. Darum werde ich mich in den nächsten Tagen kümmern. Außerdem gibt es Angebote von auf Autismus spezialisierten Beratungs- und Therapiezentren, die ich nun grundsätzlich nutzen darf. Auch ambulant betreutes Wohnen (sprich Alltags-Unterstützung im eigenen Wohnumfeld) und Hilfe bei der beruflichen Eingliederung dürfte ich in Anspruch nehmen.

Zu sehen, was nach der Diagnose plötzlich theoretisch alles möglich ist, hat mich positiv beeindruckt. Was davon sich tatsächlich in die Tat umsetzen lässt, wird sich noch zeigen. Für mich ist nun auf jeden Fall klar, dass ich in Bezug auf meine berufliche Planung ziemlich umdenken möchte. Natürlich würde ich mich nach wie vor gerne im Freiwilligendienst engagieren, sehe es aber als dringlicher an, mir zunächst einmal konstruktiven Rat zu holen und dadurch einen Überblick zu verschaffen, welche beruflichen Chancen ich als Aspie längerfristig überhaupt habe und welche Förderungsmöglichkeiten es gibt.

Allerdings sehe ich mich nun auch mit einem Dilemma konfrontiert. Zum einen befinden sich – so weit ich es ersehen kann – die Therapiezentren und Beratungsstellen, die mir nun theoretisch zur Verfügung stehen, in Städten. Mein Wunsch war und ist es aber weiterhin, mich beruflich und privat weitestgehend aus den Städten zurückzuziehen. Zum anderen stellt sich mir die Frage, an welchem Ort ich die entsprechenden Angebote künftig überhaupt nutzen soll. Diese sind – wie so vieles – an den Wohnort gebunden. Soll heißen: Sie richten sich logischerweise an Einwohner eines bestimmten Ortes und ggf. der direkten Umgebung und sind nur von ihnen nutzbar. Das Ziel der Beratung und Therapie soll schließlich die bessere Eingliederung an eben diesem Ort sein – auf beruflicher und sozialer Ebene und unter Einbeziehung der Mitmenschen, auf die es im Alltag ankommt.

Doch wo soll ich mich eingliedern? Wo will ich meinen Lebensunterhalt bestreiten und soziale Kontakte pflegen? Ein konkreter Ausgangspunkt würde mir bei dieser Entscheidung massiv helfen. An meinem derzeitigen Wohnort Essen sehe ich diesen Ausgangspunkt nicht. Ich hatte ihn vor ein paar Jahren als meine Wahlheimat auserkoren, weil ich das Ruhrgebiet und seine Menschen sympathisch fand. Aber er bietet mir leider keinen Familien- oder Freundeskreis in der unmittelbaren Umgebung, der mich auffangen kann. Er bietet mir zwar derzeit einen Job, in dem ich mich sicher und als der, der ich bin, akzeptiert fühle – aber nicht die Art von Job, die ich mir für mein weiteres Leben wünsche. Und zudem reicht mein momentan erzieltes Einkommen nur mit Ach und Krach für den Lebensunterhalt.

Eine berufliche und räumliche Veränderung erscheint mir weiterhin mittelfristig angemessen. Genau genommen bis Oktober, denn dann wird der Campingplatz schließen, auf dem mein Wohnwagen-Domizil momentan steht. Ich hoffe, dass sich bis dahin ein Ausgangspunkt in Form eines sicheren und für mich geeigneten Wohnorts gefunden hat, an dem ich mich eingliedern und die Weichen für mein weiteres Leben als Aspie stellen kann.

Wer braucht Brauchtum?

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In meiner Wahlheimat im Westen Deutschlands ist momentan wieder die Saison der Schützenfeste. Sie wechselt sich ja beinahe unmittelbar mit der alljährlichen Karnevalssession ab. In meiner ursprünglichen Heimat – dem Westerwald – findet in den Sommermonaten praktisch ständig irgendwo eine Kirmes statt. An Karfreitag und -samstag waren in den Dörfern statt Kirchenglocken klappernde Kinder zu hören, um die Tageszeit zu verkünden. In jeder ländlichen Gegend Deutschlands findet sich regionales Brauchtum in vielfältigen Ausprägungen. In den Städten ist davon kaum noch etwas erhalten geblieben – mit Ausnahme des Karnevals. Warum?

Im Grunde liegt es auf der Hand. Städte haben sich im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung während der vergangenen Jahrhunderte als kommerzielle Zentren gebildet. Große Teile der Bevölkerung fanden in ihnen Arbeit und damit sinnvolle Aufgaben. In Städten ist aufgrund der dort vorhandenen individuellen Beschäftigungsangebote (beruflicher wie kultureller Art) der Bedarf nach Anschluss an Kollektive nicht so groß. Brauchtum funktioniert indes nur in Kollektiven.

Die soziale Evolution der Menschheit führt wie eben beschrieben zu einer Konzentration der Bevölkerung in Ballungsräumen. So lange diese Tendenz nicht wieder abflaut, ist sie als Fortschritt zu sehen. Es lässt sich parallel dazu in entwickelten Ländern bereits seit Längerem ein Trend unter Städtern ausmachen, einen „ruhigen und idyllischen“ Wohnort auf dem Land zu wählen, während sich der Arbeitsplatz weiterhin in einer nahe gelegenen Stadt befindet. Ich spreche hierbei von „unechter Landbevölkerung“. Bei solchen Lebensentwürfen ist – bedingt durch das Pendeln – das persönliche Zeitbudget jedoch in der Regel nicht ausreichend für die Ausübung von Brauchtum. Oder es werden in der Freizeit wie gewohnt die Angebote der Städte genutzt, in denen man ohnehin noch den größten Teil des Alltags verbringt. Erst als Rentenbezieher könnte man sich dann ohne Verzicht auf Lebensunterhalt ausgiebig dem Erhalt regionaler Traditionen widmen. Doch ich unterstelle, dass die meisten ehemaligen Stadtbewohner hieran kein großes Interesse haben.

Nicht zu leugnen bleibt das im Vergleich zu Ballungsräumen viel größere zeitliche Kontingent der „echten Landbevölkerung“. Und die daraus resultierende Folgerung, dass Brauchtum von dieser noch ausgeübt wird. Warum es getan wird, lässt sich also mit dem Zeitfaktor erklären. Aber was wird getan und für wen wird es getan? Natürlich gibt es unzählige Bräuche, die sich von Region zu Region unterscheiden. Jedoch scheinen sie alle etwas gemeinsam zu haben: die Förmlichkeit. Egal ob es sich um die Zubereitung spezieller Speisen handelt oder um öffentliche Veranstaltungen – wer die Ausübung von Brauchtum als Außenstehender verfolgt, wird stets die Einhaltung rigider Abläufe oder eines optischen Erscheinungsbilds beobachten. Trachten, Uniformen, rituelle Handlungen und symbolträchtige Objekte spielen eine prägende Rolle. Spontanität, Variation oder gar Improvisation sind in aller Regel nicht erwünscht. Ohne auf einzelne Bräuche eingehen zu wollen, halte ich fest, dass die strikte Einhaltung von Form und Regeln sie alle verbindet.

Bleibt noch die Frage nach dem Nutzen des Brauchtums bzw. an wen es sich richtet. Hier kann ich als Außenstehender allerdings nur Hypothesen aufstellen. Ich beobachte, dass es viele öffentliche Veranstaltungen sowie Medienberichte gibt, in denen versucht wird, der Gesamtbevölkerung regionale Bräuche zu präsentieren – zum Beispiel im Rahmen von Märkten, Volksfesten oder „Heimatfernsehen“. Diese Angebote werden durch Konsumenten angenommen und vermutlich als „nette Abwechslung“ bewertet. Ich glaube, dass aber gerade Städter die ländlichen Bräuche eher belächeln als sie ernst zu nehmen, sie als amüsant aber altbacken betrachten und sich selbst davon eher distanzieren, so wie sie es auch mit der echten Landbevölkerung tun, weil sie sich fortschrittlicher als diese fühlen. Auch wenn ich die Perspektive eines Verfechters von Brauchtum nicht einnehmen kann, glaube ich dass ein Großteil der Bräuche sich gar nicht an Außenstehende richtet sondern im Rahmen regional begrenzter Kollektive stattfindet und nur ausnahmsweise an die Öffentlichkeit tritt. Dies ist vermutlich auch so gewollt.

Abschließend noch eine persönliche Bewertung: Brauchtum ist ein Indiz für ein gesättigtes Volk. In Notlagen, in denen man sich auf wesentliche Dinge konzentrieren muss, hätte es keinen Platz. Wer die Muße hat, in Trachten gekleidet Rituale zu vollziehen, der hat banal gesagt nichts Besseres zu tun. Ich empfehle an dieser Stelle eine Rückbesinnung auf die Nächstenliebe. Denn es gäbe durchaus Besseres zu tun. Statt sich dem Brauchtum hinzugeben und damit das eigene Wohl zu zelebrieren, könnte in der gleichen Zeit die Not anderer Menschen gelindert werden.