Ja ja ja, ich bin ein Mann, der auf Männer steht, nicht auf Frauen – aber ich bin nicht schwul. Klingt komisch, is aber so. Und warum es so ist, will ich euch jetzt erklären.

Eine erste wichtige Feststellung: Entgegen der allgemeinen Meinung bedeutet schwul zu sein weitaus mehr als ein Mann zu sein, der sich zu anderen Männern hingezogen fühlt. Dieses eine Kriterium erfülle ich zwar ganz eindeutig und würde es nie verleugnen. Doch seit mir dies in der frühen Jugend klar geworden war, fiel mir immer wieder auf, dass ich mich nicht mit all dem identifizieren konnte, was Schwule in unserer Welt verkörpern. Damit sind bei weitem nicht nur die bekannten Klischees gemeint, sondern viel mehr die Verhaltensmuster, mit denen man praktisch immer konfrontiert wird, wenn man mit schwulen Männern interagiert. Später mehr dazu.

Ich erlebte ein ziemlich typisches Coming Out bei meiner Familie, als ich Anfang zwanzig war. Vereinzelt outete ich mich in den Jahren danach auch bei Kollegen und Kommilitonen, machte aber nie den kompletten „Rundumschlag“ und falle auch heute noch nicht mit der Tür ins Haus, wenn ich neue Menschen kennenlerne. Mir war bislang nie so richtig klar gewesen, wo der Grund für diese Hemmungen lag.  Ich fragte mich oft, warum ich nicht zum Schwulsein stehen wollte, und hasste mich zeitweise selbst ein bisschen für meine Zurückhaltung. Gerade weil ich mich sonst für einen sehr offenen Menschen halte, der kein Blatt vor den Mund nimmt und keine Tabus kennt. Irgendwie passte das so gar nicht zu einander. Wenn ich mich zurück erinnere, fällt mir überraschend auf, dass ich mich nie mit den klassischen drei Worten „ich bin schwul“ geoutet habe. Es waren stets Sätze wie „ich stehe nicht auf Mädels“ oder „ich bin mit einem Mann zusammen“. Die Worte „ich bin schwul“ würden mir niemals über die Lippen gehen, weil sie für mich schlicht falsch klingen.

Tatsächlich wollte ich nie (und will auch heute nicht) mit all den schwulen Männern da draußen in einen Topf geworfen werden. Zwar habe ich mich mit Hilfe diverser Online-Communities gewissermaßen zu einem Teil dieses Kollektivs gemacht, stelle aber beim Kontakt mit anderen Mitgliedern immer wieder fest, dass ich in zahlreichen Punkten ganz anders denke und agiere als sie. Was allzu häufig dazu führt, dass aufgrund des An-einander-vorbei-redens und nachfolgender Frustration gar kein regelmäßiger Kontakt zustande kommt. Ein ausschlaggebender Faktor ist die hochgradig indirekte Übermittlung von Informationen, wie sie unter Schwulen typischerweise praktiziert wird. Für einen Menschen wie mich, der nur sehr schwer zwischen den Zeilen lesen kann, ist es hierbei nahezu unmöglich zu erkennen, welche Informationen der Wahrheit entsprechen und welche nicht. Ebenso schwierig stellt es sich für mich dar, zu entschlüsseln was jemand von mir möchte, wenn er es nicht in völlig eindeutigen Worten formuliert. Mir scheint, dass den allermeisten Schwulen dieses ständige Codieren und Decodieren von Informationen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Das mag historisch bedingt sein und noch aus Zeiten her rühren, als gleichgeschlechtliche sexuelle Interaktion und Beziehungen verboten waren und deshalb vorwiegend im Geheimen betrieben wurden. Heute sind in „aufgeklärten Gesellschaften“ Geheimhaltung – und damit Codes – für Homosexuelle nicht mehr vonnöten. Dennoch scheint sich diese Praxis hartnäckig zu halten. Und ich komme mit ihr überhaupt nicht klar!

Aber auch äußerlich und durch mein sichtbares Verhalten passe ich nicht in das Bild, welches Schwule im Allgemeinen vermitteln. Ich betreibe keine intensive Körperpflege, verfolge keinen „Dresscode“ oder passe meine Outfits den Anlässen an, trinke viel lieber Bier als Wein oder Sekt, habe keine stylishe Wohnung oder „Accessoires“, habe kein Problem mit körperlicher Arbeit und schmutzigen Händen, bin gerne in der Natur, höre gerne Indie-Musik und hasse alles was mit Helene Fischer zu tun hat. Die Liste ließe sich noch sehr viel weiter fortsetzen. Bei mir eine „typisch schwule“ Eigenschaft zu finden, dürfte echt schwierig sein. Ich schwöre, dass ich seit eh und je so bin wie gerade beschrieben und mir diese Eigenschaften nicht bewusst zugelegt habe, nur um mich von Klischees abzugrenzen. Wobei ich ganz klar sagen muss, dass ich letzteres mittlerweile tue. Viele der erwähnten Verhaltensweisen schwuler Mitmenschen gehen mir zuweilen tierisch auf die Nerven – was mich dann sogar zu Aussagen treibt, die man als homophob einstufen könnte. Mag paradox erscheinen, wenn ein Homosexueller das tut, aber in meinem Fall ist es tatsächlich so.

Ich hoffe, dass nun klarer geworden ist, warum meine Identität sich in der schwulen Welt nicht wiederfindet, und warum ich mich selbst – trotz meiner sexuellen Orientierung – nicht als schwul bezeichne.

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