Vor ein paar Monaten hatte ich die Entscheidung getroffen, den urbanen Räumen ein für alle mal den Rücken zu kehren und nach etwa zwanzig Jahren des Stadtlebens zurück aufs Land zu ziehen. Sozusagen als „Vorbereitung“ hierauf habe ich seitdem viel Zeit im Münsterland verbracht und die Umgebung wie auch die Menschen auf mich wirken lassen. Daraus habe ich eine Erkenntnis gewonnen, die mich überrascht hat und mich dazu zwingt, meine Entscheidung zu revidieren. Nein, einfach in der Stadt bleiben und alles so belassen wie es zurzeit ist möchte ich auch weiterhin nicht. Aber alles der Reihe nach…

In den ersten Tagen, die ich auf dem Land verbrachte, fühlte ich mich dort pudelwohl und hatte gar keine Lust, zurück in die Stadt zu fahren. Das viele Grün, die Weite, die Gelassenheit und die Menschen, die mir dort begegneten (und bei denen ich aufgenommen wurde) übten einen starken Reiz auf mich aus. Die Anziehungskraft wurde nach kurzer Zeit so stark, dass ich mir vorstellen konnte in diese Gegend zu ziehen – und mich gedanklich schon darauf vorbereitete. Ich wurde Zeuge einiger ländlicher Bräuche, die mir nur zum Teil bekannt waren (wie das Osterfeuer) und fand diese eher charmant als befremdlich. Es machte mir Freude, sie zu beobachten oder daran teilzunehmen.

Ich habe außerdem einige neue Einblicke in den Alltag der „Landeier“ bekommen können und kann diese nun mit den schon vorhandenen Erfahrungen aus meiner Kindheit und aus einer vergangenen Beziehung vor ein paar Jahren vergleichen. Bislang war ich davon ausgegangen, dass ein dauerhafter Ortswechsel in eine ländliche Gegend und die damit einher gehende Integration in die dortigen sozialen Strukturen für mich kein Problem darstellen dürfte. Mittlerweile dämmert mir allerdings, dass es das sehr wohl tun würde! Der Grund dafür liegt in meiner persönlichen Lebensgeschichte.

Wie schon zuvor in diesem Blog beschrieben, habe ich die ersten 14 Jahre meines Lebens in einem kleinen Dorf in einer sehr ländlichen Gegend verbracht und bin daraufhin mit meiner Familie in eine Kleinstadt gezogen, was für mich zu einer Abwendung vom „ländlichen Lebensstil“ führte. Ich sehe im Grunde bei allen Menschen aus meinem Bekanntenkreis, die den kompletten Zeitraum von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter auf dem Land verbracht haben, eine Gemeinsamkeit: Und zwar, dass die Phase des Übergangs von der Kindheit und Jugend zum Erwachsensein für sie alle eine prägende Rolle bei ihrer heutigen persönlichen Bindung an den ländlichen Raum spielt. Viele andere haben sich – ähnlich wie ich – noch während dieser Phase dem „urbanen Lebensstil“ zugewandt und sind bis heute in diesem verblieben.

Ich stelle auf der Grundlage meiner eigenen Erfahrungen die These auf, dass sich für jeden Menschen, der die Übergangsphase ins Erwachsensein nicht auf dem Land erlebt hat, im Rest seines Lebens eine (Re-)Integration in die dort vorhandenen sozialen Strukturen sehr schwierig gestalten wird. Die Gründe hierfür liegen in dem besonders im ländlichen Raum sehr hohen Stellenwert kollektiver Einheiten – in Form von Vereinen und Clubs, Interessensvereinigungen oder Cliquen. Im Gegensatz zu Städten, in denen ein Individuum durchaus auch ohne das Eintreten in solche Kollektive in die örtlichen sozialen Strukturen integriert sein kann, ist dies auf dem Land äußerst unüblich, wenn nicht gar unmöglich. Und – so weit ich es aus Gesprächen mit „Landeiern“ beurteilen kann – findet der Prozess der Eingliederung in die Kollektive in der Zeit zwischen Kindheit und jungem Erwachsenenalter statt. Vor allem scheint es hierbei auch zu einer gewissen Festigung der gewählten Zugehörigkeiten zu kommen, zumal diese forthin lange bestehen bleiben und später meist keine neuen mehr hinzu kommen.

Wer die gerade beschriebene Phase nicht im ländlichen Raum durchläuft, verliert dort im wahrsten Sinne den Anschluss – und zwar nachhaltig. Denn es sind in erster Linie die gemeinsamen Erfahrungen in einer Gruppe, welche Menschen während des Erwachsenwerdens machen konnten, die ihnen auch später in den verschiedenen Kollektiven noch ein Gefühl des Zusammenhalts geben. Und es sind auch diese Erfahrungen, die Menschen dazu bewegen, ihrer ländlichen Heimat treu zu bleiben oder wieder in sie zurückzukehren, sollten sie sie doch einmal verlassen haben.

Mir fehlt in meiner Lebensgeschichte durch das Fortziehen aus meiner ursprünglichen Heimat im frühen Jugendalter diese signifikante Phase der Festigung und Eingliederung in die sozialen Strukturen des ländlichen Raums. Mit 14 Jahren war bei mir noch nicht der Punkt erreicht, an dem nachhaltige Erfahrungen im Kollektiv möglich gewesen wären. Und die nachfolgenden Jahre, bis ich Anfang 20 war, lebte ich ziemlich konsequent an diesen Kollektiven „vorbei“. Viele meiner Mitschüler wohnten in den umliegenden Dörfern der Kleinstadt, in die ich mit meiner Familie gezogen war. Ich hatte schon während dieser Zeit immer das diffuse Gefühl, irgend etwas zu verpassen. Ich lauschte vielen Gesprächen auf dem Schulhof, in denen von gemeinsamen Freizeit-Erlebnissen die Rede war. Mit den typischen Klischees à la Kegelverein bin ich dort nicht bewusst in Berührung gekommen, durchaus aber mit Cliquen, die sich offenbar regelmäßig für gemeinschaftliche Aktivitäten trafen. Aber weder mir selbst noch anderen gelang es, mich in irgend eine dieser Gruppen zu integrieren. Aus heutiger Sicht glaube ich, dass ich mich zu jener Zeit bereits stark mit dem urbanen „Lifestyle“ identifizierte, in dem Kollektive keine so große Rolle spielen, und mich von diesen deshalb bewusst oder unbewusst distanzierte. Zwar war ich des öfteren neugierig, was meine Mitschüler abends und an den Wochenenden so trieben, und bin mir sogar sicher, dass ich die eine oder andere Einladung zum „Schoppe beim Kuba“ [Insider] erhalten hatte, aber dennoch kam es nie dazu, dass ich mal an einem dieser „Events“ teilnahm. Einzig im Rahmen der Abitur-Feierlichkeiten, bei denen ich zumindest teilweise mitmischte, bekam ich einen vagen Eindruck davon, was ich in den Jahren zuvor verpasst hatte. Dieser Zeitpunkt markierte natürlich auch die Auflösung vieler Cliquen – und für viele ehemalige Mitschüler das Fortziehen in diverse Städte. Nur wenige von ihnen sind in ihren Heimatdörfern verblieben.

Zwei Konsequenzen, die wahrscheinlich maßgeblich mein Leben bestimmen, hatte der Umzug meiner Familie vom Land in die Kleinstadt im Jahr 1995:

  1. Ich habe den persönlichen Bezug zu der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, verloren. Zu einer „Festigung“ durch prägende Erlebnisse ist es bei mir nie gekommen. Eine Rückkehr in diese Gegend ist für mich undenkbar. Auch wenn die Orte mir noch irgendwie vertraut sind, sind mir die Menschen (mit Ausnahme meiner Verwandten, die dort noch wohnen) völlig fremd.
  2. Einen Bezug zum „Landleben“ als solches konnte ich nie wirklich gewinnen, weil ich die hierzu notwendige Phase in meinem Leben nie durchlaufen habe. Nachholen lässt sie sich nicht mehr, weil ich seit vielen Jahren erwachsen bin.

Diese Erkenntnisse sind mir in einem merkwürdigen Zusammenhang gekommen, nämlich als mir vor ein paar Tagen bewusst wurde, dass meine Lebensweise in vielen Aspekten eklatant von auf dem Land üblichen Gepflogenheiten abweicht. Das wahrscheinlich eingängigste Beispiel hierfür ist meine Art und Weise, von A nach B zu gelangen. Im konkreten Fall ging es darum, dass ich mit dem Auto vom Bahnhof abgeholt werden sollte, weil dieser etwa viereinhalb Kilometer von meinem Zielort entfernt liegt – was ja ein typischer Zustand in ländlichen Regionen ist. Nun hatte ich mich aber spontan entschieden, die Strecke zu Fuß zurückzulegen, was für mich einen dreiviertelstündigen Spaziergang bedeutete. Während ich an der Straße entlang marschierte, fühlte ich mich plötzlich als völliger Außenseiter. Denn praktisch niemand der dort wohnt, käme wohl auf die Idee, eine solche Distanz zu Fuß zu gehen, wenn er die Möglichkeit hat, mit dem Auto zu fahren oder gefahren zu werden. Das Klischee, dass man auf dem Dorf sogar den Weg zum Briefkasten oder Zigarettenautomat auf vier Rädern zurücklegt, entspricht weitestgehend der Realität, was viele meiner Beobachtungen bestätigen. Mir fällt aus meinem Bekanntenkreis auch auf Anhieb niemand ein, der auf dem Land lebt und kein Auto zur Verfügung hat! Wenn ich dort also ohne Auto aufkreuze und zudem noch auf die Idee komme, Besorgungen zu Fuß zu erledigen, werde ich erst einmal beäugt als wäre ich ein Alien. Und in etwa so fühle ich mich auch bei allen meinen Besuchen auf dem Land.

Städte haben in den vergangenen zwanzig Jahren unverkennbar meinen Lebensstil und meine persönlichen Prinzipien geprägt. Es gehören auch Prinzipien dazu, die ich vehement verteidige und schon als Teil meines Charakters definiere. Das Thema Mobilität ist hier das prominenteste Beispiel. Deshalb wehre ich mich dagegen, diese Prinzipien aufzugeben – aus Angst mich selbst damit aufzugeben. Das Dilemma, mit dem ich mich nun konfrontiert sehe, liegt somit auf der Hand:

  • Belasse ich meinen Lebensmittelpunkt in der Stadt, werde ich (wie zuvor hier im Blog dargestellt) ein Getriebener bleiben, der mit seiner Umgebung überlastet ist und nie zur Ruhe kommt.
  • Versuche ich meinen Lebensmittelpunkt aufs Land zu verlagern, sehe ich mich gezwungen, mich charakterlich stark zu verändern und womöglich einen Teil meiner selbst aufzugeben. Wohl wissend, dass mir eine komplette Integration in die sozialen Strukturen des ländlichen Raums in diesem Leben ohnehin nicht mehr möglich sein wird.

Zu einem Fazit oder einer Lösung für das Dilemma kann ich zum momentanen Zeitpunkt nicht kommen. Ich habe aber immerhin die Hoffnung, dass noch weitere Erkenntnisse und vielleicht Ideen bzw. Impulse von Mitmenschen kommen werden, die mir helfen mein Leben weiter zu organisieren und bestenfalls einen Ort zu finden, an dem ich mich heimisch fühlen und zur Ruhe kommen kann.

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