Mich hat in den letzten Tagen ein Umdenken befallen, das immer tiefer greifende Auswirkungen hat. Es betrifft auch grundsätzliche Aspekte meines Daseins. Einer davon ist das Paradigma des Wohnorts – und damit einher gehend das berüchtigte Spannungsfeld zwischen dem Stadtleben und dem Landleben. Beim genaueren Betrachten verschiedener persönlicher Bedürfnisse unter der Fragestellung, wie und wann sie entstanden sind, bin ich beim Thema Wohnen angelangt. Im Grunde hat es sich dank etlicher Umzüge in den letzten Jahren zu einem Reizthema für mich entwickelt. Ich verbinde es beim Gedanken daran sofort mit Stress und Ärger. Warum nur?

Die ersten 14 Jahre meines Lebens verbrachte ich in der sehr ländlichen Region des Unterwesterwalds, die aus vielen kleinen Dörfern und wenigen kleinen Städten besteht. Dazwischen gibt es Wälder, Felder, Hügel, Bäche, Teiche, Steinbrüche und Tongruben. Die Erinnerungen an meine Kindheit und frühe Jugend sind von solchen Bildern geprägt, und wenn ich heute für Besuche in diese Gegend zurückkehre, werde ich immer ein klein wenig wehmütig. Denn heute sieht es dort vielerorts anders aus als damals, und mir bleiben somit schließlich nur meine Erinnerungen.

Mitte der 90er zog ich mit meiner Familie in eine andere ländliche Region um – nach Rheinhessen, wo es ganz anders aussieht. Hügel gibt es dort zwar auch in großer Zahl, aber sie sind größtenteils nicht bewaldet, sondern nur mit Gras oder niedrigem Gebüsch bewachsen. Weinreben in Reih und Glied sowie Getreidefelder komplettieren das Bild, das meine Jugend prägte und sich ebenfalls stark in meine Erinnerung eingebrannt hat. Die ersten beiden Jahre nach dem Umzug wohnten wir auf einem Aussiedlerhof inmitten der Weinberge. Beim Gedanken an diese Zeit beschleicht mich auch wieder etwas Wehmut, weil ich sie mit viel Ruhe, jugendlicher Naivität und Schwärmerei, aber auch mit Abenteuerlust verbinde. Wir zogen dann ein paar Kilometer weiter in die Kreisstadt Alzey, und dort veränderte sich meine Sichtweise.

Die Annehmlichkeiten des Wohnens in der Stadt entfalteten schnell ihre Wirkung auf mich. Es war plötzlich möglich, ohne auf ein Auto angewiesen zu sein schnell zur Schule, zum Bahnhof oder zum Supermarkt zu gelangen. Ich machte nach wie vor meine teils sehr ausgedehnten Spaziergänge und Fahrradtouren durch die umliegende Landschaft, genoss aber zugleich die Vorzüge der zentralen Wohnlage. Niemand musste mich mehr zur Schule fahren oder dort abholen. Mit dem Zug konnte ich ohne allzu viel zeitlichen Aufwand die größeren Städte Mainz und Worms oder die Metropole Frankfurt am Main erreichen. Letztere beeindruckte mich seinerzeit ganz enorm – vor allem natürlich aufgrund der vielen Hochhäuser mit extravaganter Architektur – und hat als erste „echte“ Großstadt, die ich in meinem Leben wahrgenommen habe, für mich bis heute diesen Stellenwert behalten.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich war auf den Geschmack gekommen. Großstädte – und insbesondere solche ab einer halben Million Einwohner – übten seitdem einen großen Reiz auf mich aus. Und für mich war die Entscheidung klar: Wieder zurück aufs Land zu ziehen war bis auf Weiteres keine Option! Ich begann mein Studium in Karlsruhe, einem wie ich nach wie vor finde sehr charmanten und für seine Einwohnerzahl ziemlich ruhigen Ort, und pendelte an den meisten Wochenenden zurück nach Alzey. Den bewusst gewählten regelmäßigen Ortswechsel zwischen Groß- und Kleinstadt fand ich zu jener Zeit total angenehm. Auch die häufigen Bahnfahrten habe ich im Vergleich zu meinen aktuellen Erfahrungen als nicht allzu stressig in Erinnerung.

Es folgte eine durch die Fortsetzung meines internationalen Studiums bedingte Zeit des Städte-Hoppings: Vancouver, Köln, Aix-en-Provence, Warschau und Jacksonville (Florida) bildeten für jeweils ein paar Monate meine Lebensmittelpunkte. Aufgrund einer Beziehung hielt ich mich zu jener Zeit aber zwischendurch oft im (Ober)Westerwald auf und gewann dadurch einen gewissen Bezug zu meiner alten Heimat zurück. Nach einem fünfmonatigen Praktikum in Hamburg – das als bisher einzige Millionenstadt einmal mein offizieller Erstwohnsitz war – zog ich tatsächlich nochmal für ein halbes Jahr nach Montabaur, wo ich von der fünften bis zur achten Klasse zur Schule gegangen war. Doch vom Landleben bekam ich in dieser Zeit nicht so viel mit, weil ich an allen Arbeitstagen 130 Kilometer nach Düsseldorf und zurück pendelte und praktisch nur zum Schlafen nach Hause kam. Auch an den Wochenenden war ich oft in verschiedenen Städten unterwegs. Bis ich schließlich das sehr nervenaufreibende Pendeln aufgab und nach Düsseldorf zog.

Dort entdeckte ich, dass mir die Wohnlage am Stadtrand sehr gut gefiel. Die Kombination aus der Nähe zur Natur und guter Anbindung ans Stadtzentrum erschien mir ausgesprochen attraktiv. Ich konnte mit dem Fahrrad innerhalb einer Viertelstunde zur Arbeit gelangen, machte in meiner Freizeit viele Radtouren durch das angrenzende Bergische Land… und entdeckte das mir bis dahin völlig unbekannte nahe gelegene Ruhrgebiet.

Nicht nur die Zahl der mehr als 5 Millionen Einwohner des größten deutschen Ballungsgebiets übte eine Faszination auf mich aus, sondern auch die Diskrepanz zwischen dem noch vorhandenen Klischee des Kohlereviers und der tatsächlich vorhandenen grünen Landschaften in und um die vielen Städte. Hinzu kam die Art der Menschen, die man im „Pott“ antrifft und die mir von Beginn an sympathisch waren. Dank eines Jobwechsels siedelte ich zwei Jahre später in die „Metropole Ruhr“ über – zunächst an ihren nördlichen Rand nach Recklinghausen und 2012 dann (nach einer sechsmonatigen Verschnaufpause in Mainz) nach Essen, wo ich auch zur Zeit noch weile. Allerdings in der mittlerweile schon dritten Wohnung…

Wie geht es nun weiter? Zumindest innerhalb Deutschlands bin ich in der einwohnerstärksten Metropolregion angekommen. Und ich verspüre kein Verlangen, mich in dieser Hinsicht weiter zu steigern. Eher im Gegenteil – mir scheint, eine Rückbesinnung auf meine grundlegenden Bedürfnisse ist angebracht. Was mich bei allen Besuchen auf dem Land jedoch immer nach kurzer Zeit stört, ist die „tote Hose“, die dort herrscht. Aus dem anfänglichen Genuss der Ruhe wird sehr schnell Langeweile. Warum passiert das?

Ich bin überzeugt davon, dass mich das Leben in Großstädten stark beeinflusst hat. Ihre Annehmlichkeiten aber auch ihre Unruhe sind für mich zu Gewohnheiten geworden. Da ich wie schon erläutert in einer sehr ländlichen Region geboren und aufgewachsen bin, sind diese Gewohnheiten bei mir erst im Jugend- bzw. Erwachsenenalter entstanden. Und sie haben sich so stark manifestiert, dass aus ihnen Ansprüche erwachsen sind. In den letzten Jahren war mir offenbar noch nicht einmal mehr bewusst, dass ich nicht immer schon solche Ansprüche hatte. Genauso wenig, dass meine immer stärker gewordene innere Unruhe, Ungeduld, Unzufriedenheit womöglich auf der Nichterfüllung dieser Ansprüche gründet.

Großstädte bieten viele Möglichkeiten, und das jederzeit. Kultur, Konsum, Bildung, Sport, Vergnügen – für all das ist eine große Auswahl von Stätten in unmittelbarer Nähe vorhanden. Und es ist und bleibt offenbar das Standardproblem der „zugezogenen Landeier“, sich mit diesem Überangebot auseinandersetzen zu müssen. Einheimische, die hier aufgewachsen sind oder schon viele Jahre hier leben, haben in der Regel ihre Stammplätze gefunden, mit denen sie sich zufrieden geben. Den ganzen Rest des Angebots ignorieren sie die meiste Zeit. Ich sehe mich jedoch nach wie vor mit immer wieder neuen Möglichkeiten konfrontiert, die ich in der mir selbst zugestandenen Zeit gar nicht alle ausschöpfen kann. Mit der Zahl der Möglichkeiten steigen noch immer die Ansprüche, und mit jeder Nichterfüllung derselben steigt die Unzufriedenheit. Bäm – das ist doch mal eine Erkenntnis!

Aus diesem Teufelskreis will ich so bald wie möglich ausbrechen. Und zwar konsequent und radikal. Wenn ich ehrlich bin, nutze ich im normalen Alltag de facto nur einen verschwindend kleinen Teil der mir theoretisch zugänglichen „urbanen“ Angebote in meiner derzeitigen Wohnumgebung. Letztlich beschränkt sich die Nutzung meist auf die öffentliche Verkehrsinfrastruktur und Geschäfte für Güter des täglichen oder nicht täglichen Bedarfs. Eher selten ist mal etwas aus einem der anderen genannten Bereiche (Kultur usw.) betroffen. Ist es also für mich tatsächlich von Vorteil, all diese Möglichkeiten in meiner Umgebung zu haben? Oder würde eine Umgebung mit einem sehr überschaubaren Angebot für mich letztlich mehr Freiheit bedeuten, weil ich mir dann viel entschlossener meine Aktivitäten auswählen oder sogar selbst neue Möglichkeiten schaffen könnte?

Mir ist ja bereits bewusst, dass ein Großteil meiner Ungeduld und Unzufriedenheit aus nicht erfüllten Ansprüchen resultiert. Die Ansprüche wiederum gründen auf Gewohnheiten, welche aufgrund der Eigenschaften meiner Umgebung entstanden sind. Ich bin der Überzeugung, dass Gewohnheiten – auch wenn sie sich über lange Zeit manifestiert haben, grundsätzlich flexibel sind. Soll heißen: Ich bin stets in der Lage sie zu verändern, mir Dinge anzugewöhnen und abzugewöhnen. Hierzu sind vor allem Zeit und Willenskraft vonnöten. Eine bewusste Veränderung der äußeren Umstände wird den Prozess sicherlich erleichtern und vielleicht etwas beschleunigen. Gerade in der Anfangsphase des Abgewöhnens wird die Frustration ziemlich hoch sein, gerade wenn die Gewohnheiten zuvor sehr lange präsent waren und als selbstverständlich erschienen. Insbesondere wird immer wieder ein Drang aufkommen, die durch den Verzicht auf Gewohnheiten entstehenden Lücken zu füllen.

So viel zur Theorie. Jeder, der schon einmal eine Sucht überwunden hat, kennt diesen Entzugsprozess. Eine Sucht ist in meiner Vorstellung ohnehin nichts anderes als eine übersteigerte Gewohnheit. Konkret geht es für mich um Dinge wie „mal eben in die Bahn steigen und nach XYZ fahren“ oder „mal eben rüber zum SB-Markt gehen und ABC besorgen“. Oder auch „mal eben im Internet nachgucken“. Ihr wisst was ich meine – Annehmlichkeiten der Infrastruktur in zivilisierten Gegenden. Dinge, die für keinen Menschen überlebenswichtig sind. Von all dem möchte ich mich wieder distanzieren, mich nur noch auf wirklich Wesentliches beschränken, mir selbst Möglichkeiten schaffen… und dann vielleicht bewusst Schritt für Schritt wieder die eine oder andere Annehmlichkeit kontrolliert in mein Leben zurückkehren lassen.

Mein Weg dort hin? Raus aus der Stadt, fort vom Einfluss der urbanen Gesellschaft! Zurück aufs Land, wo nur wenige Menschen sind. Und mich dort dann ausgiebig umschauen, in mich hinein schauen, wissen wie es mir geht und was mir gut tut.

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