Mein Prozess des Umdenkens ist ein bisschen ins Stocken geraten, weil mir zwecks Umsetzung ein Schritt bevorsteht, der mir nicht so leicht zu fallen scheint. Und dieser Umstand weist auf ein ziemlich grundsätzliches Problem hin. Aber eins nach dem anderen…

Der bereits formulierte Wunsch nach weitgehender Unabhängigkeit von Institutionen wirkt sich auf etliche Lebensbereiche aus und zieht Konsequenzen nach sich. Vieles hängt schließlich mit einander zusammen. Wer auf die Leistungen des Jobcenters in Deutschland verzichten möchte, müsste sich – naheliegenderweise – selbst ein Einkommen erwirtschaften, mit dem die eigene Lebenshaltung finanziert werden kann. Die Höhe richtet sich nach den regelmäßigen Ausgaben. Der mit Abstand größte Anteil entfällt hierbei auf die Kosten fürs Wohnen, gefolgt von Sozialversicherungen.

Ich bin zur Zeit alleiniger Mieter einer Einzimmerwohnung, für die monatlich 320 € Warmmiete anfallen (immerhin bis auf Weiteres um 15 % gemindert wegen eines nicht zur Verfügung stehenden Kellerraums). Den Anspruch, eine Wohnung nur für mich allein zur Verfügung zu haben, erhebe ich aber im Prinzip gar nicht! Jeden Monat verlässt ein hoher Geldbetrag mein Bankkonto, um ein Mietverhältnis aufrecht zu erhalten, das mich in meiner Freiheit und Flexibilität beschneidet. Aufgrund der gesetzlichen Kündigungsfrist muss immer dafür gesorgt sein, dass drei Monatsmieten auf dem Konto vorhanden sind oder es bald sein werden. Ich gehe also arbeiten, um nicht Gefahr zu laufen, womöglich die überübernächste Miete nicht mehr bezahlen zu können. Und das, obwohl ich die Wohnung vielleicht gar nicht benötige. Arbeiten möchte ich aber doch in erster Linie für mich selbst, nicht für andere! Also liegt es nahe, die Wohnung aufzugeben.

Es steht jedoch auch einiges an Hausrat in ihr herum. Beim letzten Umzug hatte ich zwar schon viel unnötigen Tinnef entsorgt, aber auch in 36 Quadratmeter Fläche passt noch mehr hinein, als so manch einer glauben mag. Von vielem werde ich mich wahrscheinlich trennen können, ohne mit der Wimper zu zucken. Doch es befinden sich auch Dinge in meinem Hausstand, die ich bisher zu meinem „Stolz“ gezählt habe – etwa mein großes Schlafsofa und meine Küche. Aber warum tue ich mich bei dem Gedanken, diese Dinge zu veräußern, so schwer?

Mir scheint, dass – wie bei so vielen Dingen – eine gesellschaftliche Prägung verantwortlich ist. Materieller Besitz genießt einen hohen Stellenwert in meinem Umfeld. Vielen Menschen scheint er ein Gefühl von Sicherheit zu suggerieren. Sie häufen Gegenstände um sich herum an und demonstrieren damit offenbar ihr „Revier“ für sich und für andere. Manche setzen dabei auf möglichst wertvolle Güter, manche auf schiere Masse, manche auf beides. Mir drängt sich dabei unweigerlich ein Bild vor meinem geistigen Auge auf, das einen fetten, unbeweglichen Pascha zeigt, der auf einem goldenen Haufen Krimskrams sitzt und sagt „Das hier ist mein Platz“. Anderen werden vielleicht eher die Worte „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ in den Sinn kommen. Es läuft aufs gleiche hinaus. Ein anderes (metaphorisches) Bild zeigt mir einen Bergsteiger, der direkt vor dem Gipfel ein (meinetwegen goldenes) Seil ergreift und feststellt, dass es oben nur mit einem dicken Streifen Klebeband befestigt ist. Was ich damit ausdrücken will: Materielles bietet eben letztlich keine Sicherheit! Oder nochmal platt ausgedrückt: Ein Sofa oder eine Einbauküche hat noch niemandem das Leben gerettet. Und ist damit nicht lebensnotwendig.

Im Grunde ist für mich damit das Sicherheits-Argument entkräftet. Denn es ist allenfalls in einer auf Geld aufbauenden Weltanschauung haltbar, in der alles monetär bewertet wird und materieller Besitz den Wert eines Menschen mitbestimmt. Eine solche Anschauung teile ich nicht. Also brauche ich mich nicht an Besitztümern festzuklammern. Leicht fällt es mir dennoch nicht, an dieser Stelle weiter zu denken, weil ein mögliches alternatives Szenario für mich ziemliches Neuland ist. Seit ich begonnen habe Geld zu verdienen, ist auch für mich das Anhäufen von Besitz ein selbstverständlicher Vorgang gewesen. Es geht mir aber nun um die Frage, ob ein Leben auch weitgehend ohne den materiellen Aspekt – und damit auch ohne eine feste Wohnunterkunft – möglich ist. Ich glaube nun einen Weg entdeckt zu haben, mit dem es mir zumindest vorübergehend realisierbar erscheint. Denn es werden rund um die Welt (seriöse) Chancen geboten, im Austausch für Arbeitsleistung eine Unterkunft und volle Verpflegung zu bekommen – ohne die Notwendigkeit irgend einer fachlichen Qualifikation und ohne zeitliche Verpflichtung… aber auch ohne monetäre Gegenleistung.

Mir kommt es wirklich gerade so vor, als ließe sich damit ein Großteil meiner derzeitigen Probleme auf einen Schlag lösen: Ich wäre vom Jobcenter unabhängig und müsste mich an kein Mietverhältnis binden, hätte aber dennoch einen Platz zum Wohnen und sinnvolle Aufgaben für den Alltag, die mir zudem meinen Lebensunterhalt (in Form von Verpflegung) sichern würden. Und so weit ich es mitbekommen habe, gibt es für Menschen, die „Freiwilligenarbeit“ machen, sehr günstige Versicherungen. Wenn das alles so stimmt und funktioniert, dann ist ein abgesichertes Leben – auch in „entwickelten“ Ländern – ohne monetäres Einkommen (und lediglich mit einer ausreichenden Geldrücklage für Reisekosten) möglich. Ich glaube zwar nicht, dass es vielen Menschen – mich selbst eingeschlossen – behagen würde, dauerhaft auf dieser Basis zu leben, aber für ein paar Jahre halte ich es für durchaus vorstellbar. Und es kann eine Basis für die weitere Lebensplanung sein.

Der Preis, den ich hierfür zahlen muss, ist der Verzicht auf die materiellen Besitztümer, die ich in den letzten Jahren angesammelt habe. Belohnt werde ich dann aber mit einer großen Unabhängigkeit. Wahrscheinlich werde ich mich nicht von allen Dingen trennen wollen. Aber zumindest müsste ich es schaffen, den Umfang meines Hausstands so weit zu minimieren, dass er sich irgendwo privat unterstellen lässt, ohne dass es jemanden stört. Mitnehmen an meine Einsatzorte werde ich nur Dinge, die für mich absolut essenzielle Bedeutung haben.

Meine Überlegungen werden Tag für Tag konkreter, und es wird immer wahrscheinlicher, dass sich meine Vorstellungen verwirklichen lassen!

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