Auskommen ohne Einkommen – ein neuer Lebensentwurf

// Kommentare deaktiviert für Auskommen ohne Einkommen – ein neuer Lebensentwurf

Mein Prozess des Umdenkens ist ein bisschen ins Stocken geraten, weil mir zwecks Umsetzung ein Schritt bevorsteht, der mir nicht so leicht zu fallen scheint. Und dieser Umstand weist auf ein ziemlich grundsätzliches Problem hin. Aber eins nach dem anderen…

Der bereits formulierte Wunsch nach weitgehender Unabhängigkeit von Institutionen wirkt sich auf etliche Lebensbereiche aus und zieht Konsequenzen nach sich. Vieles hängt schließlich mit einander zusammen. Wer auf die Leistungen des Jobcenters in Deutschland verzichten möchte, müsste sich – naheliegenderweise – selbst ein Einkommen erwirtschaften, mit dem die eigene Lebenshaltung finanziert werden kann. Die Höhe richtet sich nach den regelmäßigen Ausgaben. Der mit Abstand größte Anteil entfällt hierbei auf die Kosten fürs Wohnen, gefolgt von Sozialversicherungen.

Ich bin zur Zeit alleiniger Mieter einer Einzimmerwohnung, für die monatlich 320 € Warmmiete anfallen (immerhin bis auf Weiteres um 15 % gemindert wegen eines nicht zur Verfügung stehenden Kellerraums). Den Anspruch, eine Wohnung nur für mich allein zur Verfügung zu haben, erhebe ich aber im Prinzip gar nicht! Jeden Monat verlässt ein hoher Geldbetrag mein Bankkonto, um ein Mietverhältnis aufrecht zu erhalten, das mich in meiner Freiheit und Flexibilität beschneidet. Aufgrund der gesetzlichen Kündigungsfrist muss immer dafür gesorgt sein, dass drei Monatsmieten auf dem Konto vorhanden sind oder es bald sein werden. Ich gehe also arbeiten, um nicht Gefahr zu laufen, womöglich die überübernächste Miete nicht mehr bezahlen zu können. Und das, obwohl ich die Wohnung vielleicht gar nicht benötige. Arbeiten möchte ich aber doch in erster Linie für mich selbst, nicht für andere! Also liegt es nahe, die Wohnung aufzugeben.

Es steht jedoch auch einiges an Hausrat in ihr herum. Beim letzten Umzug hatte ich zwar schon viel unnötigen Tinnef entsorgt, aber auch in 36 Quadratmeter Fläche passt noch mehr hinein, als so manch einer glauben mag. Von vielem werde ich mich wahrscheinlich trennen können, ohne mit der Wimper zu zucken. Doch es befinden sich auch Dinge in meinem Hausstand, die ich bisher zu meinem „Stolz“ gezählt habe – etwa mein großes Schlafsofa und meine Küche. Aber warum tue ich mich bei dem Gedanken, diese Dinge zu veräußern, so schwer?

Mir scheint, dass – wie bei so vielen Dingen – eine gesellschaftliche Prägung verantwortlich ist. Materieller Besitz genießt einen hohen Stellenwert in meinem Umfeld. Vielen Menschen scheint er ein Gefühl von Sicherheit zu suggerieren. Sie häufen Gegenstände um sich herum an und demonstrieren damit offenbar ihr „Revier“ für sich und für andere. Manche setzen dabei auf möglichst wertvolle Güter, manche auf schiere Masse, manche auf beides. Mir drängt sich dabei unweigerlich ein Bild vor meinem geistigen Auge auf, das einen fetten, unbeweglichen Pascha zeigt, der auf einem goldenen Haufen Krimskrams sitzt und sagt „Das hier ist mein Platz“. Anderen werden vielleicht eher die Worte „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ in den Sinn kommen. Es läuft aufs gleiche hinaus. Ein anderes (metaphorisches) Bild zeigt mir einen Bergsteiger, der direkt vor dem Gipfel ein (meinetwegen goldenes) Seil ergreift und feststellt, dass es oben nur mit einem dicken Streifen Klebeband befestigt ist. Was ich damit ausdrücken will: Materielles bietet eben letztlich keine Sicherheit! Oder nochmal platt ausgedrückt: Ein Sofa oder eine Einbauküche hat noch niemandem das Leben gerettet. Und ist damit nicht lebensnotwendig.

Im Grunde ist für mich damit das Sicherheits-Argument entkräftet. Denn es ist allenfalls in einer auf Geld aufbauenden Weltanschauung haltbar, in der alles monetär bewertet wird und materieller Besitz den Wert eines Menschen mitbestimmt. Eine solche Anschauung teile ich nicht. Also brauche ich mich nicht an Besitztümern festzuklammern. Leicht fällt es mir dennoch nicht, an dieser Stelle weiter zu denken, weil ein mögliches alternatives Szenario für mich ziemliches Neuland ist. Seit ich begonnen habe Geld zu verdienen, ist auch für mich das Anhäufen von Besitz ein selbstverständlicher Vorgang gewesen. Es geht mir aber nun um die Frage, ob ein Leben auch weitgehend ohne den materiellen Aspekt – und damit auch ohne eine feste Wohnunterkunft – möglich ist. Ich glaube nun einen Weg entdeckt zu haben, mit dem es mir zumindest vorübergehend realisierbar erscheint. Denn es werden rund um die Welt (seriöse) Chancen geboten, im Austausch für Arbeitsleistung eine Unterkunft und volle Verpflegung zu bekommen – ohne die Notwendigkeit irgend einer fachlichen Qualifikation und ohne zeitliche Verpflichtung… aber auch ohne monetäre Gegenleistung.

Mir kommt es wirklich gerade so vor, als ließe sich damit ein Großteil meiner derzeitigen Probleme auf einen Schlag lösen: Ich wäre vom Jobcenter unabhängig und müsste mich an kein Mietverhältnis binden, hätte aber dennoch einen Platz zum Wohnen und sinnvolle Aufgaben für den Alltag, die mir zudem meinen Lebensunterhalt (in Form von Verpflegung) sichern würden. Und so weit ich es mitbekommen habe, gibt es für Menschen, die „Freiwilligenarbeit“ machen, sehr günstige Versicherungen. Wenn das alles so stimmt und funktioniert, dann ist ein abgesichertes Leben – auch in „entwickelten“ Ländern – ohne monetäres Einkommen (und lediglich mit einer ausreichenden Geldrücklage für Reisekosten) möglich. Ich glaube zwar nicht, dass es vielen Menschen – mich selbst eingeschlossen – behagen würde, dauerhaft auf dieser Basis zu leben, aber für ein paar Jahre halte ich es für durchaus vorstellbar. Und es kann eine Basis für die weitere Lebensplanung sein.

Der Preis, den ich hierfür zahlen muss, ist der Verzicht auf die materiellen Besitztümer, die ich in den letzten Jahren angesammelt habe. Belohnt werde ich dann aber mit einer großen Unabhängigkeit. Wahrscheinlich werde ich mich nicht von allen Dingen trennen wollen. Aber zumindest müsste ich es schaffen, den Umfang meines Hausstands so weit zu minimieren, dass er sich irgendwo privat unterstellen lässt, ohne dass es jemanden stört. Mitnehmen an meine Einsatzorte werde ich nur Dinge, die für mich absolut essenzielle Bedeutung haben.

Meine Überlegungen werden Tag für Tag konkreter, und es wird immer wahrscheinlicher, dass sich meine Vorstellungen verwirklichen lassen!

Gedanken zu meinem Wohnort

// Kommentare deaktiviert für Gedanken zu meinem Wohnort

Mich hat in den letzten Tagen ein Umdenken befallen, das immer tiefer greifende Auswirkungen hat. Es betrifft auch grundsätzliche Aspekte meines Daseins. Einer davon ist das Paradigma des Wohnorts – und damit einher gehend das berüchtigte Spannungsfeld zwischen dem Stadtleben und dem Landleben. Beim genaueren Betrachten verschiedener persönlicher Bedürfnisse unter der Fragestellung, wie und wann sie entstanden sind, bin ich beim Thema Wohnen angelangt. Im Grunde hat es sich dank etlicher Umzüge in den letzten Jahren zu einem Reizthema für mich entwickelt. Ich verbinde es beim Gedanken daran sofort mit Stress und Ärger. Warum nur?

Die ersten 14 Jahre meines Lebens verbrachte ich in der sehr ländlichen Region des Unterwesterwalds, die aus vielen kleinen Dörfern und wenigen kleinen Städten besteht. Dazwischen gibt es Wälder, Felder, Hügel, Bäche, Teiche, Steinbrüche und Tongruben. Die Erinnerungen an meine Kindheit und frühe Jugend sind von solchen Bildern geprägt, und wenn ich heute für Besuche in diese Gegend zurückkehre, werde ich immer ein klein wenig wehmütig. Denn heute sieht es dort vielerorts anders aus als damals, und mir bleiben somit schließlich nur meine Erinnerungen.

Mitte der 90er zog ich mit meiner Familie in eine andere ländliche Region um – nach Rheinhessen, wo es ganz anders aussieht. Hügel gibt es dort zwar auch in großer Zahl, aber sie sind größtenteils nicht bewaldet, sondern nur mit Gras oder niedrigem Gebüsch bewachsen. Weinreben in Reih und Glied sowie Getreidefelder komplettieren das Bild, das meine Jugend prägte und sich ebenfalls stark in meine Erinnerung eingebrannt hat. Die ersten beiden Jahre nach dem Umzug wohnten wir auf einem Aussiedlerhof inmitten der Weinberge. Beim Gedanken an diese Zeit beschleicht mich auch wieder etwas Wehmut, weil ich sie mit viel Ruhe, jugendlicher Naivität und Schwärmerei, aber auch mit Abenteuerlust verbinde. Wir zogen dann ein paar Kilometer weiter in die Kreisstadt Alzey, und dort veränderte sich meine Sichtweise.

Die Annehmlichkeiten des Wohnens in der Stadt entfalteten schnell ihre Wirkung auf mich. Es war plötzlich möglich, ohne auf ein Auto angewiesen zu sein schnell zur Schule, zum Bahnhof oder zum Supermarkt zu gelangen. Ich machte nach wie vor meine teils sehr ausgedehnten Spaziergänge und Fahrradtouren durch die umliegende Landschaft, genoss aber zugleich die Vorzüge der zentralen Wohnlage. Niemand musste mich mehr zur Schule fahren oder dort abholen. Mit dem Zug konnte ich ohne allzu viel zeitlichen Aufwand die größeren Städte Mainz und Worms oder die Metropole Frankfurt am Main erreichen. Letztere beeindruckte mich seinerzeit ganz enorm – vor allem natürlich aufgrund der vielen Hochhäuser mit extravaganter Architektur – und hat als erste „echte“ Großstadt, die ich in meinem Leben wahrgenommen habe, für mich bis heute diesen Stellenwert behalten.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich war auf den Geschmack gekommen. Großstädte – und insbesondere solche ab einer halben Million Einwohner – übten seitdem einen großen Reiz auf mich aus. Und für mich war die Entscheidung klar: Wieder zurück aufs Land zu ziehen war bis auf Weiteres keine Option! Ich begann mein Studium in Karlsruhe, einem wie ich nach wie vor finde sehr charmanten und für seine Einwohnerzahl ziemlich ruhigen Ort, und pendelte an den meisten Wochenenden zurück nach Alzey. Den bewusst gewählten regelmäßigen Ortswechsel zwischen Groß- und Kleinstadt fand ich zu jener Zeit total angenehm. Auch die häufigen Bahnfahrten habe ich im Vergleich zu meinen aktuellen Erfahrungen als nicht allzu stressig in Erinnerung.

Es folgte eine durch die Fortsetzung meines internationalen Studiums bedingte Zeit des Städte-Hoppings: Vancouver, Köln, Aix-en-Provence, Warschau und Jacksonville (Florida) bildeten für jeweils ein paar Monate meine Lebensmittelpunkte. Aufgrund einer Beziehung hielt ich mich zu jener Zeit aber zwischendurch oft im (Ober)Westerwald auf und gewann dadurch einen gewissen Bezug zu meiner alten Heimat zurück. Nach einem fünfmonatigen Praktikum in Hamburg – das als bisher einzige Millionenstadt einmal mein offizieller Erstwohnsitz war – zog ich tatsächlich nochmal für ein halbes Jahr nach Montabaur, wo ich von der fünften bis zur achten Klasse zur Schule gegangen war. Doch vom Landleben bekam ich in dieser Zeit nicht so viel mit, weil ich an allen Arbeitstagen 130 Kilometer nach Düsseldorf und zurück pendelte und praktisch nur zum Schlafen nach Hause kam. Auch an den Wochenenden war ich oft in verschiedenen Städten unterwegs. Bis ich schließlich das sehr nervenaufreibende Pendeln aufgab und nach Düsseldorf zog.

Dort entdeckte ich, dass mir die Wohnlage am Stadtrand sehr gut gefiel. Die Kombination aus der Nähe zur Natur und guter Anbindung ans Stadtzentrum erschien mir ausgesprochen attraktiv. Ich konnte mit dem Fahrrad innerhalb einer Viertelstunde zur Arbeit gelangen, machte in meiner Freizeit viele Radtouren durch das angrenzende Bergische Land… und entdeckte das mir bis dahin völlig unbekannte nahe gelegene Ruhrgebiet.

Nicht nur die Zahl der mehr als 5 Millionen Einwohner des größten deutschen Ballungsgebiets übte eine Faszination auf mich aus, sondern auch die Diskrepanz zwischen dem noch vorhandenen Klischee des Kohlereviers und der tatsächlich vorhandenen grünen Landschaften in und um die vielen Städte. Hinzu kam die Art der Menschen, die man im „Pott“ antrifft und die mir von Beginn an sympathisch waren. Dank eines Jobwechsels siedelte ich zwei Jahre später in die „Metropole Ruhr“ über – zunächst an ihren nördlichen Rand nach Recklinghausen und 2012 dann (nach einer sechsmonatigen Verschnaufpause in Mainz) nach Essen, wo ich auch zur Zeit noch weile. Allerdings in der mittlerweile schon dritten Wohnung…

Wie geht es nun weiter? Zumindest innerhalb Deutschlands bin ich in der einwohnerstärksten Metropolregion angekommen. Und ich verspüre kein Verlangen, mich in dieser Hinsicht weiter zu steigern. Eher im Gegenteil – mir scheint, eine Rückbesinnung auf meine grundlegenden Bedürfnisse ist angebracht. Was mich bei allen Besuchen auf dem Land jedoch immer nach kurzer Zeit stört, ist die „tote Hose“, die dort herrscht. Aus dem anfänglichen Genuss der Ruhe wird sehr schnell Langeweile. Warum passiert das?

Ich bin überzeugt davon, dass mich das Leben in Großstädten stark beeinflusst hat. Ihre Annehmlichkeiten aber auch ihre Unruhe sind für mich zu Gewohnheiten geworden. Da ich wie schon erläutert in einer sehr ländlichen Region geboren und aufgewachsen bin, sind diese Gewohnheiten bei mir erst im Jugend- bzw. Erwachsenenalter entstanden. Und sie haben sich so stark manifestiert, dass aus ihnen Ansprüche erwachsen sind. In den letzten Jahren war mir offenbar noch nicht einmal mehr bewusst, dass ich nicht immer schon solche Ansprüche hatte. Genauso wenig, dass meine immer stärker gewordene innere Unruhe, Ungeduld, Unzufriedenheit womöglich auf der Nichterfüllung dieser Ansprüche gründet.

Großstädte bieten viele Möglichkeiten, und das jederzeit. Kultur, Konsum, Bildung, Sport, Vergnügen – für all das ist eine große Auswahl von Stätten in unmittelbarer Nähe vorhanden. Und es ist und bleibt offenbar das Standardproblem der „zugezogenen Landeier“, sich mit diesem Überangebot auseinandersetzen zu müssen. Einheimische, die hier aufgewachsen sind oder schon viele Jahre hier leben, haben in der Regel ihre Stammplätze gefunden, mit denen sie sich zufrieden geben. Den ganzen Rest des Angebots ignorieren sie die meiste Zeit. Ich sehe mich jedoch nach wie vor mit immer wieder neuen Möglichkeiten konfrontiert, die ich in der mir selbst zugestandenen Zeit gar nicht alle ausschöpfen kann. Mit der Zahl der Möglichkeiten steigen noch immer die Ansprüche, und mit jeder Nichterfüllung derselben steigt die Unzufriedenheit. Bäm – das ist doch mal eine Erkenntnis!

Aus diesem Teufelskreis will ich so bald wie möglich ausbrechen. Und zwar konsequent und radikal. Wenn ich ehrlich bin, nutze ich im normalen Alltag de facto nur einen verschwindend kleinen Teil der mir theoretisch zugänglichen „urbanen“ Angebote in meiner derzeitigen Wohnumgebung. Letztlich beschränkt sich die Nutzung meist auf die öffentliche Verkehrsinfrastruktur und Geschäfte für Güter des täglichen oder nicht täglichen Bedarfs. Eher selten ist mal etwas aus einem der anderen genannten Bereiche (Kultur usw.) betroffen. Ist es also für mich tatsächlich von Vorteil, all diese Möglichkeiten in meiner Umgebung zu haben? Oder würde eine Umgebung mit einem sehr überschaubaren Angebot für mich letztlich mehr Freiheit bedeuten, weil ich mir dann viel entschlossener meine Aktivitäten auswählen oder sogar selbst neue Möglichkeiten schaffen könnte?

Mir ist ja bereits bewusst, dass ein Großteil meiner Ungeduld und Unzufriedenheit aus nicht erfüllten Ansprüchen resultiert. Die Ansprüche wiederum gründen auf Gewohnheiten, welche aufgrund der Eigenschaften meiner Umgebung entstanden sind. Ich bin der Überzeugung, dass Gewohnheiten – auch wenn sie sich über lange Zeit manifestiert haben, grundsätzlich flexibel sind. Soll heißen: Ich bin stets in der Lage sie zu verändern, mir Dinge anzugewöhnen und abzugewöhnen. Hierzu sind vor allem Zeit und Willenskraft vonnöten. Eine bewusste Veränderung der äußeren Umstände wird den Prozess sicherlich erleichtern und vielleicht etwas beschleunigen. Gerade in der Anfangsphase des Abgewöhnens wird die Frustration ziemlich hoch sein, gerade wenn die Gewohnheiten zuvor sehr lange präsent waren und als selbstverständlich erschienen. Insbesondere wird immer wieder ein Drang aufkommen, die durch den Verzicht auf Gewohnheiten entstehenden Lücken zu füllen.

So viel zur Theorie. Jeder, der schon einmal eine Sucht überwunden hat, kennt diesen Entzugsprozess. Eine Sucht ist in meiner Vorstellung ohnehin nichts anderes als eine übersteigerte Gewohnheit. Konkret geht es für mich um Dinge wie „mal eben in die Bahn steigen und nach XYZ fahren“ oder „mal eben rüber zum SB-Markt gehen und ABC besorgen“. Oder auch „mal eben im Internet nachgucken“. Ihr wisst was ich meine – Annehmlichkeiten der Infrastruktur in zivilisierten Gegenden. Dinge, die für keinen Menschen überlebenswichtig sind. Von all dem möchte ich mich wieder distanzieren, mich nur noch auf wirklich Wesentliches beschränken, mir selbst Möglichkeiten schaffen… und dann vielleicht bewusst Schritt für Schritt wieder die eine oder andere Annehmlichkeit kontrolliert in mein Leben zurückkehren lassen.

Mein Weg dort hin? Raus aus der Stadt, fort vom Einfluss der urbanen Gesellschaft! Zurück aufs Land, wo nur wenige Menschen sind. Und mich dort dann ausgiebig umschauen, in mich hinein schauen, wissen wie es mir geht und was mir gut tut.

Gedanken zu meinem Leben, meinem Umfeld und meinem Horizont

// Kommentare deaktiviert für Gedanken zu meinem Leben, meinem Umfeld und meinem Horizont

Dieses Jahr werde ich 34. Das ist nach den Maßstäben unserer Gesellschaft kein hohes Alter. Aber jung bin ich damit auch nicht mehr, sondern „irgendwo mittendrin“ halt. Wenn ich cheap cialis 20mg mir andere Menschen in diesem Alter in meinem Umfeld betrachte, wirken diese auf mich sehr beschäftigt. Sie haben sich „etwas aufgebaut“ oder sind noch dabei es zu tun. Sie haben sich zu einem kleinen Teil von etwas größerem gemacht und agieren innerhalb ihres selbst geschaffenen Mikrokosmos, gut integriert in den übergeordneten Makrokosmos. Sie denken in einem großen zeitlichen Radius und streben keine signifikanten Veränderungen an. Sie arbeiten daran, mit Hilfe dessen was sie schon erreicht haben eine langfristige Stabilität und Gleichmäßigkeit zu erlangen beziehungsweise beizubehalten. Sie ziehen größere Veränderungen für sich selbst nur dann in Betracht, wenn äußere Umstände sie erforderlich machen – durch Krankheiten, Unfälle, Todesfälle, Insolvenzen oder Ähnliches. Doch sie treffen selbst für solche Umstände meist Vorsorge, um die eventuellen Auswirkungen so gering wie möglich zu halten. Ihr Hauptanliegen ist ganz klar die Stabilität.

Wenn ich mir das bewusst mache, erscheint es mir als hätte ich irgendwann den Anschluss verpasst. Ich erinnere mich noch vage an Zeiträume, in denen auch ich nach Stabilität trachtete, aber letztlich ist dieses Ziel immer wieder aus meinem Fokus gerutscht. Und beim Nachdenken über das Warum erscheint es mir als wären die Wege nie die richtigen gewesen. Noch viel mehr erscheint es mir als wäre ein Weg für mich stets wichtiger als ein Ziel. Während ich mich auf das Beschreiten des Weges konzentriere, entgleitet mir das Ziel schon wieder. Aber möchte ich überhaupt irgendwo ankommen? Oder kann ein Weg mich so sehr ausfüllen, dass ich auch ohne Ziel die Motivation behalte, ihn weiter zu gehen?

In den letzten Jahren habe ich einige Wege eingeschlagen und dann nicht weiter verfolgt. Ein jeweiliges Ziel war schnell wieder verschwunden oder gar nicht erst vorhanden. Und die Wege als solche füllten mich nicht in einem Maß aus, das sie motivierend machte. Was motiviert mich denn? Ganz allgemein betrachtet sind es Dinge, die ich selbst tun kann, ohne auf andere Dinge angewiesen zu sein. Demotivierend ist es für mich hingegen, auf etwas warten zu müssen. Daraus lässt sich folgern, dass ein für mich sinnvoller und nachhaltiger Weg weitgehend nur durch meine eigenen Aktionen funktionieren müsste – und nicht durch die anderer Menschen oder durch äußere Umstände.

Mir fällt gerade massiv auf, dass mein Lebensalltag in hohem Maß von anderen (Menschen und Institutionen) bestimmt wird. Möglichkeiten zur Selbstbestimmung scheine ich zur Zeit fast gar nicht auszuschöpfen. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich durch eine „freiberufliche“ Tätigkeit – meine Arbeitszeiten bestimmen dennoch andere. Die finanzielle Lücke und die teure gesetzliche Krankenversicherung füllt das Jobcenter aus – und droht mit Sanktionen, wenn ich mich nicht um andere Arbeitsplätze bemühe. Ein vor zweieinhalb Jahren begonnenes Studium kann ich nicht nach meinen Vorstellungen abschließen – weil die Universität starre Regeln beibehält, die damit nicht vereinbar sind. Meine Familie und mein Partner leben zwischen 70 und 300 Kilometern von meinem derzeitigen Wohn- und Arbeitsort entfernt – und sind aufgrund ihrer eigenen Umstände nicht in der Lage mich zu besuchen. Meine kleine Mietwohnung ist seit meinem Einzug vor 10 Monaten in noch fast dem gleichen chaotischen Zustand – weil die Hausverwaltung mir keinen Kellerraum zur Verfügung stellen kann und mir aufgrund einiger schon genannter Punkte bisher die Motivation gefehlt hat, die Wohnung dennoch wohnlich herzurichten.

Der letzte Absatz klingt auch für mich nach Klagen auf hohem Niveau, wenn ich ihn noch einmal durchlese. Er beschreibt jedoch meinen realen Status quo. Dass ich mit diesem unzufrieden bin und er für mich keinen Weg ebnet, den ich auf längere Sicht weiter gehen möchte, dürfte nach allem hier bereits Gesagten den meisten Lesern einleuchten. Mein Gefühl deutet mir an, dass es mühseliger wäre zu versuchen den Status quo zu „reparieren“ – allein aufgrund der zahlreichen „Baustellen“ – als einen kompletten und ernsthaften Neuanfang zu wagen und dabei die Maxime der weitestgehenden Selbstbestimmung im Blick zu behalten.

Mir ist bewusst, dass es ohne eine Erweiterung des Horizonts kaum möglich erscheint, einen solchen Weg erfolgreich zu beschreiten. Ich bin mir sicher, dass viele Leser meine Gedanken schon jetzt für unrealistisch halten. Und ich sage noch einmal: Horizont! Realistisch ist, dass jeder Mensch Dinge zum Leben benötigt – und einen Lebensunterhalt, um diese Dinge erhalten zu können. Konstruktiv ist es nun für mich, einen Weg zu finden, mit dem ich meinen Lebensunterhalt bestreiten und mich zugleich von allen externen Faktoren unabhängig machen kann, die zur Zeit noch meinen Lebensalltag (mit)bestimmen. Ich lasse mir von niemandem einreden, dass dies nicht möglich wäre! Zugegebenermaßen bietet unsere eingangs erwähnte Gesellschaft mir tatsächlich kaum entsprechende Chancen. Wer ein Teil von ihr sein will, wird gezwungen ihr etwas zu geben, macht sich dadurch aber zu einem hohem Grad von ihr abhängig und kann nicht frei und selbstbestimmt agieren.

Mir fällt ad hoc nur eine einzige Berufsgruppe in der mittel- und westeuropäischen Gesellschaft ein, die diesen Regeln relativ wenig unterworfen ist und dennoch – mit etwas Glück – fähig ist ihren Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften. Es handelt sich dabei um die freischaffenden Künstler, die keine Auftragsarbeiten machen. Wer es geschafft hat, sich „einen Namen zu machen“ und zuverlässige zahlende Abnehmer für die eigenen Werke zu haben, ohne Vorgaben von diesen Abnehmern zu erhalten, ist in der Lage relativ frei und selbstbestimmt den eigenen Lebensalltag zu gestalten. Ich stelle mir den Weg zu diesem Dasein allerdings mühselig vor. Zudem sind natürlich ein hohes Maß an Kreativität und Leidenschaft sowie gewisse Werkzeuge vonnöten, um überhaupt in der Lage zu sein künstlerische Werke zu erstellen.

Erst wenn ich mich gedanklich von meinem derzeitigen Lebensumfeld löse, fallen mir weitere „Berufe“ ein, über die sich selbstbestimmt ein Lebensunterhalt erwirtschaften lässt. Diese bewegen sich im Bereich der Agrarwirtschaft im kleinen Rahmen. Auch die Vorstellung der kompletten Selbstversorgung wabert hierbei als Extremform durch meinen Kopf. In unserer Gesellschaft scheint ein solcher Beruf aber nicht nach meinen Vorstellungen zu funktionieren. Agrarwirte sind in Europa und allgemein in Industrieländern nach meinem Wissen meist hochgradig abhängig, da sie ja praktisch ausschließlich Güter für andere erzeugen und diese Güter zudem staatlich reguliert sind. Selbst wer gar nicht den Anspruch hat, mit seinen Gütern im großen Stil zu handeln, muss sich wohl diesen Regularien unterwerfen und darf vieles nicht selbst bestimmen. Anders sieht es in Entwicklungsländern aus. Dort kann Landwirtschaft noch in kleinem Rahmen und unabhängig von staatlichen Institutionen funktionieren. Mir scheint, dass dort noch eine selbstbestimmte Existenz und ein Lebensunterhalt möglich sind, ohne zunächst viele Voraussetzungen schaffen zu müssen, wie es beim Künstler der Fall ist. Lediglich ein gewisses Maß an praktischem Wissen zum Anbau von Nutzpflanzen, zur Viehzucht oder Fischerei braucht man dazu – und natürlich die notwendigen Flächen.

Würde ich nun der Allgemeinheit mitteilen, dass ich plane Farmer in einem Entwicklungsland zu werden, wäre die harmloseste Reaktion wahrscheinlich ein großes ABER. Genauer gesagt Sätze, die etwa mit „Aber du brauchst doch…“ beginnen. Ja, ich brauche wie jeder Mensch gewisse Dinge zum Leben. Dabei handelt es sich grundsätzlich um Nahrung, einen Platz zum Schlafen, Kleidung, Licht und Wärme – und vielleicht ein kleines soziales Umfeld. Nicht lebensnotwendig sind in der Tat diverse Elektrogeräte sowie jegliche materiellen Güter oder „Accessoires“. Vermutlich halten so ziemlich alle Menschen in meinem momentanen Umfeld den Verzicht auf alles außer den absolut lebensnotwendigen Dingen für unmöglich – und sprechen auch mir die Fähigkeit oder Bereitschaft hierzu ab. Ich gebe zu, dass es mich große Überwindung kosten würde, langjährige Gewohnheiten aufzugeben. Doch es handelt sich dabei ja nicht um angeborene Bedürfnisse. Meine Umwelt und die Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin und mich heute bewege, haben diese Bedürfnisse überhaupt erst geweckt. Und ich bin fest überzeugt davon, mich von ihnen wieder distanzieren und schließlich auch lösen zu können. Gerade in einer Umgebung, in der gar nicht die Möglichkeit bestünde, viel mehr als die reinen menschlichen Grundbedürfnisse zu befriedigen, und damit auch keine Versuchung bestünde, sich mehr zu „gönnen“ als nötig.

Ich gehe so weit zu behaupten, dass selbst viele chronische Erkrankungen, unter denen Menschen aus „entwickelten“ Gesellschaften häufig leiden, durch die damit verbundene Lebensweise entstehen oder erst durch sie negative Auswirkungen haben. In meinem Fall ist es eine Refluxkrankheit, die sich nach Umstellung der Ernährung (zum Beispiel Trennkost und Verzicht auf hochgradig verarbeitete Lebensmittel) womöglich gar nicht mehr bemerkbar machen würde – ohne dass ich Medikamente einnehmen müsste. Meine Neigung zu Depressionen würde vielleicht zurück gehen, wenn der von außen kommende psychische Druck auf ein Minimum reduziert wäre. Meine Emetophobie würde mich nach Gewöhnung an eine naturverbundenere Lebensweise in einer nicht so „sterilen“ Umgebung sicherlich viel weniger belasten – ohne Durchführung einer weiteren Therapie. Und selbst das bei mir wahrscheinlich vorhandene, wenn auch noch nicht diagnostizierte, Asperger-Syndrom wäre in einem Alltag, der zum allergrößten Teil von mir selbst und nicht von anderen bestimmt wird, kaum relevant. Die Gesellschaft, in der ich mich gerade bewege, bietet mir zwar allerlei Mittel, die Auswirkungen all jener Erkrankungen zu reduzieren, jedoch zum Preis der Abhängigkeit von diesen Mitteln – und stets mit dem Ziel, mich wieder zu einem möglichst stabilen und produktiven Teil des Kollektivs zu machen. Genau das was – wie eingangs beschrieben – die meisten Menschen aus meinem derzeitigen Umfeld und meiner Altersgruppe anstreben. Ich aber nicht!

Hier schließt sich dann auch der Kreis meiner Gedanken. Mein Wunsch nach einem unabhängigen, maximal selbstbestimmten Leben ist präsent. Ich habe Ideen für mögliche Wege dorthin und keine Angst vor der Erweiterung meines Horizonts. Ich hoffe, bald aus dem Teufelskreis der Abhängigkeit auszubrechen und einen neuen Weg zu beschreiten. Einen Weg, der mich motiviert und zufrieden macht.