Mir ist schon klar dass die meisten jetzt erstmal lachen, weil sie denken dass man mit 30 Jahren noch keine Midlife-Crisis haben kann. Doch ich wüsste nicht wie man die Gesamtsituation, in der ich mich momentan befinde, besser betiteln könnte. Wenn man von der Dauer des produktiven Lebens ausgeht – das meiner Auffassung nach mit maximal 60 Jahren abgeschlossen ist – befinde ich mich eindeutig gerade in dessen Mitte. Und um ehrlich zu sein ist mir alles, was mir jenseits der 60 noch widerfahren könnte, aus der aktuellen Perspektive vollkommen gleichgültig.

Automatisch gerät man nach einer „Halbzeit“ ins Grübeln, überlegt sich was man während dieser Zeit erlebt und erreicht hat, macht sich bewusst was man noch erreichen möchte und ob bzw. wie dies überhaupt noch möglich ist. In meinem Fall gibt es eine ganze Reihe Faktoren, die ich in letzter Zeit hinterfragen musste und die mich letztlich in die Krise getrieben haben:

1. Beruf
2. Wohnort
3. Wohnung
4. Soziale Kontakte

1. Beruf

Der größte und wahrscheinlich entscheidende Knackpunkt ist meine Karriere. Hier habe ich beinahe zehn Jahre (sprich: ein Drittel meines bisherigen Lebens) dazu aufgewandt, mich in letzter Konsequenz in eine berufliche Sackgasse zu manövrieren. Meine Entscheidung, ein wirtschaftswissenschaftliches Studium zu beginnen, legte Ende 2001 bereits den Grundstein hierfür. Zu Beginn hätten mir theoretisch noch alle beruflichen Wege offen gestanden, doch im Lauf der Jahre wurde mein Fokus immer enger. Zunächst kristallisierte sich das Marketing als mein Lieblingsbereich heraus, was ich noch während der Studienzeit mit einem Praktikum und dem Thema meiner Bachelor-Thesis untermauerte. Meine Jobs trieben mich danach weiter ins Online- und Performance-Marketing. Meine Tätigkeiten wurden in den vergangenen Jahren so spezifisch, dass es immer schwieriger wurde anderen Menschen meinen Beruf zu erklären!

Mit der Zeit wurde mir immer mehr bewusst, dass mir die Tätigkeiten eines Online-Marketers nicht nur keinen Spaß bereiten sondern mich die dort angewandten Methoden und insbesondere der Fachjargon geradezu anwidern! In großen Teilen gilt dies für die komplette Welt des Marketings, der Werbung und der Mediaplanung. Ich finde mich dort einfach nicht wieder und habe eine Abneigung gegen viele Menschen, die sich im Job damit beschäftigen, insbesondere gegen diejenigen die es als ihre Berufung betrachten.

Das Fatale an der Sache ist, dass sich mein gesamtes Berufsleben nach dem Studium in diesen Bereichen abgespielt hat. Meine Bewerbungsunterlagen stempeln mich als Experten im Online-Marketing ab, also im Grunde als einen 1A-Fachidioten. Als Konsequenz hieraus werden mir von allen Seiten Arbeitsstellen im Online-Marketing angeboten, da ich ausschließlich hierfür nachweislich qualifiziert bin. Niemand fragt danach, ob ich überhaupt eine weitere Karriere in diesem Bereich verfolgen möchte. Hinzu kommt, dass man in solchen Jobs in der Regel nicht allzu schlecht verdient, wodurch natürlich erst recht niemand auf die Idee kommen würde mich in einen anderen Tätigkeitsbereich zu platzieren, da mein aktuelles Einkommen (sprich Arbeitslosengeld) „zu hoch“ ist.

Die Aufnahme eines neuen Jobs in einem anderen Bereich macht demnach erst wieder Sinn, wenn die jetzt noch verbleibenden 9 Monate, in denen ich Anspruch auf ALG habe, vorüber sind. Auf der beruflichen Ebene zeichnet sich also eine längerfristige Pause ab.

2. Wohnort

Bedingt durch mein Studium und meine Beziehungen bin ich in den letzten zehn Jahren extrem oft umgezogen. Das war nicht nur anstrengend sondern brachte auch typische Nachteile mit sich, wie z. B. einen ständig wechselnden und weit verstreuten Bekanntenkreis. Mein Ziel war (und bleibt) es deshalb, irgendwann mal an einem Ort anzukommen, der mir alles bieten kann was ich für ein erfülltes Leben brauche, und vor allem keinen Grund ihn allzu bald wieder zu verlassen!

Seit ich ins Ruhrgebiet gezogen bin, habe ich mich sehr an diese Region geklammert und wollte eigentlich bis auf weiteres nicht wieder dort weg. Einerseits um nicht schon wieder einen anstrengenden Umzug vor mir zu haben, andererseits weil es mir im Pott wirklich gut gefällt. Erst auf die harte Tour musste ich in den letzten Wochen feststellen, dass ich dort komplett auf mich allein gestellt bin und keinen Freundeskreis vor Ort besitze, auf den ich gerade in schwierigen Zeiten (z. B. während der Arbeitslosigkeit) zählen könnte. So bitter die Erkenntnis und die Konsequenzen sind – selbst der schönste Ort der Welt kann zur persönlichen Hölle werden, wenn man dort vereinsamt.

Diesen Teil der Krise versuche ich durch einen kurzfristigen Umzug nach Mainz zu bewältigen, wo ich zumindest meine Familie in der Nähe habe.

3. Wohnung

Meine aktuelle Wohnung befindet sich im Souterrain eines 3-Parteien-Hauses in einem relativ ruhigen Viertel am Stadtrand. Ich bin im März 2010 eingezogen, wohne dort also noch keine eineinhalb Jahre. Für eine Singlewohnung ist sie mit ca. 70 m² relativ groß, ist aber gut geschnitten und hat ein sehr geräumiges Wohnzimmer und eine voll ausgestattete Küche. So lange ich von Montag bis Freitag arbeiten ging, fühlte ich mich dort ausgesprochen wohl und war froh seinerzeit diesen vermeintlichen Glücksgriff schon beim ersten Versuch gelandet zu haben. Gerade jetzt im Sommer werde ich von vielen um die kühlen Temperaturen beneidet, die man im Souterrain genießen kann, selbst wenn draußen mehr als 30 Grad herrschen.

Doch kaum war ich in die Lage geraten, den Großteil meines Alltags in diesen Räumen verbringen zu müssen, entpuppten sie sich nach und nach als düsteres Kellerloch. Ich fühlte mich zunehmend von der Außenwelt abgeschnitten, da aus den Fenstern meiner Wohnung lediglich eine Mauer und eine Böschung zu sehen sind und man von dem Leben in der Nachbarschaft praktisch nichts mitbekommt. Diese Tatsache dürfte den größten Teil zu meinem momentan sehr depressiven Zustand beigetragen haben.

Gerade deshalb verfolge ich nun mit höchster Priorität den Auszug aus dieser Wohnung und bemühe mich um ein helles möbliertes Zimmer mit möglichst guter Aussicht.

4. Soziale Kontakte

Im Ruhrgebiet gelandet bin ich im Grunde durch meine letzte Beziehung, die vor gut einem halben Jahr zu Ende ging. So lange man sich in einer funktionierenden Partnerschaft befindet, ist der Anreiz den eigenen Bekanntenkreis zu vergrößern nicht allzu groß. Erst als ich mich wieder ins Singleleben zurück katapultiert fand, wurde mir so richtig bewusst, dass an dieser Stelle etwas fehlte. So lange ich noch arbeiten ging, hatte ich durch den Umgang mit den Kollegen ausreichend soziale Kontakte. Erst als auch das weg fiel, wurde die Lage kritisch.

Der Mensch ist nun mal grundsätzlich ein soziales Wesen, und die Interaktion mit anderen macht einen Großteil seines Lebens aus. Dass dies so ist wird selbst notorischen Einzelgängern bewusst, wenn sie plötzlich ganz auf sich allein gestellt sind. Und es ist keine gute Erfahrung, wie ich lernen durfte.

Es ist ja nun nicht so dass ich überhaupt keinen Bekanntenkreis hätte. Doch die Personen, die sich darin befinden, sind für mich an meinem Wohnort nicht auf eine Art und Weise verfügbar, die in Zeiten einer Krise nötig wäre. Ganz konkret: Seit Beginn meiner Arbeitslosigkeit hatte ich so gut wie keinen Besuch in meiner Wohnung. Der Kontakt zu meinen Bezugspersonen findet zum allergrößten Teil via Online-Chat statt, in wenigen Ausnahmen (vor allem mit der Familie) per Telefon.

Um nicht komplett den Kontakt zur Außenwelt zu verlieren, blieb mir in den letzten Wochen also nichts anderes als mich vor den Bildschirm zu heften, denn dort kann ich mit meinen Leuten kommunizieren.

Einige Male fuhr ich für bis zu eine Woche ins Rhein-Main-Gebiet, um mich dort bei Familie und Freunden aufhalten zu können. In diesen Zeiträumen ging es mir einigermaßen gut. Doch während der Phasen, die ich im Ruhrpott verbrachte, bestanden etliche Tage nur noch aus Herumsitzen auf der Couch und Starren auf den Laptop-Bildschirm. Ich bin dann in einer Art Bereitschaftsmodus, in dem ich nichts anderes mehr tue als möglichst schnell auf Chat-Nachrichten zu reagieren. Und mich zwischendurch mit diversen Spielen zu beschäftigen. Meine Interaktion mit anderen Personen spielte sich an vielen Tagen ausschließlich übers Internet ab.

Fazit

Die Kombination aus all diesen Faktoren hat mich in eine tiefe Lebenskrise befördert. Ohne Bekämpfung der Depression werde ich sie nicht überwinden können. Immerhin konnte ich in den letzten Tagen einen teils noch groben, teils schon detaillierten Plan für die nähere Zukunft erarbeiten. Andernfalls wäre ich auch nicht in der Lage gewesen diesen Text zu schreiben.

Der Plan ist zum Teil eine Flucht, zum Teil eine Reihe von Kompromissen. Er kann mir wahrscheinlich keine Lebenswünsche erfüllen aber meinem Leben zumindest wieder einen Sinn geben. Ob und wie weit er sich in die Tat umsetzen lässt, wird sich noch zeigen…

zp8497586rq