Seit ich 1999 das erste mal Berlin besuchte, bin ich ein großer Fan dieser Metropole und seitdem etliche Male dort gewesen. Und was mich immer wieder in Erstaunen versetzt ist die Tatsache, dass jede Ankunft in Berlin in mir ein Hochgefühl weckt und ich mit der Stadt sofort wieder vertraut bin. Was auch immer mich mit Berlin verbindet – es erscheint mir beinahe magisch!

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Doch im letzten Jahr hat es mich ins Ruhrgebiet verschlagen… naja, im Grunde sogar schon vorher. Während meiner 2 Jahre in Düsseldorf verbrachte ich nach und nach einen größeren Teil meiner Freizeit im nahe gelegenen Ruhrpott als an meinem Wohnort. Und die Gegend faszinierte mich schon von Beginn an. Der Kontrast zwischen dem immer noch vorhandenen Image des düsteren Kohlenpotts und der tatsächlich seit langem existierenden sehr attraktiven urbanen Landschaft spricht mich sehr an. Die einzigartige Industriekultur, die die Gegend prägt, trifft meinen Geschmack total. Mit der herzlich-bescheidenen und doch unverhohlenen Art der Ruhris (die natürlich oft einen leicht asozialen Touch hat) komme ich gut klar. Im Grunde habe ich in den letzten Monaten sogar ein kleines Herz für Ruhrpott-Assis entwickelt. 😉

Natürlich hat auch Berlin seine speziellen Reize… Es ist eine typische Hauptstadt mit allen Vorzügen, die im Grunde für jeden Geschmack das Passende zu bieten hat. Auch wenn das Stadtgebiet extrem weitläufig und für den Neuling ziemlich unüberschaubar ist, hat jeder Kiez seinen speziellen Charakter, und es gibt im Grunde kein einzelnes Stadtzentrum, das ganz Berlin repräsentiert. Ich mag die Berliner sehr – soll heißen diejenigen, die dort aufgewachsen sind. Sie haben eine sehr direkte Art, die mir gut gefällt, und einen witzigen Dialekt. Im Gegensatz dazu ist mein Eindruck von den Zugezogenen kein besonders guter. Die meisten Wahl-Berliner sind mit bestimmten Zielen, Hoffnungen oder Illusionen dort hin gezogen, die sich nicht immer erfüllen ließen. Und ganz ehrlich: Diejenigen, die es geschafft haben ihre Ziele in der Hauptstadt zu verwirklichen, sind mir unsympathischer als diejenigen, die auf der Strecke geblieben sind. Denn sie verändern durch ihre „mitgebrachten“ Einstellungen und Verhaltensweisen das gesellschaftliche Bild der Stadt… meistens nicht auf positive Weise. Wer hingegen in Berlin auf keinen grünen Zweig gekommen ist, passt sich entweder an oder verschwindet wieder – und ist mir daher gleichgültig.

Nun stellt sich die Frage: Was ist mit den Wahl-Ruhris? Und gibt es sie überhaupt?? Auf viele dieser Art bin ich bisher nicht gestoßen! Im Gegenteil – man trifft zwar überall auf der Welt gebürtige Ruhrpottler, die ihre Heimat verlassen haben, aber findet kaum jemanden der freiwillig z. B. nach Duisburg, Witten, Herne oder Marl gezogen ist. Und ich weiß woran das liegt, denn ich gehöre zu der seltenen Spezies derjenigen, die es trotzdem getan haben! Aber bereut habe ich es bisher keine Sekunde lang. Auch als nicht gebürtiger Einwohner fühlt man sich im Pott sofort integriert, sofern man mit der Mentalität seiner Mitmenschen klar kommt. Und es gibt so viel zu sehen und zu erleben! Eigentlich ist das Ruhrgebiet ein großes Abenteuerland oder ein Fundus von Geheimtipps, denn viele seiner Sehenswürdigkeiten sind außerhalb seiner Grenzen (noch) gar nicht bekannt. Jeder in Westdeutschland kennt wohl das CentrO in Oberhausen, die Veltins-Arena auf Schalke und vielleicht die Zeche Zollverein in Essen. Aber was ist mit dem Landschaftspark Duisburg-Nord, dem Tetraeder in Bottrop, der Halde Hoheward bei Herten oder der Festung Hohensyburg zwischen Dortmund und Hagen? Durch diese und weitere Highlights steht das Ruhrgebiet bei mir sehr hoch im Kurs, und ich fühlte mich schon mehrfach in der Rolle eines Ruhr-Botschafters, wenn ich bei Familie und Bekannten versuchte, meine momentane Wahl-Heimat anzupreisen.

Nochmal zurück zu Berlin… Auch dort gibt es viele schöne Flecken, die in keinem Stadtführer vertreten sind und erstmal entdeckt werden müssen. Der durchschnittliche Berliner – egal ob gebürtig oder zugezogen – kennt sich in seiner Stadt nicht wirklich gut aus, so zumindest mein Eindruck. Innerhalb seines Kiezes fühlt er sich wohl, pendelt auch unter Umständen ans andere Ende der Stadt, um zur Arbeit zu gelangen, doch wird seine Freizeit nur selten dazu nutzen neue Plätze in Berlin zu entdecken, die er noch nicht kannte.
Ein gewaltiger Unterschied zum Ruhrgebiet, denn dessen Einwohner sind im Allgemeinen ziemlich unternehmungslustig, fahren zum Einkaufen oder Spazieren gerne mal in eine der benachbarten Städte und kennen sich meist gut aus in ihrer Gegend.

Was das Fehlen eines einzelnen Zentrums angeht, sind sich der Pott und die Hauptstadt wiederum ähnlich, wobei ersterer mit mehr Vielfalt und letztere mit einer einheitlicheren Organisation (z. B. bei öffentlichen Verkehrsmitteln) punkten kann. Bei der Zahl der Einwohner und der Fläche liegt das Ruhrgebiet als Ganzes natürlich eindeutig vorn, doch Berlin hat den Hauptstadt-Vorteil. Verkehrstechnisch gibt es bei beiden Ballungsgebieten gleich viel oder wenig zu meckern. Flughäfen sind vorhanden (naja, auch wenn der Düsseldorfer genau genommen nicht im Pott liegt und Schönefeld in Brandenburg), Autobahnen und Bahnstrecken ebenfalls en masse. In beide Regionen oder dort weg gelangt man also problemlos. Nur innerhalb beider Metropolen ist bedingt durch deren Größe insbesondere das Autofahren stressig und unter Umständen sehr zeitraubend. Für Familienbesuche ist das Ruhrgebiet in meinem Fall deutlich näher als Berlin, genau genommen nur etwa halb so weit. Doch wenn man davon ausgeht dass solche Besuche nicht alle paar Tage vorkommen, macht es keinen großen Unterschied ob nun 250 oder 500 Kilometer überwunden werden müssen.

Ich könnte jetzt noch eine ganze Menge weiterer Vergleiche anstellen und immer weiter ins Detail gehen, doch ein klareres Bild würde sich dadurch wohl nicht ergeben. Für mich würde eine Entscheidung zwischen Ruhrgebiet und Berlin ein Dilemma bedeuten. Oder geht aus dem, was ich geschrieben habe, eine klare Tendenz hervor? 😉

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