Aus gegebenem Anlass möchte ich mich einmal mehr zur Einstellungspolitik bzw. zum Umgang mit Bewerbern und Mitarbeitern bei Unternehmen beklagen. Denn ich habe Grund zur Annahme, dass Ehrlichkeit prinzipiell keine Eigenschaft ist, mit der man bei Arbeitgebern punkten kann. Statt dessen scheint nicht nur erwartet zu werden, dass man negative Aspekte der eigenen Person oder des Unternehmens verschweigt, sondern im Zweifelsfall sogar lügt, nur um den schönen Schein zu wahren!

Es beginnt bereits bei den Bewerbungsunterlagen. Wer hier zu 100 Prozent bei der Wahrheit bleibt, der hat entweder tatsächlich einen astreinen Lebenslauf oder schlechte Karten, in die nächste Runde zu gelangen. Ergeben sich zeitliche Lücken oder Ungereimtheiten aus den eingereichten Unterlagen, ist das seitens der Unternehmen gerade im Fall zahlreicher Bewerber schon ein Grund, einen Kandidaten von vorn herein auszusortieren. Das Fatale dabei: Ein Bewerber erfährt in aller Regel nichts über die Gründe der Ablehnung und kann somit nicht aus seinen „Fehlern“ lernen. Entsprechende Nachfragen gelten als indiskret, weil man ja damit zu ehrlichen Aussagen gedrängt wird.
Ergo: Den Lebenslauf „aufzumöbeln“ und Zeugnisse zu fälschen mag zwar illegal sein, doch es wird in der Regel nicht auffallen und tatsächlich statt dessen sogar belohnt! Erhält man trotz wahrheitsgemäßer Angaben in den Unterlagen eine persönliche Einladung, ist vermutlich die Anzahl der Bewerber sehr gering oder der Entscheider ist aus irgendwelchen spezifischen Gründen neugierig und möchte sich einen persönlichen Eindruck verschaffen. Man kann allerdings davon ausgehen, dass die kritischen Punkte aus den Unterlagen im Gespräch dann ungeniert angesprochen werden.

Und damit sind wir beim nächsten Schritt – dem Vorstellungsgespräch. Leider gilt auch hier Ehrlichkeit nicht als Tugend! Beide Seiten wollen sich im Rahmen eines solchen Tête-à-Tête so positiv wie möglich verkaufen und ihr Gesicht wahren. Und hier gehört es dazu, negative Punkte zu umschiffen bzw. zu verschleiern… oder im Zweifelfall wiederum zu lügen, um nicht in irgend eine Bredouille zu geraten oder sich einen Fauxpas zu erlauben. Ein Vorstellungsgespräch ist bildlich betrachtet eine Art Tanz auf einem Drahtseil (wahlweise auch ein Kampf auf einem Podest über dem Abgrund), bei dem man sich nur durch gewissenloses Vorgehen vor Abstürzen bewahren kann. Und zu letzteren zählen leider auch ehrliche Antworten, die den „Wert“ des Bewerbers oder des Unternehmens herabsetzen können. Ein Teil der Taktik der Gesprächsteilnehmer (logischerweise hauptsächlich seitens des Unternehmens) ist, die andere Seite zum Absturz zu bringen und damit zu schwächen. Jedoch gilt es für die Vertreter des Unternehmens dabei durchaus als legitim, indiskrete Fragen zu stellen, um den Bewerber in die Ecke zu drängen, wohingegen dieser sich mit entsprechenden Fragen eher disqualifiziert und nur durch geschicktes Umgehen oder schamloses Lügen bei sensibleren Themen sein Gesicht und damit seine Chancen auf die Position wahren kann. Um es noch einmal ganz klar auf den Punkt zu bringen: Im Vorstellungsgespräch wird keineswegs Wert auf Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit oder Offenheit gelegt, sondern primär auf souveränes Auftreten. Und das auch, wenn dabei zu unmoralischen Mitteln gegriffen werden muss.

Ohne Frage ist ein Vorstellungsgespräch eine spezielle Situation, in der zum Teil andere – auch ethische – Regeln gelten als im allgemeinen (Berufs-)Leben. Doch für den Stellenwert der Ehrlichkeit trifft dies leider meist nicht zu. Denn auch im Arbeitsalltag wird nicht selten erwartet, die Wahrheit zu verschleiern oder im Sinne des Unternehmens zu verbiegen. Mit der Unterzeichnung des Arbeitsvertrags verpflichtet sich ein Mitarbeiter, in Bezug auf seinen Arbeitgeber stets loyal zu sprechen, zu handeln und aufzutreten. Und ist es im Interesse des Unternehmens, dass bestimmte Stakeholder (also beispielsweise Kunden, Lieferanten oder Aktionäre) belogen werden, wird genau dies automatisch von allen Mitarbeitern erwartet! Ein ehrliches Auftreten oder eine Weigerung Unwahrheiten zu kommunizieren kann somit unter Umständen zu Maßnahmen wie Abmahnungen führen.

Spätestens an dieser Stelle gehen die Erwartungen in Bezug auf die berühmte „Identifikation mit dem Unternehmen“ meiner Meinung nach zu weit. Jemand, der tatsächlich persönlich für eine Firma haftet, darf in deren Namen gerne Lügen verbreiten, wenn er dies für vertretbar hält. Er trägt dann auch das volle Risiko. Doch Angestellte, die lediglich für ihre Arbeitskraft bezahlt werden, sollten niemals zu unmoralischem Verhalten gedrängt werden, weil die Führung des Unternehmens oder einer Abteilung es für vertretbar hält. Und in dem Moment, wo versucht wird eine Person vertraglich zu Unehrlichkeit zu verpflichten, ist ohnehin jegliche Seriosität passé.

Ohne in Propaganda verfallen zu wollen, möchte ich deutlich machen, dass es mir zuwider ist, wenn wirtschaftliche Interessen über die ethischen Werte von Individuen gestellt werden. Und gerade beim Thema Ehrlichkeit sind wir meinen Erfahrungen nach schon längst dort angekommen.

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