1999 – ach jaaa, das war noch was, damals… Ich war gerade mal 18 und das allererste mal in Berlin. Es war eine relativ spontane Aktion. Sie passte irgendwie in die späten 90er Jahre und ins späte Teenager-Alter. Einmalig, unwiederholbar und absolut prägend.

Wir hatten von dieser bekannten Veranstaltung namens Loveparade gehört, die jeden Sommer irgendwo in Berlin stattfand. Und was wussten wir von Berlin? Hauptstadt halt, irgendwie ziemlich groß, ziemlich weit weg „so da oben rechts“, aber viel mehr dann auch nicht. Immerhin – es waren Sommerferien, das Wetter war gut, es gab keine Verpflichtungen denen wir nachkommen mussten und niemanden der uns aufhalten konnte. Die Deutsche Bahn hatte noch „Guten-Abend-“ und „Schönes-Wochenende-Tickets“ im Angebot, die erschwingliche Fahrten kreuz und quer durch die Republik ermöglichten. Wir waren zu zweit – mein Cousin und ich – und hatten uns vorgenommen mal nach Berlin auf die Loveparade zu gehen.

Zur Fortbewegung die Bahntickets, zum Schlafen ein geliehenes Zelt – an mehr dachten wir tatsächlich damals nicht. Und es funktionierte! Einmal vom Westerwald nach Berlin und zurück, ohne großen Plan, einfach so. Probleme entstehen eben meistens nur dann wenn man Zweifel hat. Wir kamen erst tief in der Nacht in Berlin an, am Bahnhof Zoo natürlich. Der war uns ein Begriff, und deshalb war es aufregend plötzlich mittendrin zu stehen. Wir brauchten die „Bändchen“, so viel wussten wir. Mit denen konnte man das ganze Wochenende über alle öffentlichen Verkehrsmittel im Bereich der BVG nutzen. Und wir wollten auf keinen Fall die restliche Nacht in diesem berüchtigten Bahnhof verbringen. Vor dem Ausgang wuselten aber einige mobile Verkäufer herum, bei denen man die begehrten Bändchen und diverse Fressalien bekommen konnte.

Der Rest ist Geschichte, und die werde ich niemals vergessen. Morgens wildes Campen am Rand der Metropole, ab mittags 1 Million Menschen im Tiergarten, strahlender Sonnenschein, Durst, am Abend ganz vorne stehen direkt unterhalb der kleinen DJ-Kapsel, Bewegung, Licht, Bässe, zum Schluss an- und abschwellendes weißes Rauschen. Das war die Loveparade, das war Berlin, das waren wir.

Auf die beschwerliche Rückreise will ich jetzt nicht eingehen, wohl aber auf den gescheiterten Versuch die Erfahrung zu wiederholen. Es müsste 2002 gewesen sein, wir waren diesmal zu dritt – mein Bruder war mit von der Partie. Wir traten im Partnerlook auf: Rote Klamotten und rot gefärbte Haare, die irgendwie nach oben gestylt waren, nach Nuller-Jahre-Manier. Das erwartete Feeling wollte sich aber nicht so recht einstellen. Für die Hin- und Rückfahrt hatten wir Plätze in einem speziell gecharterten Reisebus gebucht. Die meisten Insassen waren jünger und schienen eine andere Partykultur zu haben als wir. Die Fahrten/Übernachtungen im Bus waren langatmig und nervig, Berlin war für uns nix Neues mehr, es waren viel zu wenige Leute da, und irgendwie war auch das Wetter nicht so toll. Selbst die geschossenen Fotos waren nur noch was für die Tonne, da die (analoge) Kamera wohl vorher schon was abbekommen hatte. Alles in allem bot die Loveparade in jenem Jahr nichts was bei mir intensive Erinnerungen hinterlassen hat.

Irgendwann kam das Aus für Berlin… Und dann war auf einmal die Rede vom Ruhrgebiet. Ich hatte das Thema Loveparade für mich schon abgehakt und nicht weiter verfolgt. Deshalb erreichten mich 2007 die Informationen über das Revival in Essen erst ziemlich spät. Ich war jobmäßig gerade neu in Düsseldorf angekommen, und mein damaliger Vorgesetzter hatte in unserem Büro ein Plakat angebracht, das ich zwar nebenbei registriert aber nicht näher studiert hatte. Irgendwann fiel mein Blick dann doch einmal etwas länger darauf, und eine kurze Recherche im Internet führte zu Tage dass der Termin für die Loveparade 2007 am darauf folgenden Samstag war und das ganze in Essen stattfinden würde. Ähnlich spontan wie beim ersten mal entschied ich, mir die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Durch die geografische Nähe war außerdem keine wirkliche Planung nötig.

Diesmal war ich allein unterwegs. Mit dem Zug nach Essen zu kommen war kein großes Problem, und es war mein erster Besuch in dieser Stadt. Tatsächlich war wieder ein Quäntchen des 99er-Gefühls zu spüren, weil sich ein paar Dinge wiederholten. Das Wetter war in etwa das gleiche, die Besucherzahl wurde sogar noch übertroffen, und es kam sogar ein wenig Rave-Atmosphäre auf. Ich hatte erwartet dass die Veranstaltung einen völlig anderen (vor allem kommerzielleren) Charakter haben würde als seinerzeit in Berlin, wurde jedoch angenehm überrascht. Natürlich war das Bühnengebilde übertrieben und irgendwie größenwahnsinnig, aber nicht weniger beeindruckend. Die Musik, die zur „Abschlusskundgebung“ über den Berliner Platz schallte (Nomen est Omen!), hatte nicht viel kommerzielles und erinnerte an die alten Elektro-Zeiten. Leider konnte ich nicht bis zum Ende bleiben. Aber ich erfuhr am eigenen Leib, warum eine Berliner Veranstaltung sich nicht mal eben so an einen anderen Ort verlagern lässt. Die Platzverhältnisse sind einfach zu unterschiedlich. Mangels Alternativen nutzten fast alle Besucher den Essener Hauptbahnhof zur An- und Abreise. Dieser war für das Menschenaufkommen an diesem Tag rein architektonisch alles andere als geeignet. Man hatte das Gefühl in einem großen Fleischwolf zu sein. Von einer Seite strömte alles trichterförmig in einen engen Tunnel hinein und aus mehreren noch engeren Öffnungen in mehr oder weniger zerdrücktem Zustand wieder hinaus. Ich war heilfroh wieder in einem Zug zu sitzen, der mich an einen anderen Ort bringen konnte, auch wenn ich wahrscheinlich den besten Teil der Veranstaltung verpasst hatte.

Ein Jahr darauf war Dortmund dran, ein Besuch der dortigen Loveparade war von mir fest eingeplant, und ich hatte sogar wieder einen Mitstreiter. Im Vorfeld war zu lesen gewesen dass man die Verkehrssituation diesmal systematisch entschärfen wollte, indem Bahnreisende je nach Abfahrtsort über verschiedene Bahnhöfe geschleust werden sollten. Wir wollten besonders schlau sein und stellten das Auto im nahe gelegenen Hagen ab, um von dort aus per Bahn in den Hexenkessel zu fahren. Die Züge aus Hagen landeten aber ausgerechnet im Dortmunder Hauptbahnhof, wo natürlich die Hölle los war. Entsprechend überlastet waren die Bahnstrecken, so dass man zeitweise im völlig überfüllten Zug festsaß, während dieser darauf wartete weiterfahren zu dürfen. Das Wetter war leider sehr wechselhaft. Als wir gerade vor den Westfalenhallen angekommen waren gab es einen Wolkenbruch sondergleichen, der den ohnehin nicht richtig aufkommen wollenden Spaß komplett vernichtete. Die B1 als geplantes Äquivalent zur Straße des 17. Juni konnte nicht überzeugen. Man fühlte sich permanent gefangen, weil es praktisch keine Ausweichmöglichkeiten gab und die Bundesstraße bis auf wenige Zugänge hermetisch abgeschirmt war. Auf dem Messegelände verlief sich die Menge ein wenig, aber das ganze Areal war sehr unübersichtlich. Reichlich gefrustet machten wir uns schon am Nachmittag wieder auf den Heimweg. Wir hatten Glück gerade einen passenden Zug zu erwischen und einer vorübergehenden Komplettsperrung des Hauptbahnhofs zu entgehen. Die Abschlusskundgebung konnten wir noch teilweise am Fernseher verfolgen. Die Show war für meinen Geschmack nicht übel. Ein Bekannter, der sie bis zum Ende vor Ort verfolgt hatte, erzählte mir später dass die Stimmung noch richtig gut geworden war.

Tja, und nach dem Bochumer Aussetzer in 2009 steht nun die Duisburger Version der Loveparade unmittelbar bevor. PR-mäßig ist sie schon vorher ein Erfolg gewesen. Lange genug stand sie offiziell auf der Kippe, um dann schließlich doch mit Hilfe der „Community“ gerettet zu werden. Man fragte sich indessen, wo um alles in der Welt man in Duisburg den Platz für eine solche Riesenveranstaltung schaffen wollte, nachdem sich die beiden Vorgänger im Ruhrpott glimpflich geschlagen hatten. Mein erster spontaner Einfall war eine gesperrte A59 für die „Floats“ und eine Abschlusskundgebung im Innenhafen oder dergleichen. Denkbar, aber offenbar nicht realisierbar. Irgendwann geisterte die Meldung durch die Medien, ein Gelände in der Nähe des Hauptbahnhofs sei nun für das Event vorgesehen. Aha, Hauptbahnhof also. Macht logistisch betrachtet Sinn, weil die Massen dann nicht durch die halbe Innenstadt geschleust werden und dafür etliche Straßen und Wege gesichert werden müssen. Macht wirtschaftlich betrachtet Sinn, weil das Duisburger Stadtzentrum mit seiner Königstraße quasi sauber von der Großveranstaltung getrennt und der normale Shoppingbetrieb munter weiter gehen kann, während die Raver in ein abgeriegeltes Gelände gepresst werden. Sozusagen in einen Fleischwolf ohne Lochscheibe. Wenn man sich das bildlich vorstellt, möchte man sich gar nicht vorstellen wie es sich anfühlt. Angesichts der Tatsache, dass laut offizieller Aussage des Veranstalters das Gelände maximal 500.000 Menschen fassen kann und bei gutem Wetter mindestens die doppelte Anzahl erwartet wird. Ach ja, und offenbar gibt es nur einen einzigen Ein- und Ausgang. Was wäre wenn es auf dem Gelände zu einem Vorfall käme, zum Beispiel gewalttätiger Art? Eine Massenpanik benötigt keinen großen Auslöser. Da die Organisatoren dies ja mit Sicherheit bedacht haben, kann man damit rechnen dass es entsprechend strenge Zugangskontrollen geben wird. Und wenn man schon mal dabei ist die Besucher auf Waffen und Ähnliches zu filzen kann man auch direkt sämtliche mitgebrachten Getränke aus dem Verkehr ziehen.

Womit die Loveparade schließlich zu einem von vielen Open-Air-Festivals mutiert ist. Keine Floatstrecke über breite Straßen mehr, kein Chillen im Grünen wenn man müde vom Tanzen ist. Stattdessen ein trostloses, mal eben auf die Schnelle mit grobem Schotter geplättetes ehemaliges Güterbahnhofsgelände abseits der City, auf das die feiernde Gemeinde abgeschoben wird. Vor ein paar Tagen konnte ich vom Zug aus einen kurzen Blick auf das Gelände werfen und möchte dazu nur sagen: Es sah provisorisch, armselig und vor allem viel zu klein aus. Es schien komplett von Bauzäunen umgeben zu sein und hatte schon rein optisch absolut gar nichts mit den Locations zu tun, an denen bisher die Loveparade stattgefunden hat.

Sollte ich morgen den Weg nach Duisburg finden und tatsächlich auf dem eben beschriebenen Gelände landen, werde ich zumindest davon garantiert enttäuscht sein. Was nicht heißen muss dass es den meisten Besuchern so gehen wird. Ich könnte mir gut vorstellen dass die heutige U-20-Generation Veranstaltungen wie die Original-Loveparade nie erlebt hat und an Festivals mit Absperrungen, Einlasskontrolle und Getränkeverbot gewöhnt ist. Und genau diese Generation wird vermutlich den größten Teil der Besucherschaft ausmachen.

Dass unser guter Herr Lenz (aka Westbam) bis zu diesem Jahr gewartet hat um sein Abschiedsständchen zu geben, ist mehr als unglücklich. Aber irgendwann muss er diesen Schritt schließlich gehen, und es kann eigentlich nur noch schlimmer werden für ihn. Die Generation, die ihn zu seinen besten Zeiten begeistert gefeiert hatte, sitzt heute größtenteils im Büro oder bei der Familie und ist zu Silbermond, Unheilig oder ähnlichem Seicht-Rock konvertiert. Eigentlich möchte ich mir Westbams Abschiedsfeier gar nicht live ansehen, allein schon aus Angst vorm Fremdschämen. Ein Techno-Veteran, der sich vor einem Publikum, das ihn womöglich gar nicht kennt, um Beachtung bemüht – das wollen wir nicht wirklich sehen. Ich hoffe für ihn, dass seine Euphorie über das ganze Brimborium um seine Person ihn das nicht bemerken lässt…

Ja ja, die Loveparade – wo ist sie hin? Ein Teil von ihr bleibt bestehen… in meinen Erinnerungen an den Sommer ’99.

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