Es war eindeutig einer dieser Tage. Das konnte ich schon behaupten, bevor er richtig angefangen hatte.

pay for homework

Eigentlich hatte es keine Vorboten oder bestimmte Voraussetzungen gegeben. Wie auch immer… Das Folgende ist mir heute widerfahren:

Aufstehen wollte mein Körper nicht so recht, als der Wecker um 6:30 piepte. An sich nichts Ungewöhnliches, zumal mein Schlaf eher unruhig und die Träume eher verwirrend gewesen waren. Wie gewohnt ging ich ins Bad, machte den üblichen morgendlichen Durchlauf, zog mich an und war bereit für den Weg zur Arbeit – fast! Der reflexartige Griff nach dem wichtigsten Objekt des zivilisierten Menschen – der Brieftasche, dem Geldbeutel, dem Portemonnaie, wie auch immer man es nennen will – führte ins Leere. Ich würde mich als Gewohnheitstier bezeichnen, und eben deshalb war die Situation schon ungewöhnlich. Zu 90 Prozent finde ich mein Portemonnaie morgens an einem von zwei Orten vor: auf dem Esstisch oder in der Jackentasche. Wenn es dort nicht ist, habe ich meine Kreditkarte oder ähnliches am Abend davor gebraucht, und es liegt in der Nähe des Computers. Nichts davon war heute der Fall. Das genügte schon um mich ziemlich unruhig werden zu lassen. Auch ein Durchkämmen der unwahrscheinlicheren Plätze in der Wohnung führte nichts zu Tage. Der nächste logische Schritt war meinen Freund anzurufen, der gestern Abend hier gewesen war. Vielleicht hatte er eine Idee wo das Teil abgeblieben sein könnte. Doch nach ein paar mal Tuten kam ein Besetztzeichen, und bei den nächsten Anrufversuchen nur noch eine nervige Ansage, der Teilnehmer sei nicht erreichbar. Fast hätte ich das Handy quer durchs Zimmer geworfen. Einen Moment lang kam das Gefühl auf, ich wäre noch am schlafen und das ganze nur ein Traum. Ich zwang mich zum Fokussieren und überlegte wann und wo das Portemonnaie das letzte mal zum Einsatz gekommen war. Im Bus natürlich, beim Vorzeigen der Fahrkarte, gestern Abend auf dem Heimweg. War es mir dort irgendwie aus der Jacke gefallen? Man könnte ja mal nachfragen ob es gefunden worden war. Die Vestische Straßenbahnen GmbH hat ein Fundbüro, und dieses ist von 13 bis 15 Uhr Montags bis Donnerstags besetzt. Tolle Arbeitszeiten, echt. Natürlich ging unter der angegebenen Nummer niemand ans Telefon. Und auch die liebe Nachbarin meines Freundes, die mir zumindest etwas seelischen Beistand hätte leisten können, war gerade nicht zu erreichen.

Um kurz vor 8 rief ich erstmal meinen Chef an, um die Lage kurz darzustellen und ihn wissen zu lassen dass ich nicht wusste ob und wann ich heute zur Arbeit erscheinen könnte. Denn ohne Zugfahrkarten, Geld, EC-/Kreditkarte und Ausweis ist man in der Tat ziemlich aufgeschmissen und fühlt sich tatsächlich irgendwie seiner Identität beraubt! Ein paar Minuten später ließ Vodafone mich via SMS wissen, dass mein Gesprächspartner nun wieder per Handy erreichbar sei. Also rief ich meinen Freund sofort zurück, der mir erzählte er hätte sein Handy verloren und sei bei der Suche in seinem Auto nicht nur auf das Handy – mit zwischenzeitlich leerem Akku – sondern auch auf mein Portemonnaie gestoßen. Wie es dort hin gekommen war, konnte keiner von uns nachvollziehen, zumal ich das Auto gestern nicht betreten hatte. Egal… Ich war in Recklinghausen, das Auto in Essen. Etwa eine dreiviertel Stunde später war das Auto dann in Recklinghausen und auch das vermisste Portemonnaie. Okay so weit – erstes Ziel erreicht!

Da ich nun sowieso mindestens zwei Stunden später erst auf der Arbeit hätte sein können, lag der Entschluss nahe kurzerhand den Vormittag komplett frei zu nehmen und die damit gewonnene Zeit für Erledigungen zu nutzen, die nach Feierabend oder am Wochenende nicht möglich sind. Im aktuellen Fall ging es um einen neuen Reisepass, den ich für den anstehenden Urlaub im September noch brauche. Mit einem kurzen Anruf beim Chef war der Weg für den nötigen Amtsgang – zumindest theoretisch – frei.

Den Besuch eines Fotostudios halte ich bei Reisepass-Bildern für unnötig und vor allem zu teuer, zumal es sich aufgrund der Vorgaben nicht mal um schöne Bilder handelt. Deshalb hatte ich schon in einer „privaten Session“ ein passendes digitales Foto vorbereitet, das nur noch auf Fotopapier gebracht werden musste. So etwas hatte ich schon einmal bei dm erledigt, allerdings nicht im Passbild-Format. Aber einen Versuch war es wert, und ich wusste wo in meiner Stadt ein dm zu finden ist. Dort angekommen fand ich dann auch ein paar Foto-Kioske von Kodak vor, wählte einen aus und wühlte mich durchs Menü. Ein Passbild-Format konnte ich auf Anhieb nicht entdecken, lediglich eine Option für Mini-Fotos oder so ähnlich. Ich dachte mir, das würde schon in etwa hinkommen und ließ einen Bogen dieser Mini-Abzüge produzieren – für günstige 27 Cent! Aber mir schwante schon Böseres…

Zum Bürgerbüro der Stadt war es nicht weit. Es befindet sich in einem anderen Gebäude als noch vor ein paar Monaten, aber das war mir zum Glück vorher bekannt gewesen. Es war fast nichts los und damit keine Warterei nötig. Ich hielt den Mitarbeitern ohne lange Rede die Abzüge von dm unter die Nase und fragte ob man damit etwas anfangen könnte. Ein Einpassen in ein Stanzgerät für Passbilder ergab, dass die Mini-Fotos von dm zu schmal und damit unbrauchbar waren. Also musste ich erstmal unverrichteter Dinge wieder abziehen und überlegte, wo sonst noch digitale Sofortabzüge zu bekommen sind. Die Frage beantwortete sich quasi von selbst, denn direkt gegenüber prangte der unübersehbare rote Schriftzug MediaMarkt. Stimmt, dort hatte ich auch schon solche Automaten gesehen. Also schnell rüber ins Löhrhof-Center und die Rolltreppe hoch… zu verschlossenen Toren. Man öffnet eben erst Punkt 10 Uhr, und bis dahin waren es noch ein paar Minuten. Unten hatte ich im Vorbeigehen eine dieser Foto-Fix-Kabinen gesehen. Wäre ja auch eine Alternative, und ich müsste nicht warten bis der MediaMarkt öffnet. Also nahm ich mir das Ding mal vor und ging hinein. Ein Satz Passfotos, EU-konform: 6 Euro. Naja… und ach: „Der Automat gibt kein Wechselgeld“. Mit meinem 20er-Schein und bisschen Kleingeld kam ich da nicht weiter. Also doch wieder die Rolltreppe hoch, und noch ein wenig gewartet. Das Tor wurde pünktlich geöffnet, und ich lief gezielt zur Foto-Abteilung. Dort standen sie, die bekannten Kodak-Automaten (leider nicht die erhofften von CeWe). Sie ähnelten sehr denen bei dm, aber an der Wand dahinter war etwas von Passbildern im Sofortdruck zu lesen. Und in der Tat fand sich auf dem Touchscreen ein entsprechender Menüpunkt. Die Bedienung gestaltete sich extrem mühselig. Auf mein beständiges Tippen auf die angezeigten Buttons reagierte der Automat oftmals gar nicht. Bei der (meiner Meinung nach sinnfreien) Einstellung der Begrenzunglinien für das Gesicht auf dem Foto behauptete er ständig, die Passbilder ließen sich so nicht produzieren. Dann wechselte er auf ein nutzloses quadratisches Format und zoomte das Bild auf eine völlig blödsinnige Größe. Bis ich ihm beigebracht hatte mein Foto annähernd in der Form zu platzieren in der ich es vorbereitet hatte waren einige Minuten vergangen. Und der Bogen mit 6 Bildern kostete dann 2,99 €. Warum ein gleich großes bedrucktes Blatt Fotopapier mit den nutzlosen Bildformaten nur 27 Cent kostet, erschließt sich mir nach wie vor nicht. Immerhin war es trotzdem deutlich billiger als so ein Foto-Fix, geschweige denn ein Foto-Studio.

Mit den neu gedruckten Bildern ging es zurück zum Bürgerbüro, und diesmal schien das Format zu passen. Die Mitarbeiterin benötigte allerdings zwei Stanz-Versuche, bis laut Schablone alles in Ordnung war. Ich sollte dann eine Nummer ziehen, obwohl sonst niemand im Wartebereich war, und kam logischerweise sofort dran. Die zweite Mitarbeiterin war auch ziemlich freundlich und fertigte mich zügig ab. Sie wollte sofort die 59 Euro Gebühr einkassieren, die ich nicht dabei hatte (zahlt man die nicht andernorts erst bei der Abholung?). Kartenzahlung wurde laut deutlicher Hinweisschilder auf dem Gang nicht angeboten. Also musste ich nochmal zum Geldautomaten und wieder zurück. Das war zum Glück innerhalb weniger Minuten erledigt. Ich bekam noch eine Quittung. Zweites Ziel erreicht!

Auf dem Rückweg nach Hause lag die örtliche Apollo-Filiale. Die Gelegenheit, dort noch einmal die Bügel meiner neuen Brille nachjustieren zu lassen, blieb nicht ungenutzt. Und beim Back-Werk noch schnell mein Mittagessen besorgt. Mir blieb danach nicht viel Zeit zuhause, bis ich mich schon wieder auf den Weg zum Bahnhof machen musste, um zur Arbeit zu gelangen.

Die Zugfahrt war ruhig. Auf dem Weg vom Bahnhof Bösensell zur Firma gab es eine Radarkontrolle, und ich wurde mit meinem Roller (!) von den Herren Polizisten raus gezogen. Sie hatten kein „Glück“ bei mir. Zu schnell gefahren war ich offenbar eh nicht (50 km/h waren erlaubt), meine Papiere waren in Ordnung, und auch sonst fiel ihnen wohl nichts auf. Pure Zeitverschwendung also. Führte nur dazu dass ich in noch flattrigerem Zustand im Büro ankam.

Der halbe Arbeitstag war dann zumindest nicht unangenehm, die nachfolgende Zugfahrt wurde dank ausländischer Familien mit Säuglingen und einer riesigen Horde Rentner mit Fahrrädern etwas nervig, aber dafür erreichte ich noch den direkten Anschluss an den Bus, da dieser leicht verspätet war.

Und nun hoffe ich dass dieser Tag schnell zu Ende geht, nichts besonderes mehr passiert und der morgige etwas einfacher wird.

Scheiße. Ganz große Scheiße. Das muss erst einmal gesagt werden.

Was ist da heute passiert in Duisburg? Die Loveparade? Tja, das was sie werden sollte. In den Augen der Organisatoren sicherlich eine friedliche Großveranstaltung besonderen Ausmaßes. Das tatsächliche Ausmaß bekam man in den letzten Stunden auf vielen Kanälen zu sehen und zu hören. Ich ringe um Fassung. Bilder, die mir gestern durch den Kopf gegangen waren (nachzulesen in meinem vorherigen Blog-Eintrag) sind fast genau so eingetreten! Das Augenzwinkern, das den Vergleich mit dem Fleischwolf ohne Lochscheibe begleiten sollte, ist beinahe Tränen gewichen. Und ich verstehe nicht, warum kein Verantwortlicher ahnen konnte was heute passiert ist. Ich war bei weitem nicht der einzige, der in den letzten Tagen berechtigte Kritik an der Raumplanung der Veranstaltung geübt hat. Wir sollten uns jetzt wirklich nicht in Sätzen à la „hab ich’s doch gewusst“ ergehen. Wir als einfache Meinungsäußerer hätten nicht die Macht gehabt, die Tragödie zu verhindern. Aber verdammt noch mal – es sind weit mehr als ein Dutzend Menschen zu Tode gekommen und noch viele mehr verletzt worden! Und jetzt werden noch etliche Kritiker die Stimmen erheben. Die Wellen werden unglaublich hoch schlagen. Momentan finde ich das gut so. Eine so kolossale Fehlplanung gehört öffentlich angeprangert und bis ins letzte Detail ausgeschlachtet. Ja, es sollen Köpfe rollen. Natürlich werden sich die Bürokraten nun gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben, und wie immer will es keiner gewesen sein. Sollen sie nur machen. Es sollte nachzuverfolgen sein, wer in der Planung des Geländes und der Besucherwege involviert war. Und jeder einzelne, der in der Lage gewesen wäre einen wirksamen Einspruch zu erheben, trägt nun die Verantwortung für die Vorfälle im verhängnisvollen Tunnel bzw. um diesen herum. Egal wer letztlich dazu verurteilt wird eine hoffentlich angemessene Strafe zu verbüßen – ich wünsche allen eben beschriebenen Personen dass sie sich ihrer Schuld bewusst werden.

Ja, ich war auch in Duisburg am Tag der Veranstaltung. Und habe genug gesehen, um früh genug den Rückzug anzutreten. Entgegen der über die Medien ausgesprochenen Empfehlungen nutzten wir das Auto zur Anreise. Wir hatten uns kurz vorher online über Parkmöglichkeiten informiert und den Bereich um die MSV-Arena ausgewählt. Diesen erreichten wir um ca. 13:30 Uhr ohne größere Probleme. Die Straßen inklusive der A3 waren relativ gut befahrbar, und auch ein Parkplatz war zügig gefunden. Wir folgten dem nicht allzu dichten Menschenstrom unter der gesperrten A59 hindurch und die Düsseldorfer Straße entlang bis etwa zur Straßenbahnstation Karl-Jarres-Straße. Ab dort war schlagartig kein Weiterkommen mehr möglich. Man erblickte im weiteren Verlauf der Düsseldorfer Straße eine geschlossene Menschenmenge, die nicht wirklich in Bewegung war. Die Stimmung war relativ ausgelassen, und die meisten Anwesenden erweckten nicht den Eindruck als hätten sie es sehr eilig auf das Festivalgelände zu gelangen. Bis zu dessen Eingang wären es von unserem Standort aus noch ca. eineinhalb Kilometer Fußweg gewesen. Die Entscheidung diesen Weg nicht zu wählen war ziemlich schnell gefallen. Einerseits drängten sich mir unwillkürlich wieder die Fleischwolf-Assoziationen auf, andererseits machte mir meine Blase einen Strich durch die Rechnung, und in Richtung Güterbahnhofsgelände war kein Toilettencontainer zu sehen. Also drehten wir wieder um, bevor allzu viele heran strömende Menschen uns von hinten einkesseln konnten, und wanderten zurück in Richtung Parkplatz. Den restlichen Nachmittag verbrachten wir relativ entspannt im Landschaftspark Duisburg-Nord und im Oberhausener CentrO .

Was die Zukunft der Loveparade betrifft, gehe ich momentan davon aus dass es sie nicht geben wird. Die legendäre Serienveranstaltung wird nun hoffentlich zusammen mit ihren Opfern zu Grabe getragen – endlich! Es ist ein trauriger Abschied, aber ein notwendiger. Man hat nun auf die harte Tour erfahren, dass etwas das in Berlin lange Zeit funktionierte im Ruhrgebiet von vorn herein deplatziert war.

Die Loveparade ist tot – und das ist auch gut so.

1999 – ach jaaa, das war noch was, damals… Ich war gerade mal 18 und das allererste mal in Berlin. Es war eine relativ spontane Aktion. Sie passte irgendwie in die späten 90er Jahre und ins späte Teenager-Alter. Einmalig, unwiederholbar und absolut prägend.

Wir hatten von dieser bekannten Veranstaltung namens Loveparade gehört, die jeden Sommer irgendwo in Berlin stattfand. Und was wussten wir von Berlin? Hauptstadt halt, irgendwie ziemlich groß, ziemlich weit weg „so da oben rechts“, aber viel mehr dann auch nicht. Immerhin – es waren Sommerferien, das Wetter war gut, es gab keine Verpflichtungen denen wir nachkommen mussten und niemanden der uns aufhalten konnte. Die Deutsche Bahn hatte noch „Guten-Abend-“ und „Schönes-Wochenende-Tickets“ im Angebot, die erschwingliche Fahrten kreuz und quer durch die Republik ermöglichten. Wir waren zu zweit – mein Cousin und ich – und hatten uns vorgenommen mal nach Berlin auf die Loveparade zu gehen.

Zur Fortbewegung die Bahntickets, zum Schlafen ein geliehenes Zelt – an mehr dachten wir tatsächlich damals nicht. Und es funktionierte! Einmal vom Westerwald nach Berlin und zurück, ohne großen Plan, einfach so. Probleme entstehen eben meistens nur dann wenn man Zweifel hat. Wir kamen erst tief in der Nacht in Berlin an, am Bahnhof Zoo natürlich. Der war uns ein Begriff, und deshalb war es aufregend plötzlich mittendrin zu stehen. Wir brauchten die „Bändchen“, so viel wussten wir. Mit denen konnte man das ganze Wochenende über alle öffentlichen Verkehrsmittel im Bereich der BVG nutzen. Und wir wollten auf keinen Fall die restliche Nacht in diesem berüchtigten Bahnhof verbringen. Vor dem Ausgang wuselten aber einige mobile Verkäufer herum, bei denen man die begehrten Bändchen und diverse Fressalien bekommen konnte.

Der Rest ist Geschichte, und die werde ich niemals vergessen. Morgens wildes Campen am Rand der Metropole, ab mittags 1 Million Menschen im Tiergarten, strahlender Sonnenschein, Durst, am Abend ganz vorne stehen direkt unterhalb der kleinen DJ-Kapsel, Bewegung, Licht, Bässe, zum Schluss an- und abschwellendes weißes Rauschen. Das war die Loveparade, das war Berlin, das waren wir.

Auf die beschwerliche Rückreise will ich jetzt nicht eingehen, wohl aber auf den gescheiterten Versuch die Erfahrung zu wiederholen. Es müsste 2002 gewesen sein, wir waren diesmal zu dritt – mein Bruder war mit von der Partie. Wir traten im Partnerlook auf: Rote Klamotten und rot gefärbte Haare, die irgendwie nach oben gestylt waren, nach Nuller-Jahre-Manier. Das erwartete Feeling wollte sich aber nicht so recht einstellen. Für die Hin- und Rückfahrt hatten wir Plätze in einem speziell gecharterten Reisebus gebucht. Die meisten Insassen waren jünger und schienen eine andere Partykultur zu haben als wir. Die Fahrten/Übernachtungen im Bus waren langatmig und nervig, Berlin war für uns nix Neues mehr, es waren viel zu wenige Leute da, und irgendwie war auch das Wetter nicht so toll. Selbst die geschossenen Fotos waren nur noch was für die Tonne, da die (analoge) Kamera wohl vorher schon was abbekommen hatte. Alles in allem bot die Loveparade in jenem Jahr nichts was bei mir intensive Erinnerungen hinterlassen hat.

Irgendwann kam das Aus für Berlin… Und dann war auf einmal die Rede vom Ruhrgebiet. Ich hatte das Thema Loveparade für mich schon abgehakt und nicht weiter verfolgt. Deshalb erreichten mich 2007 die Informationen über das Revival in Essen erst ziemlich spät. Ich war jobmäßig gerade neu in Düsseldorf angekommen, und mein damaliger Vorgesetzter hatte in unserem Büro ein Plakat angebracht, das ich zwar nebenbei registriert aber nicht näher studiert hatte. Irgendwann fiel mein Blick dann doch einmal etwas länger darauf, und eine kurze Recherche im Internet führte zu Tage dass der Termin für die Loveparade 2007 am darauf folgenden Samstag war und das ganze in Essen stattfinden würde. Ähnlich spontan wie beim ersten mal entschied ich, mir die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Durch die geografische Nähe war außerdem keine wirkliche Planung nötig.

Diesmal war ich allein unterwegs. Mit dem Zug nach Essen zu kommen war kein großes Problem, und es war mein erster Besuch in dieser Stadt. Tatsächlich war wieder ein Quäntchen des 99er-Gefühls zu spüren, weil sich ein paar Dinge wiederholten. Das Wetter war in etwa das gleiche, die Besucherzahl wurde sogar noch übertroffen, und es kam sogar ein wenig Rave-Atmosphäre auf. Ich hatte erwartet dass die Veranstaltung einen völlig anderen (vor allem kommerzielleren) Charakter haben würde als seinerzeit in Berlin, wurde jedoch angenehm überrascht. Natürlich war das Bühnengebilde übertrieben und irgendwie größenwahnsinnig, aber nicht weniger beeindruckend. Die Musik, die zur „Abschlusskundgebung“ über den Berliner Platz schallte (Nomen est Omen!), hatte nicht viel kommerzielles und erinnerte an die alten Elektro-Zeiten. Leider konnte ich nicht bis zum Ende bleiben. Aber ich erfuhr am eigenen Leib, warum eine Berliner Veranstaltung sich nicht mal eben so an einen anderen Ort verlagern lässt. Die Platzverhältnisse sind einfach zu unterschiedlich. Mangels Alternativen nutzten fast alle Besucher den Essener Hauptbahnhof zur An- und Abreise. Dieser war für das Menschenaufkommen an diesem Tag rein architektonisch alles andere als geeignet. Man hatte das Gefühl in einem großen Fleischwolf zu sein. Von einer Seite strömte alles trichterförmig in einen engen Tunnel hinein und aus mehreren noch engeren Öffnungen in mehr oder weniger zerdrücktem Zustand wieder hinaus. Ich war heilfroh wieder in einem Zug zu sitzen, der mich an einen anderen Ort bringen konnte, auch wenn ich wahrscheinlich den besten Teil der Veranstaltung verpasst hatte.

Ein Jahr darauf war Dortmund dran, ein Besuch der dortigen Loveparade war von mir fest eingeplant, und ich hatte sogar wieder einen Mitstreiter. Im Vorfeld war zu lesen gewesen dass man die Verkehrssituation diesmal systematisch entschärfen wollte, indem Bahnreisende je nach Abfahrtsort über verschiedene Bahnhöfe geschleust werden sollten. Wir wollten besonders schlau sein und stellten das Auto im nahe gelegenen Hagen ab, um von dort aus per Bahn in den Hexenkessel zu fahren. Die Züge aus Hagen landeten aber ausgerechnet im Dortmunder Hauptbahnhof, wo natürlich die Hölle los war. Entsprechend überlastet waren die Bahnstrecken, so dass man zeitweise im völlig überfüllten Zug festsaß, während dieser darauf wartete weiterfahren zu dürfen. Das Wetter war leider sehr wechselhaft. Als wir gerade vor den Westfalenhallen angekommen waren gab es einen Wolkenbruch sondergleichen, der den ohnehin nicht richtig aufkommen wollenden Spaß komplett vernichtete. Die B1 als geplantes Äquivalent zur Straße des 17. Juni konnte nicht überzeugen. Man fühlte sich permanent gefangen, weil es praktisch keine Ausweichmöglichkeiten gab und die Bundesstraße bis auf wenige Zugänge hermetisch abgeschirmt war. Auf dem Messegelände verlief sich die Menge ein wenig, aber das ganze Areal war sehr unübersichtlich. Reichlich gefrustet machten wir uns schon am Nachmittag wieder auf den Heimweg. Wir hatten Glück gerade einen passenden Zug zu erwischen und einer vorübergehenden Komplettsperrung des Hauptbahnhofs zu entgehen. Die Abschlusskundgebung konnten wir noch teilweise am Fernseher verfolgen. Die Show war für meinen Geschmack nicht übel. Ein Bekannter, der sie bis zum Ende vor Ort verfolgt hatte, erzählte mir später dass die Stimmung noch richtig gut geworden war.

Tja, und nach dem Bochumer Aussetzer in 2009 steht nun die Duisburger Version der Loveparade unmittelbar bevor. PR-mäßig ist sie schon vorher ein Erfolg gewesen. Lange genug stand sie offiziell auf der Kippe, um dann schließlich doch mit Hilfe der „Community“ gerettet zu werden. Man fragte sich indessen, wo um alles in der Welt man in Duisburg den Platz für eine solche Riesenveranstaltung schaffen wollte, nachdem sich die beiden Vorgänger im Ruhrpott glimpflich geschlagen hatten. Mein erster spontaner Einfall war eine gesperrte A59 für die „Floats“ und eine Abschlusskundgebung im Innenhafen oder dergleichen. Denkbar, aber offenbar nicht realisierbar. Irgendwann geisterte die Meldung durch die Medien, ein Gelände in der Nähe des Hauptbahnhofs sei nun für das Event vorgesehen. Aha, Hauptbahnhof also. Macht logistisch betrachtet Sinn, weil die Massen dann nicht durch die halbe Innenstadt geschleust werden und dafür etliche Straßen und Wege gesichert werden müssen. Macht wirtschaftlich betrachtet Sinn, weil das Duisburger Stadtzentrum mit seiner Königstraße quasi sauber von der Großveranstaltung getrennt und der normale Shoppingbetrieb munter weiter gehen kann, während die Raver in ein abgeriegeltes Gelände gepresst werden. Sozusagen in einen Fleischwolf ohne Lochscheibe. Wenn man sich das bildlich vorstellt, möchte man sich gar nicht vorstellen wie es sich anfühlt. Angesichts der Tatsache, dass laut offizieller Aussage des Veranstalters das Gelände maximal 500.000 Menschen fassen kann und bei gutem Wetter mindestens die doppelte Anzahl erwartet wird. Ach ja, und offenbar gibt es nur einen einzigen Ein- und Ausgang. Was wäre wenn es auf dem Gelände zu einem Vorfall käme, zum Beispiel gewalttätiger Art? Eine Massenpanik benötigt keinen großen Auslöser. Da die Organisatoren dies ja mit Sicherheit bedacht haben, kann man damit rechnen dass es entsprechend strenge Zugangskontrollen geben wird. Und wenn man schon mal dabei ist die Besucher auf Waffen und Ähnliches zu filzen kann man auch direkt sämtliche mitgebrachten Getränke aus dem Verkehr ziehen.

Womit die Loveparade schließlich zu einem von vielen Open-Air-Festivals mutiert ist. Keine Floatstrecke über breite Straßen mehr, kein Chillen im Grünen wenn man müde vom Tanzen ist. Stattdessen ein trostloses, mal eben auf die Schnelle mit grobem Schotter geplättetes ehemaliges Güterbahnhofsgelände abseits der City, auf das die feiernde Gemeinde abgeschoben wird. Vor ein paar Tagen konnte ich vom Zug aus einen kurzen Blick auf das Gelände werfen und möchte dazu nur sagen: Es sah provisorisch, armselig und vor allem viel zu klein aus. Es schien komplett von Bauzäunen umgeben zu sein und hatte schon rein optisch absolut gar nichts mit den Locations zu tun, an denen bisher die Loveparade stattgefunden hat.

Sollte ich morgen den Weg nach Duisburg finden und tatsächlich auf dem eben beschriebenen Gelände landen, werde ich zumindest davon garantiert enttäuscht sein. Was nicht heißen muss dass es den meisten Besuchern so gehen wird. Ich könnte mir gut vorstellen dass die heutige U-20-Generation Veranstaltungen wie die Original-Loveparade nie erlebt hat und an Festivals mit Absperrungen, Einlasskontrolle und Getränkeverbot gewöhnt ist. Und genau diese Generation wird vermutlich den größten Teil der Besucherschaft ausmachen.

Dass unser guter Herr Lenz (aka Westbam) bis zu diesem Jahr gewartet hat um sein Abschiedsständchen zu geben, ist mehr als unglücklich. Aber irgendwann muss er diesen Schritt schließlich gehen, und es kann eigentlich nur noch schlimmer werden für ihn. Die Generation, die ihn zu seinen besten Zeiten begeistert gefeiert hatte, sitzt heute größtenteils im Büro oder bei der Familie und ist zu Silbermond, Unheilig oder ähnlichem Seicht-Rock konvertiert. Eigentlich möchte ich mir Westbams Abschiedsfeier gar nicht live ansehen, allein schon aus Angst vorm Fremdschämen. Ein Techno-Veteran, der sich vor einem Publikum, das ihn womöglich gar nicht kennt, um Beachtung bemüht – das wollen wir nicht wirklich sehen. Ich hoffe für ihn, dass seine Euphorie über das ganze Brimborium um seine Person ihn das nicht bemerken lässt…

Ja ja, die Loveparade – wo ist sie hin? Ein Teil von ihr bleibt bestehen… in meinen Erinnerungen an den Sommer ’99.

Der Sommer ist da. Und zwar sowas von! Die Luft erreicht im Schatten und im Freien an manchen Tagen locker Temperaturen in den Mittdreißigern. In der Sonne und in geschlossenen, ungekühlten Räumen kann es noch deutlich mehr werden.

Wie geht das größte deutsche Verkehrsunternehmen damit um? Wie sich – zum Teil sogar mit öffentlicher Resonanz – herausgestellt hat, oftmals gar nicht. Der Fall der Schülergruppe, die nach dem Ausfall der Klimaanlage im ICE bei rund 50 Grad das Bewusstsein verlor, wurde von den Medien ausgiebig breit getreten und zieht zum Glück nun Ermittlungen der Bundespolizei sowie eine Untersuchung seitens der Bundesregierung nach sich. Mittlerweile stellte sich ja sogar heraus, dass sich seit dem Wochenende zig ähnliche Vorfälle ereignet haben und die verbauten Klimaanlagen systematisch bei hohen Temperaturen versagen. Die Aufmerksamkeit richtet sich nun natürlich zunächst einmal auf Fernzüge, die bekannermaßen deutlich mehr Komfort und Service bieten als der öffentliche Nahverkehr und von den Fahrgästen mit entsprechenden Aufpreisen belohnt werden müssen. Ganz automatisch stellt sich die Frage, wie sich der Temperaturzustand wohl in den roten „Bummelzügen“ der Deutschen Bahn darstellt, wenn schon in InterCitys und ICEs massiv die Gesundheit der Fahrgäste gefährdet wird.

Ich nutze an den meisten Werktagen die RegionalBahn, um zur Arbeit und zurück zu gelangen, und verbringe daher an diesen Tagen in der Regel ca. 1 Stunde in Nahverkehrszügen. In diesem Sommer musste ich bisher glücklicherweise noch keinen Bahn-bedingten Hitzeschock erleiden. Was aber nicht bedeutet dass es in diesen Zügen kein Temperaturproblem gibt. Die auf meiner Stammstrecke eingesetzten Wagen sind allesamt von neuerem Baujahr und verfügen über Klimaanlagen. Das muss freilich nicht bedeuten dass diese auch immer eingeschaltet sind.

Es gibt 2 triviale Methoden, um in Zügen Luftzirkulation herbeizuführen: 1. die Nutzung der Kühlaggregate und 2. das Öffnen der Fenster. Letzteres sorgt logischerweise nicht für Abkühlung, ist aber bei nicht vorhandener oder abgeschalteter Klimaanlage eine willkommene (wenn auch minderwertige) Alternative. Bisher war ich der Meinung, dass in klimatisierbaren Zügen die Fenster – wenn überhaupt – nur mit Hilfe eines „Spezialwerkzeugs“ geöffnet werden können. Das macht natürlich irgendwo Sinn, da die gekühlte Luft durch offene Fenster entweichen und warme Luft von außen hereinströmen würde. In den letzten Tagen musste ich allerdings feststellen, dass in den von mir benutzten Regionalzügen einzelne Fenster geöffnet waren.

Auch gestern auf der Heimfahrt war das wieder der Fall, und im Zug war es ebenso drückend warm wie draußen. Ich fand die eintretende Luftströmung zwar ganz angenehm, fragte mich aber im selben Moment warum scheinbar bei einer Außentemperatur von über 30 Grad die Klimaanlage nicht lief. Doch halt – tat sie das wirklich nicht? Ein Probegriff an die Wandverkleidung über dem Fußboden ließ mich einen deutlich kühlen Hauch verspüren! Die Aggregate liefen also doch. Aber was sollen sie bringen, wenn bei Tempo 100 die ganze Zeit heiße Luft von außen durch die offenen Fenster herein gepresst wird? Diese Frage sollte die Deutsche Bahn am besten selbst beantworten, aber leider habe ich da meine Zweifel ob sie das kann. Es ist vielleicht wieder eine Ironie des Schicksals oder einfach nur Bahn-Logik: In den Fernzügen mit defekter Klimaanlage gibt es keine Fenster die sich öffnen lassen, während in Nahverkehrszügen in denen sie einwandfrei funktioniert die Fenster anscheinend von „dummen“ Fahrgästen jederzeit geöffnet werden können.

Bahn oh Bahn, wir sind von dir begeistert.